Diese Geschichte ist auch als .pdf-Version verfügbar: #1DieBlume

„Schau, wie schön die Blume ist“, rief das Kind dem Meister zu, „lasst sie uns pflücken!“

Doch der Meister ordnete dem Kind an, die Blume dort zu lassen, wo sie wuchs, damit sie auch andere Wanderer mit ihrem Anblick erfreuen konnte. Das Kind, fasziniert von der Schönheit der Blume, war sehr enttäuscht darüber. Es klagte bitter, dass es ungerecht sei, dass Erwachsene über Kinder bestimmen dürften, und es würde doch viel lieber auch erwachsen sein und über andere bestimmen können. Da setzte sich der Meister zu ihm und erzählte ihm ein altes Gleichnis.

„Würdest du nicht viel lieber jemand sein, der wahrhaftig mächtig ist und dem selbst Erwachsene demütig entgegentreten müssen, von dessen Gunst sie abhängig sind wie ein Kind vom Erwachsenen? Würdest du nicht lieber die Sonne sein, ohne deren Wärme selbst Erwachsene zugrunde gehen müssten?“

Das gefiel dem Kind allerdings sehr, und es rief eifrig aus, dass ihm das sehr Recht sei. Ja, es wolle viel lieber die Sonne sein als ein erwachsener Mensch. Doch der alte Meister fuhr fort:

„Siehst du diese Wolke, die sich nun langsam vor die Sonne schieben wird? All die Macht der Sonne wird gegen sie nichts ausrichten können, und alles, was von den Sonnenstrahlen auf die Erde fällt, wo die Wolke es nicht erlaubt, ist Schatten. Ist die Wolke demnach nicht ungleich mächtiger als die Sonne?“

Da rief das Kind aus, es wolle eine Wolke sein, denn es gäbe wohl kaum etwas Mächtigeres als eine Wolke. Der Meister schmunzelte.

„Du bist also eine Wolke. Du kannst dich vor die Sonne schieben und verhindern, dass ihre Sonnenstrahlen die Erde erreichen. Doch plötzlich siehst du vor dir ein gewaltiges Gebirge. Du versuchst, es zu überwinden, doch es ist zu hoch, und du löst dich in kleine Wölkchen auf.“

Da begann das Kind zu grübeln, ob es wirklich so gut war, eine Wolke zu sein, und ob es nicht besser wäre, ein Gebirge zu sein, denn wahrlich, wer könnte den ewigen Felsen etwas antun? Der Alte nahm es bei der Hand und führte es erneut zu der wunderschönen Blume.

„Diese Blume wird wachsen, und gemeinsam mit ihren vielen Brüdern und Schwestern wird sie irgendwann den harten Fels in weiche, fruchtbare Erde verwandelt haben. Ist nicht diese Blume und ihre Geschwister noch weit mächtiger als der harte Fels?“

Das musste das Kind einsehen, und es bewunderte die Blume nun neben ihrer Schönheit auch für ihre Macht, selbst ein Gebirge zu überwinden. Doch ein Gedanke ging ihm nun nicht mehr aus dem Kopf.

„Aber Meister, selbst ich kann diese Blume, mächtigste aller Wesen, pflücken, sie in eine Vase stellen, und nach einigen Tagen wird sie verwelken und nicht mehr sein! Bin denn nun ich mächtiger als das mächtigste aller Wesen?“

„Die Antwort hängt davon ab, ob du die Blume pflückst“, meinte der Meister geheimnisvoll.

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