Jahrzehntelang hatte er dagegen angekämpft. Hatte sich eingeredet und einreden lassen, was denn so als korrektes Verhalten gelte, was denn zu gutem Ausgang für alle Beteiligten führe, was denn richtig wäre. Oh er fühlte das brennende Bedürfnis, es richtig zu machen! Es seinen Mitmenschen Recht zu machen! Ihre Liebe zu erringen, ihren Schritten nachzufolgen, einer von ihnen zu sein. Zu glauben, Teil einer größeren Wahrheit zu sein, zum größeren Glück der Menschheit beizutragen. Aber die Zweifel waren geblieben. Die Fakten würden doch für die alten Wege sprechen, wurde ihm gesagt. Aber es waren die Fakten, die dem Zweifel Aufwind schenkten. So viele Scheidungen. So viele Affären. Konnte es wirklich nur an den Fehlern der Menschen liegen?

Er hatte sich geschämt dafür was er tat, hatte es im Dunkel der Nacht getan. Hatte sich abgesichert mit Worten und Regeln, sich einen Raum geschaffen, zu erfahren, statt nur zu wissen. Was er fand, entfloh seinen Worten, blieb vage, unerreicht. Er hatte Antworten gesucht, und nur weitere Fragen gefunden. Warum war es falsch zu lieben? Falsch zu begehren? Warum schämte er sich dessen, was er doch in sich fand? War es dermaßen vermessen, wahrhaftig zu sein?

Und dann hatte er sie getroffen. Diese eine andere Seele, die sein erhitztes Haupt und Herz kühlte und ihm Wärme schenkte, wenn er drohte zu erfrieren. Die so verletzt war, so zutiefst erschüttert von der Erkenntnis ihres realen Innenlebens und der Erfahrung, dass die Welt im Außen keinen Platz wusste für die wahre Gestalt ihrer Seele. Deren Hand er gehalten, in deren Schoß sein ruheloser Geist Frieden gefunden hatte. Die mit ihm war in seiner verzweifelten Suche nach der Wahrheit, die genauso unfähig wie er war, in weniger als in Wahrheit zu leben und wie er gar nicht anders konnte als die Konsequenzen ihrer Wahrheit zu ertragen. Gemeinsam hatten sie gelernt, die Blutungen zu stoppen und die Narben mit Stolz zu tragen.

Später hatte er andere Seelen gefunden, die ihn riefen, ihr Wegbegleiter zu sein, ihr Führer auf ihnen allen unbekannten Wegen. Niemand wusste, wohin der Weg sie führen würde, aber sie alle schienen zu spüren, dass sie fort mussten, fort von altbekannten Pfaden, altbekannten Wunden. Und plötzlich war da Raum. Raum für Ängste, Raum für Scham, Raum für Trauer, Raum für Begehren, Raum für Lust. Raum, ihn mit Wahrheit zu füllen. Und zaghaft begann er, zu vertrauen.

Er sah die Ozeane eines Augenpaars und fühlte die Wahrheit einer Verbindung, noch bevor er ihre Lippen auf den seinen spürte. Am Tag nach ihrem ersten Kuss hatte er ihr davon erzählt, in angstvoller Erwartung, in seiner Wahrheit von ihr zurückgewiesen zu werden, doch seine Angst war unbegründet gewesen. Diese Seele fragte nach nichts als seiner Wahrheit. Und irgendwann stellte er fest, dass er sie dafür liebte wie nichts und niemand anderen sonst in dieser Welt. Mit ihr wagte er es, in Wahrheit zu sein. Mit ihr wagte er es, all die Normen und Glaubensbeweise hinter sich zu lassen, bis er keinen einzigen rationellen Grund für ihre Liebe mehr anführen konnte. Er brauchte keine vertrauten Formen mehr, keine Stützen seines Glaubens, denn wider alle Logik wusste er, dass er in einer einst ungeahnten Tiefe zu ihr gehörte und sie zu ihm.

Und so musste er schmunzeln, als eine weitere junge Frau in sein Leben tanzte und er auf den ersten Blick fühlte, dass sie Liebe füreinander empfinden würden. Sie würden den üblichen Tanz, die üblichen Missverständnisse durchleben, die Liebende eben zu überwinden hatten, aber zumindest für eine gewisse Zeit würde zwischen ihnen Liebe fließen dürfen, das wusste er vom Moment an, als er sie erblickt hatte. Er würde ihr davon erzählen, und sie würde sich freuen, an seiner Wahrheit teilhaben zu dürfen. Dass er mit ihr wagte, was sonst kaum jemand wagte: miteinander der Wahrheit treu zu bleiben.

Und diese Wahrheit, reduziert von allen etablierten Formen, war sehr simpel: Er liebte sie mit aller Macht seines Herzens, und wie sie fühlte auch er Liebe für viele weitere Seelen. Es gab für sie keinen ersichtlichen Grund, von einem Mangel an Liebe auszugehen. Es fehlte vielleicht an passenden Formen und Namen, aber im Grunde waren sie auch irrelevant, denn wider allem erlernten Wissen über die Notwendigkeit der Einhaltung bewährter Formen wussten sie, dass ihre Liebe Substanz hatte.

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