Lange hat er geschlafen, Tage, Monate, Jahre. Kaum kann er sich noch erinnern, wie er hierhergekommen ist in diese Zelle. Den Raum hat er bereits ausgemessen, hat die Festigkeit der Gitterstäbe geprüft, anhand des wandernden Schattens abgeleitet, in welcher Himmelsrichtung sich das Fenster befindet. Die Waffen haben sie ihm abgenommen, doch die mächtigste, seinen Körper, haben sie ihm lassen. Anfangs hat er noch mit den Fingernägeln Zeichen in die Steinwände gekratzt, hat versucht, die Tage zu zählen, Fluchtpläne zu schmieden, seinen angestammten Platz wiedereinzunehmen. Mit Sicherheit würde man ihn vermissen. „Verräter!“, hat man ihn gerufen, und „Mörder!“, doch an die ihm vorgeworfenen Taten kann er sich kaum mehr erinnern. Längst sind sie im Nebel des Vergessens verschwunden. Hat er Unrecht begangen? Erneut quält ihn die Frage aller Fragen: Ist es gerechtfertigt gewesen, ihn hier all die Jahre einzusperren? Und: was ist mit dem König? Wer beschützt ihn? Wer beschützt nun das Land?

Es hat nie eine Gerichtsverhandlung gegeben. Eines Tages sind sie gekommen, haben ihn für nicht mehr notwendig erklärt und ihn abgeführt. Ihm seine Waffen abgenommen, ihm das Wort verboten und endlich ihn weggesperrt. „Nun herrscht Frieden“, haben sie erklärt, die Diplomaten mit ihren bunten Gewändern und noblen Titeln, „Ein Krieger ist dem Frieden nur im Weg“. Antworten hat er nicht können, die Diplomaten haben ihm das Wort verboten, und als er dagegen aufbegehren und den König warnen will, sagen sie nur – mit dem herablassenden Blick des Erwachsenen, der einem tobenden Kind gedankenlos zusieht – „Sehen Sie, Majestät, genau wie wir vorhergesehen haben. Wollen Sie sich von einem Barbaren wie ihm beraten lassen? Nie wird es mit ihm dauerhaften Frieden geben“. Der König wirkt hilflos, überfordert, stimmt zu, ihn wegzuführen. Bevor sie ihn packen, sieht er noch einmal zu dem geliebten Herrscher hinauf, der nun wieder umringt ist von den Diplomaten, den Einflüsterern. Er will schreien, toben, doch der Wille des Königs ist Gesetz, und er lässt sich mit hängendem Kopf abführen in die Zelle, in der er seit jenem denkwürdigen Tag dahinvegetiert.

Einige Male am Tag wird ihm Essen gereicht, und anhand der spärlichen Worte, die dabei ausgetauscht werden, bekommt er mit, was sich im Königreich abspielt. Diplomatische Beziehungen mit anderen Königreichen werden auf- und wieder abgebaut, die Wirtschaft blüht und verwelkt in unregelmäßigen Abständen wieder. Immer wieder gibt es kleinere Überfälle an den Grenzen, doch die Kriminellen, so erzählt man sich, seien selbst arm dran und wenn man ihnen nur Verständnis entgegenbrächte, würden sie schon wieder damit aufhören. Sie hätten ja nur Hunger wie alle anderen auch, und als weiser König müsse man ihnen mit Güte begegnen. Des Kriegers Seele rebelliert bei jenen Worten; er würde die Eindringlinge zurückschlagen lassen, und erst dann mit den Armen legale Hilfe vereinbaren. Er kann das Leid hungriger Mäuler nachvollziehen, aber warum es zulassen, dass anderen, den Menschen an den Grenzregionen, dadurch noch mehr Leid geschieht? Doch des Königs Wort ist Gesetz, und ihm fühlt er sich verpflichtet.

Eines Tages jedoch bleibt der alte Mann, der ihm ansonsten stets seine Nahrung reicht, aus, und er fühlt, dass etwas geschehen sein muss. Seine Sinne schärfen sich, er beginnt sich vorzubereiten. Das Wort des Königs hält ihn hier, nicht diese Zelle, und er fühlt, dass der König in Gefahr ist. Bald hat er die Gitterstäbe des Fensters freigegraben, findet einen Hebel und bricht sie heraus. Klettert durch das Fenster und erblickt ein verwüstetes Land. Der Alte, der immer das Essen gebracht hat, liegt erschlagen im Eingangsbereich des Gefängnisses, das Essen ist ihm entglitten. Der Krieger schließt ihm die Augen, macht sich auf den Weg zum König. Gute, sanfte Menschen sterben. Wo ist die Armee? Wo ist der König, sie zu beschützen?

Beinahe unbehelligt erreicht er das Königsschloss. Die wenigen, die sich ihm in den Weg stellen wollen, weichen vor seinem wütenden Blick zurück, suchen sich leichtere Opfer. Als der Krieger das Tor zum Thronsaal erreicht, hört er die Stimme des Königs dahinter. Er lebt! Nun wird alles gut!
„Also ich bin mir ziemlich sicher, Schreie gehört zu haben.“, hört er die Stimme des Königs.
„Majestät, das ist unmöglich. Der Räuber Bedürfnisse sind erfüllt worden. Wir haben den Konflikt gewaltfrei gelöst. Sie werden in Frieden wieder abziehen. Die Berichte müssen falsch sein.“

Der Krieger tritt das Tor auf und sieht die Diplomaten zusammenzucken.
„Seid ihr völlig verrücktgeworden?“, donnert er mit machtvoller Stimme, bereit, sie Kraft seiner Arme in Stücke oder zumindest vom König wegzureißen, doch sie machen diesem Gott des Krieges Platz.
„Ich sage doch, ich höre Schreie“, meint der König selbstzufrieden, „der Krieger schreit herum. Das Rätsel ist gelöst!“
„Majestät! Draußen vor dem Schloss werden Menschen wie Hunde abgeschlachtet! Eure Untertanen sind schwach, wehren sich nicht einmal, meinen, die Bedürfnisse der Räuber nach Blut seien eben auch wichtig. Was habt ihr getan?“
„Nicht allzu viel“, meint der König, leicht irritiert, „die meiste Zeit haben wir darüber philosophiert, wie viel besser es uns allen gehen wird, wenn wir alle gelernt haben, auf Gewalt zu verzichten.“
„Majestät! Die Hälfte eurer Bauern ist tot, und die Ernte der anderen wird gerade von Räubern verzehrt oder einfach im Zerstörungsrausch verbrannt! Wir werden alle hungern müssen – auch diese Räuber – wenn wir sie nicht sofort aufhalten! Gebt mir den Befehl, und zwar sofort, oder ich kann für nichts mehr garantieren.“
„Na, wir wollen uns nicht streiten, mein lieber Krieger, das schickt sich nicht für einen weisen König. Bitte, dann stellt eben die Ordnung wieder her.“
„Danke, Majestät!“, sagt der Krieger und verließ den Thronsaal, um rasch eine Miliz zusammenzustellen.
„Wo waren wir?“, sagt der König, verblüfft feststellend, dass sich seine Diplomaten sehr plötzlich in alle Winkel verkrochen haben. „Wovor habt ihr Angst, wo wir doch jahrelang ohne Gewalt vorgegangen sind und uns nur Freunde dabei erworben haben?“

Zwei Tage später ist alles vorbei. Die Räuber sind weitgehend an die Grenzen zurückgeschlagen, die letzten Feuer werden gelöscht und die Menschen kommen zurück aus den Bergen und Wäldern, wo sie sich versteckt haben. Das Land wird überleben, denkt der Krieger hoffnungsvoll, aber es war knapp.
„Gute Arbeit, Krieger“, sagt der König, neben ihm auf seinem königlichen Pony (all die guten Pferde wurden von den Räubern gestohlen oder geschlachtet, um sie zu essen), „aber was machen wir jetzt mit den Gefangenen?“
„Wir bringen sie an die Grenze und lassen sie frei“, sagt der Krieger, „und dann schicken wir einige eurer Diplomaten mit, um friedliche Beziehungen aufzubauen. Nun, da sie wissen, dass wir bereit sind, sie im Feld zu schlagen, werden sie auch bereit sein, wirklich mit uns zu reden.“
„Es war ein großer Sieg, Krieger. Wir wollen ihn feiern.“
„Es ist eine große Tragödie, Majestät. Tausende Menschen sind unnötig gestorben. Wir wollen trauern.“
„Eine Trauerfeier also. Damit ist es beschlossen.“, schließt der König, und reitet voran in Richtung Schloss. Viel ist zu tun, das Land wird im Wiederaufbau Führung brauchen.

Der Krieger bleibt zurück am Fuße des Hügels, von dem aus er beinahe das ganze Königreich überblicken kann. Einst hat es eine Zeit gegeben, da hat er den Kampf geliebt. Die Hitze des Moments, die Sekundenbruchteile, die zwischen Leben und Tod entscheiden können. Heute zieht er sich lieber zurück, als anzugreifen und greift nur ungern zum Schwert. Aber das Land vor ihm und die Menschen in ihm überblickend, weiß er auch um die Notwendigkeit, es zu beschützen. Er wird tun, was notwendig ist, aber ohne Hass, ohne Wunsch nach Vergeltung. Rasch reißt er sich aus seinen Gedanken. Auf, mein liebes Pferd! Der König braucht uns!, und mit dem verzückten Lächeln des zum ersten Mal Erkennenden: Ja, es ist wahr! Wir haben unseren Platz in der Welt wiedergefunden. Der Krieger ist zurückgekehrt ins Land, und hat den Krieg vertrieben.

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