#105 Aus dem Leben einer Couch

„Ich habe ein neues Auto, da wird die Couch nicht reinpassen“, meinte er zu dem Freund, doch der winkte ab. „Die passt schon rein!“
Also waren sie zu der angegebenen Adresse gefahren, hatten geklingelt, und ein leicht abwesender junger Mann hatte geöffnet.
„Das ist sie also“, sagte der Freund, und: „Das ist sie“, der Eigentümer. Und: „Sobald sie aus der Tür ist, will ich nichts mehr mit ihr zu tun haben.“
„Die passt niemals in mein Auto“, warnte er den Freund, doch der gab sich zuversichtlich: „Natürlich passt sie rein, du wirst schon sehen.“

Einige Minuten später standen sie vor der verschlossenen Tür der Wohnung, nachdem sich der ursprüngliche Eigentümer mit einem Grinsen verabschiedet hatte.
„Und wie bringen wir sie jetzt die Treppe herunter?“, fragte er, Böses ahnend, den Freund, der einen weiteren Freund nannte. Ein Passant bot seine Hilfe an, und so truegen sie nun zu viert die Couch die zwei Stockwerke herunter in den Vorgarten.
„Lasst uns das Auto holen“, meinte er, und zum Freund, der unentschlossen dreinsah, „Wie groß ist die Chance, dass vier Diebe gleichzeitig hier in diesen Vorgarten kommen und in den paar Sekunden die Couch wegschleppen werden?“

Natürlich passte die Couch nicht in das Auto, nicht einmal ansatzweise, auch wenn der Freund darauf bestand, es zumindest zu probieren, was dem  Auto erste Gebrauchsspuren zufügte.
„Dann holen wir eben den Rollwagen“, entschied der Freund.
„Und schieben die Couch die ganze Strecke bis zu dir nach Hause?“, fragte er ungläubig.

Es musste ein ungewöhnlicher Anblick für die Passanten gewesen sein, als drei lachende Männer mit einer Couch auf einem Rollwagen durch die ganze Stadt liefen, aber niemand sprach sie darauf an, wohl weil von außen schwerlich zu erkennen war, ob es ein ausgelassenes oder ein irrsinniges Lachen war. Angekommen in der Wohnung des Freundes entstand nun das nächste Problem: Die Couch passte nicht in den Lift, und als auch dieses Problem durch viel Schieben und der Hilfe eines zufällig vorbeikommenden Inders gelöst worden war, passte sie nicht durch die Eingangstür der Wohnung.
„So, perfekt“, meinte der Freund, als auch dieses Problem mit ein wenig sanfter Gewalt überwunden war.
„Die Couch besetzt gut 50% deiner Wohnfläche.“
„Meine neue Wohnung wird größer sein.“
“Dein Optimismus grenzt an Idiotie.”
“Die Dummen haben das Glück.”

„Ich brauche deine Hilfe!“, rief der Freund einige Wochen später durch das Telefon, „Ich muss heute abend ausgezogen sein!“
„Und das fällt dir erst jetzt ein?“, fragte er ungläubig.
„Hilfst du mir oder hilfst du mir nicht?“
„Natürlich. Wann soll ich da sein?“

Als er eintraf, hatte der Freund den Großteil seiner Sachen bereits gepackt, bis auf-
„Die Couch!“, rief er, sich erinnernd, aus. „Was machen wir mit der Couch?“
„Ein Freund wird sie morgen abholen. Heute hat er keine Zeit mehr.“
„Aber du musst doch heute die Wohnung ausräumen!“
„Wir stellen sie wo für ihn unter.“

Einige Stunden später, als der Rest der Sachen des Freundes verstaut war, trieb jener Glückspilz noch spontan zwei Helfer auf, um die Couch auf dem Rollwagen aus der Wohnung zu bringen.
„Wohin bringen wir das Ding?“, fragte einer der Helfer, misstrauisch, als er sich auf einem kleinen Feldweg wiederfand.
„Ich würde sie zum Supermarkt stellen, da kommen tagtäglich viele Menschen vorbei. Irgendwer freut sich bestimmt darüber“, meinte der Freund.
„Ich dachte, dein Bekannter holt sie sich morgen?“
„Vielleicht stellen wir sie auch hier hin. Hier ist es schön überdacht und sie wird nicht kaputt, wenn es regnet.“
„Hast du zumindest eine Announce auf Ebay ode so geschaltet?“
„Das werde ich noch.“
„Mit ‚Selbstabholung unter der Brücke‘?“
Der Helfer erntete ein anerkennendes Grinsen.
„Wir verstehen uns.“

Zwei Tage später konnte ein älterer Mann sein Glück kaum glauben: da stand doch tatsächlich eine saubere, gemütlich aussehnde Couch unter seiner Lieblingsbrücke, die man sogar in ein gemütliches Bett umwandeln konnte! Das war das Zeichen, auf das er gewartet hatte. Gott meinte es am Ende also doch gut mit ihm. Es würde wieder aufwärts gehen. Und zum ersten Mal seit vielen Jahren auf der Straße schlief er ruhig und ohne Angst ein, vertrauensvoll sich hingebend der Dämmerung, voller Hoffnung auf den Anbeginn eines neuen Lebensabschnitts.

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