Es war einmal eine junge Frau, die in der Nähe eines großen Waldes eine kleine Hütte hatte, in der sie seit ihrer Jugend lebte. Wenn die ersten Nebel aufzogen, pflegte sie jedes Jahr in den Wald zu gehen und einen guten Vorrat für den Winter anzulegen, damit sie nicht frieren musste. Als sie also eines Tages aufwachte und die prächtigen Farben der Blätter um sie erblickte, machte sie sich auf den Weg. Es war ein schöner, langer Sommer gewesen, nun freute sie sich auf eine ruhige Zeit, immer schön nah am knisternden Feuer. Und viel, viel Zeit.

Nach einer Weile des Wanderns war sie an der Stelle im Wald angekommen, wo sie guten Fund vermutet hatte, und tatsächlich gab es auch dieses Jahr wieder eine Fülle an gutem, trockenem Holz. Sie sammelte einige Stücke zusammen und band sie mit dem alten Seil, das sich in langen Jahren bewährt hatte, zusammen.

Auf dem Heimweg traf sie einen älteren Herrn, der einen Baum prüfend ansah. „Junge Dame“, rief er ihr zu, „ich sehe, Sie haben bereits gutes, brennbares Holz gefunden? Würden Sie so freundlich sein, mir davon abzugeben? Sehen Sie, ich bin ein alter Mann, und für mich ist der Weg sehr weit.“ Die junge Frau freute sich, behilflich sein zu können, und brachte ihm das Feuerholz noch bis zu seiner Hütte, bevor sie sich wieder auf den Weg zurück in den Wald machte, um für sich selbst Nachschub zu holen.

Nur wenig später traf sie ein kleines Mädchen, das sich an einem großen Stock abschleppte. „Na, wo soll es denn hingehen?“, fragte sie sie. „Nach Hause zu meinen Eltern“, erwiderte das Mädchen, „mein Vater ist krank und meine Mutter pflegt ihn, also bleibe nur ich übrig, um Holz für den Winter zu suchen“. „Na dann lass mich dir helfen“, sagte die junge Frau, und begleitete das Mädchen nach Hause. „Hier, nimm noch diese Stücke hinzu! Für mich ist es doch viel leichter, neues zu holen.“

Bald darauf war sie schon beinahe an ihrer Lieblingsstelle im Wald angelangt, als sie einen jungen Mann traf, der mit nur mäßigem Erfolg einen Baumstumpf kleinzukriegen versuchte. „Wenn du noch zehn Minuten mit mir mitgehst, findest du bessere Arbeit für deine Axt“, schlug sie ihm vor, „und mit dem Korb, den ich geflochten habe, können wir auch mehr transportieren“. Der junge Mann war sichtlich erfreut, und die gemeinsame Arbeit ging ihnen gut von der Hand. Nachdem sie die ersten drei Körbe voll zu dem jungen Mann nach Hause gebracht hatten, war er müde und bat sie, am nächsten Morgen wiederzukommen, damit sie gemeinsam auch ihren Bedarf decken würden können.

Als sie am nächsten Morgen an der Hütte klopfte, öffnete ihr eine alte Frau. „Hier wohnt kein junger Mann“, meinte sie überrascht. „Aber wer hat mit mir dann gestern das ganze Holz hier abgeladen?“, fragte die junge Frau ebenso erstaunt. „Das weiß ich nicht, ich war nicht zuhause, Liebste. Bezahlt habe ich dafür wie jedes Jahr im Voraus, und das Holz wird dann eben früher oder später geliefert“.

Irgendetwas stimmt hier nicht, dachte die Frau, während sie sich wieder einmal auf den Weg in den Wald machte. In den letzten Tagen war es spürbar kälter geworden, und sie hatte noch kein einziges Stück Holz für ihre eigene Hütte nach Hause bringen können. Sie traute ihren Augen kaum, als sie an ihre Stelle kam: der Ort war doch tatsächlich weiträumig umzäunt. Als sie nähertrag, erkannte sie ein Schild, auf dem etwas von einem neuen Eigentümer stand, und dass das Betreten verboten sei.

Jetzt reicht es aber, dachte die Frau und wollte kurzerhand die Absperrung überwinden, doch eine Stimme wies sie zurück: „Nicht so rasch, meine Liebe! Dies hier ist Privatgrund. Kein Zugang!“ Der Gesichtsausdruck des Wächters sagte ihr, dass ein Diskutieren wenig Sinn haben würde, trotzdem setzte sie an: „Aber das war immer schon mein – “
„Gewöhnen Sie sich daran. Ist alles rechtens. Wenn Sie wollen, hab ich’s auch schriftlich irgendwo hier.“
„Nein Danke, ich glaub’s Ihnen auch so.“

Ihr fröstelte. Erst jetzt fiel ihr auf, dass sich die Farbe der Blätter immer mehr einem prophetischen Braun angenähert hatte. Plötzlich fühlte sie sich alt, verdorrt, wie ein alter Baum, den der Winter überrascht und der seine Lebenssäfte nicht rechtzeitig in die Wurzeln retten hatte können. Die Pilze auf den alten Baumstämmen überlebten eigentlich immer irgendwie. Nicht so ihr Wirt.

„Sie können auch Holz kaufen. Ist nicht allzu teuer.“, meinte der Wächter, den wohl ihre Verzweiflung nun doch zu rühren schien.
Nein, konnte sie nicht. Sie war bisher stets ohne Geld ausgekommen, hatte nie gelernt, wie es zu erlangen sei. Wozu auch? Die Welt sorgte für ihre Geschöpfe. So war es bisher doch immer gewesen! Wortlos drehte sie sich um und ging stolpernden Schrittes zurück in Richtung ihrer Hütte.

Sie musste sich in ihrer Überforderung verlaufen haben, denn auch nach einigen Stunden des Wanderns fand sie sich noch nicht zuhause wieder. An einigen Hütten hatte sie angeklopft und gefragt, ob sie sich wohl eine Weile aufwärmen dürfe, aber niemand hatte ihr aufgemacht, niemand schien gewillt, wertvolle Wärme mit ihr zu teilen. Was gäbe ich jetzt für ein warmes Feuerchen zuhause!, dachte sie verbittert. Doch das Holz hier war feucht, zu nichts nutze, und es war fraglich, ob sie in der Kälte noch rechtzeitig nach Hause finden würde, um ihre kaum mehr fühlbaren Glieder aufwärmen zu können. Hier war ich noch nie, dachte sie verblüfft. Und die ganze Hilflosigkeit ihrer Situation überwältigte sie dermaßen, dass sie in das nasskalte Gras sank und mit einer seltsam gefühllosen Verwunderung erkannte, dass sie nicht mehr imstande sein würde, noch einmal aufzustehen.

Erste Schneeflocken bedeckten das Tal, bedeckten die einsame Gestalt und ihr Schicksal. Vereinzelt stiegen Rauchschwaden aus den Hütten hervor, wo man eng zusammengekuschelt zusammensaß und von einem warmen Frühling träumte.

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