Es gibt so Punkte, denkt er, da sollte man wohl eigentlich gar nicht hinkommen. Die nicht vorgesehen sind in so einem Leben. Da hat sich tatsächlich noch niemand jemals Gedanken darüber gemacht, was an jenen Punkten dann zu tun ist. Da hat man weggeschaut, sie weggewünscht, und nachdem jahrzehntelang alle vorbeigelaufen sind an jenen Punkten, hat man eben angenommen, dass sie auch tatsächlich unerreichbar sind. Und plötzlich steht man da, inmitten der vorbeiströmenden Massen, die einen gar nicht wahrnehmen können (immerhin kann es erfahrungsgemäß gar nicht vorkommen, dass da jemand steht), an einem jener Punkte. Und wenn man Pech hat, hat man sich schon umgeschaut, bevor man die Gefahr erkennen kann. Und mit einem Mal merkt man, dass man nicht nur an einem Punkt angekommen ist, von dem die meisten sich einreden, dass er gar nicht existiert. Einen unachtsamen Moment später ist es schon um einen geschehen, und man hat einen Blick dafür entwickelt, wo sich noch weitere jener Punkte verstecken mögen.

Dabei hat er es im Grunde niemals darauf angelegt, auszubrechen aus dem stetigen Strömen der Massen. Im Gegenteil, immer hat er sich bemüht, ein guter Junge zu sein. Er hat stets seine Hausübung gemacht, nie gelogen, war immer pünktlich und zuvorkommend. So ist er im Leben weitergekommen, wie man es eben so macht, wenn man in der Moderne lebt.  Irgendwann ist er im Leben dann auch angestanden. „Seinen Platz in der Gesellschaft finden“ nennen sie es, und für eine Weile hat es sich auch ganz gut angefühlt, mal auch wo anzukommen. Wenn er nur seinen verfluchten Geist unter Kontrolle gehabt hätte, wäre er heute noch an seinem ihm zugedachten Platz. Ein wenig glücklich, ein wenig unglücklich, in schönem Ausgleich. Eine weitere angenehme, neutrale Null im Nullsummenspiel des Lebens.

Und doch, in einem unaufmerksamen Augenblick, hat er seinen Geist schweifen lassen, sie gesehen, die Unregelmäßigkeit. Und anstatt daran vorbeizugehen und sie schleunigst zu vergessen, wie es für Menschen wie ihn vorgesehen ist, ist er stehengeblieben und hat sie untersucht. Hat den Punkt entdeckt, an dem er jetzt steht. Die Architekten haben sich schon etwas dabei gedacht, das Leben anstrengend und stressig genug zu machen, so dass man üblicherweise gar nicht die Zeit findet, groß auf die Umgebung zu achten. Er ist sich sicher, dass alles zum Besten der Menschheit geplant ist. Niemand kann gern an jenem Ort verweilen, an dem er sich befindet. Niemand kann gern Freude daran empfinden, zu sehen, was er nun sehen kann.

Die Geschichte, die sie ihm erzählt haben, die sie allen erzählt haben, in der Schule, im Radio, im Fernsehen, in den Zeitungen und in jedem zwanglosen Gespräch – es sind gute Geschichten. Übersichtlich. Klar. Geordnet. Es schmerzt ihn, hinter ihre Fassaden zu blicken und zu entdecken, dass sie am Ende immer nur Fassade waren, nur tote Buchstaben auf Papier, das Chaos, die Gier und die Gewalt des Lebens vor ungeschützten Augen versteckend. Vor seinem geistigen Auge erlebt er sein bisheriges Leben erneut, entdeckt nun mit geschärftem Blick weitere Unregelmäßigkeiten. Betritt weitere einst aufgegebene Punkte der Wahrnehmung. So sehr er sich müht, zurückzutreten, das Gesehene aus seiner Erinnerung zu löschen, es brennt sich in seinen Geist, überschreibt die Fassaden mit einem größeren Ganzen. In einem Moment des geistigen Erwachens erkennt er, dass es keine Entscheidung mehr ist, weiterzumachen, im Grunde nie eine war. Die Wahrheit kann verdrängt werden, zugedeckt, aber sie versteckt sich irgendwo dort draußen, wartend, lauernd auf den unachtsamen Wanderer. Doch hat sie erst einmal Einlass gefunden in den unvorsichtigen Geist, ist man ihr auf immer verfallen.

Mittlerweile ist er wahrgenommen worden von jenen, die zwischen den Punkten zuhause sind und die Massen vor der grausigen Wahrheit ihres Seins zu schützen wissen. Sie beobachten ihn aus einiger Entfernung, unsicher, wie er sich wohl zu erkennen geben wird. Wird er einer von ihnen werden, mit der edlen Aufgabe betraut, die Wahrheit in Zaum zu halten, auf dass ein gutes Leben der Vielen möglich scheine? Oder wird er einer jener hoffnungsvollen Rebellen sein, die es der Menschheit zutrauen, ihr eigenes Spiegelbild zu ertragen, nur um dann enttäuscht feststellen zu müssen, dass die Menschheit nicht dafür bereit ist, war und immer sein wird? Kann er einer der ihren werden? Wird er wohl einer der ihren werden?

Schattenhaft umschleichen sie ihn, suchen nach Unregelmäßigkeiten, anhand derer sie ihn durchschauen, festmachen können. Werden fündig, selbst verunsichert, beschließen, dass er vertrieben werden muss, doch wohin kann er jetzt noch gehen? Unschlüssig bleibt er also, wo er sich befindet. Sie bauen ihm einen Weg nach Hause, doch er spürt, dass er ihn nicht gehen kann, ausziehen muss, ein neues Zuhause für sich zu finden. Sie können ihm nicht helfen, so eine Suche ist nicht vorgesehen. Wer die Punkte erreicht, wird einer von ihnen werden. Das ist gut, das ist vorhersehbar. Keine Sonderwege, keine Extrawürste. Es gibt schließlich noch Gesetzmäßigkeiten hinter den offiziellen Gesetzen, an die man sich dann am Ende doch zu halten hat. Es gibt so Punkte, denkt er erneut, da sollte man wohl eigentlich gar nicht hinkommen. Aber wenn ich nun schon mal hier bin…

Und endlich, nach langer Wanderschaft, erreicht er den einen Punkt, an dem alles begonnen hat. „Hallo?“, fragt er in die Leere, „Ist da jemand?“, und es hallt ein wenig, denn die Leere im Anfang ist absolut. „Wo bin ich hier?“

Doch im Grunde spürt er tief in sich die Erinnerung an jenen fernen Punkt in Raum und Zeit, von dem alles ausging und zu dem alles einst zurückstreben wird, an dem alles möglich ist und gerade deswegen nichts sein kann. Und dann, sich einlassend auf das allumfassende Nichts, kann er die Welt endlich wieder ertragen. Kann all jene Punkte, all jene Unregelmäßigkeiten in eine noch größere Regelmäßigkeit und Ordnung integrieren. Kehrt zurück zu jenen ausgetretenen Pfaden, begegnet endlich wieder Menschen. „Werde einer von von uns!“, wird ihm angeboten, in Tausend Formen und Zeiten. Bekenne dich ebenso als Muslim, als Zeuge, als Lehrer, als Mann, als Mensch!

Doch wozu sich bekennen, wozu sich künstlich trennen vom Un-Bekannten? Es gibt so Punkte, an die sollte man wohl eigentlich gar nicht kommen, denkt er zum dritten Mal, während sie ihn umringen, ihn auf ihre jeweilige „richtige“ Seite zu ziehen. Die Welt wird so durchschaubar.

Am Ende geht er zu einem alten Mann, der nichts von ihm zu wollen scheint, und lässt die um seine Seele streitenden hinter sich.
„Was willst du?“, fragt ihn der Alte.
„Gute Frage“, antwortet er.
„Die schwierigste von allen“, stimmt der Alte zu.

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