#11 Schattenseiten der Freiheit

Wie viele Jahre hatte sie unter dem Joch der Männer gelitten, hatte dem einen nachgeweint und war doch kurz darauf dem nächsten in die offenen Arme gelaufen. Die Geschichte lief am Ende ja doch immer gleich ab: er machte ihr schöne Augen, sie zierte sich eine Weile, um ihn zappeln zu lassen, und irgendwann ließ sie ihn doch ran. Manchmal dauerte es Monate, Jahre, manchmal nur eine Nacht, aber irgendwann kam dann doch wieder dieser Augenblick. Der, in dem der Schleier der geistigen Umnachtung sich lüftete und sie wieder diesen leeren Augen gegenübersaß, die ihr nichts mehr zu sagen hatten, die ihr wohl nie etwas zu sagen gehabt hatten. Aber wer belog sich nicht so manches Mal gerne selbst? Wie sonst wollte man in dieser kalten Welt noch ein Stück Wärme finden?

Mit der Zeit war sie besser in diesem ewigen Spiel geworden. Jedes Mal, wenn sie in diese leeren Augen starrte und wusste, dass es wieder einmal an der Zeit war, sich andere, ebenso leere Augen zu suchen, hatte sie weniger Tränen vergossen. Und nun, mit ihren knapp über zwanzig Jahren, war sie erwachsen genug, sich keinen Illusionen mehr hinzugeben. Sie hatte es auf die liebenswürdige Art versucht, auf der harten Tour und all den Nuancen dazwischen, und doch starrten ihr am Ende immer die gleichen Augen entgegen. Sie hatte gelernt, ihnen nicht mehr in diese Augen zu sehen, hatte gelernt, all die kindischen Träume von Liebe und Zuneigung als Märchen zu durchschauen. Mit den Jahren war sie immer unempfindlicher geworden, bis sie eines Tages erkannte, dass sie kaum mehr etwas spüren konnte, dass sie kaum mehr etwas berühren konnte. Die Tränen, die vergossen heute die anderen.

Sie war dem Lauf der Zeit und den Träumen ihrer Ahnen gefolgt, die einst zu träumen wagten, dass eine Frau eines Tages wählen durfte, nicht nur ihre Partner, eine Partei oder einen Beruf, sondern auch, welche Art von Leben sie leben wollte. Sie hatte die Freiheit ausgekostet wie einen köstlichen Wein, ohne zu merken oder ohne sich darum zu kümmern, wie benebelt sie sich zunehmend fühlte. Und während Männer, deren Namen sie sich kaum mehr merken konnte, an ihr vorbeirauschten, stürzte sie sich in das einzige, was sie noch von ihrer inneren Leere ablenken konnte: das Neue. Sie stürzte sich in das nächste Abenteuer, in die Arme des nächsten Mannes, der nächsten Frau, denn auch dies bedeutete eine neue Erfahrung.

Einst hatte sie ihre Familie aufgrund ihrer Engstirnigkeit verhöhnt, nun mied sie von vornherein die Gesellschaft der Menschen, die sie durch ihr Leben daran erinnerten, dass es so etwas wie Beständigkeit und echte Verbundenheit doch geben mochte. Sie war eine freie Frau des 21. Jahrhunderts, eine der ersten echten Weltbürgerinnen, und stolz darauf, überall und nirgends zuhause zu sein. Sie war einem jeden auf Anhieb sympathisch, und nicht selten weinten ihr einige Männer einige Tränen nach, doch dabei und gelegentlichen Vergnügungen blieb es. Als Weltbürgerin hatte sie weder die Zeit noch das Interesse, sich noch an irgendetwas oder irgendjemanden zu binden.

Nur manchmal, in den seltenen Momenten, in denen ihr zu Bewusstsein kam, wie stolz sie einst gewesen war, als sie mit dem Rauchen aufgehört hatte, oder mit wie viel Herzblut sie ihre Freunde abgehalten hatte, tiefer in den Drogensumpf zu versinken, regte sich irgendwo tief in ihr ein leises Unbehagen. Doch als eine freie, unabhängige Weltbürgerin des 21. Jahrhunderts wusste sie natürlich, wie damit umzugehen war. Und für ein paar Stunden leuchteten in ihren Augen wieder der trügerische Schatten der Hoffnung, die einst in ihnen gelodert hatte. Bis endlich die Leere in sie zurückkehrte, die es ihr seit Monaten unmöglich machte, sich selbst im Spiegel zu betrachten.

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