Es war Freitagabend, und sie hatten sich wieder einmal zum Vorglühen auf dem Kinderspielplatz getroffen. Nach einer Weile, als sie schon hübsch angetrunken waren und die Sonne beinahe untergegangen war, erblickten sie eine alte Dame, die die Verrücktheit besaß, den Spielplatz barfuß zu betreten. „Ziehen Sie sich lieber Schuhe an, Oma!“, rief ein bereits leicht lallender Jugendlicher ihr zu, „Hier liegen Scherben und Müll herum! Sie könnten sich noch verletzen!“ Die Alte trat näher, und erklärte ihnen, wenn sie das täte, würde sich wohl niemand mehr Gedanken darüber machen, was Glasscherben und anderer gefährlicher Müll auf einem Kinderspielplatz zu suchen hätten.

Das war den jungen Erwachsenen in ihrem leicht angetrunkenen Zustand ein wenig zu viel der Philosophie, und sie ließen die wunderliche Alte in Ruhe. Als sie dann jedoch zum nahegelegenen Fluss hinunterstieg und mit ihren zittrigen Händen Wasser schöpfte, um es zu trinken, wurde es ihnen doch zu bunt. „Sind Sie verrückt? Der Fluss ist viel zu verschmutzt, um ihn zu trinken! Hier, trinken Sie doch etwas von unserem Wasser!“.

Die Alte erklärte ihnen daraufhin, dass sie als Kind immer aus diesem Fluss, ja aus jedem Fluss getrunken habe, und es weiter so zu handhaben gedenke. Früher hätten alle aus diesem Fluss getrunken, bis sich einige schlaue Köpfe ausgedacht hätten, den Leuten einzureden, dass der Fluss viel zu schmutzig und es besser sei, sauberes Wasser aus Flaschen zu trinken. Daraufhin hatten viele sich nicht mehr darum gekümmert, ob der Fluss sauber blieb, und heute konnte man ihn tatsächlich kaum mehr trinken.

Einzig die Menschen, die sich kein sauberes Wasser aus dem Supermarkt mehr leisten konnten, waren noch gezwungen, aus dem immer brauner werdenden Fluss zu trinken, während ihn andere offensichtlich als Müllcontainer ansahen. Doch wen kümmerte es heutzutage noch, wenn Obdachlose oder Fremde krank wurden? Das christliche „Liebe deinen Nächsten“ erstreckte sich offensichtlich mittlerweile mehr auf den nächsten Gewinn als auf notleidende Menschen. Einst war sie nach dem Krieg als Fremde nach Österreich gekommen, ohne Besitz, ohne Würde, und hatte an diesem Fluss getrunken, hatte sich an der Gastfreundschaft der Menschen erholt. Sie empfand es als ungerecht, dass Menschen in derselben Situation heute von vornherein als Kriminelle gebrandmarkt wurden und nun nicht einmal hier ihren Durst stillen konnten. Würden nicht viele der Fremden gezwungen werden, in einer solchen Situation tatsächlich kriminell zu werden?

Das mit den Fremden sei ja schade, meinten die Jugendlichen, leicht genervt von dem Geplapper der alten Dame, aber sie könnten ja in ihrem Land bleiben, wenn es ihnen hier nicht gefiele. Und was war ein Fluss schon für ein Preis für all die Freiheit, die sie heute im Vergleich zu früher genossen, all den Produkten, die ihnen zur Verfügung standen?

„Früher“, meinte die Alte traurig, „hatten wir weniger Dinge, das ist wahr, aber wir Kinder waren freier. Meine Tochter überwacht meine Enkelin rund um die Uhr, damit sie ja immer Schuhe trägt und nicht mit gefährlichem Müll spielt. Meine Tochter muss sie vor der Welt schützen, in die sie hineingeboren wurde, und verliert in all der Sorge um sie ihre eigene Freiheit. Wir hatten und brauchten weniger Dinge, weil wir unsere Fantasien und unsere Träume noch ausleben durften, anstatt sie in Alkohol ertränken zu müssen.“

Vielleicht lag es am Alkohol, doch noch einige Zeit, nachdem die wunderliche Alte gegangen war, schwiegen die Jugendlichen, als schienen sie über etwas nachzudenken. So viel sie noch tranken, es mochte ihnen an diesem Abend nicht mehr gelingen, den unbeschwerten Zustand völligen Vergessens zu erreichen.

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