Ich arbeite als innere Geburtshelferin. Meine Aufgabe ist es, eine förderliche Umgebung für  innere Entwicklungen zu schaffen. Ich muss sagen, es ist ein sehr interessanter Beruf, weil ich durch meine Arbeit viel mit den Absurditäten des Menschlichen zu tun habe.

­­­Da wurde den Menschen ein gigantisches Spektrum an möglichen Gefühlszuständen mitgegeben, da ist in allem was sie beobachten können klar aufgezeigt, dass Veränderung einen gewissen sich wiederholenden Ablauf dieser Gefühlszustände voraussetzt – fast als wäre es ein Schummelzettel, um kontrollieren zu können, dass man auf dem richtigen Weg ist – und was machen die Menschen? Sie teilen das Spektrum in „gut“ und „schlecht“ auf und weigern sich, die Gefühlszustände der zweiten Kategorie zu erleben. Weigern sich! Einfach so! Und behaupten dann gleichzeitig ernsthaft vor anderen Menschen, sie würden sich doch „sooo sehr“ eine Veränderung wünschen.

Das Aufkommen meiner Profession war die notwendige Antwort auf das Dilemma, das daraus entstand. Ich und meine KollegInnen, wir halfen den Menschen, die bereit dafür waren, sich den notwendigen Entwicklungsprozessen zu öffnen. Was dann passierte, war umso skurriler: mit der Zeit teilte sich die Menschheit auf in jene, die dafür offen waren, und jenen, die es sich der eigenen Ansicht nach nicht leisten konnten. Mehr oder weniger zufällig wurden ein Teil der ersten Gruppe mit großartigen Ehrungen versehen, während der Rest dieser Gruppe für absonderlich oder gar krank gehalten wurde. Das war nun doch ein sehr seltsames Phänomen: diejenigen, die am meisten litten (ohne es zu fühlen, weil sie schlicht „steckengeblieben“ waren), schauten herab auf die „Kranken“, von denen sie sich abgrenzen wollten. Aber beteten jene an, die die „Krankheit“ bereits durchschritten hatten, wollten sein wie sie, ohne selbst den notwendigen Weg zu gehen. Wollten-

Nun habe ich mich in historischen Anekdoten verrannt! Bitte entschuldigen Sie meine Zerstreutheit, ich bin noch ein wenig verärgert über meinen letzten Klienten. Verstehen Sie mich nicht falsch, der Klient selbst war für einen Menschen der sogenannten „modernen“ Generation erstaunlich aufgeschlossen für meine Arbeit. Er war bereit und freute sich darauf, seine inneren Räumlichkeiten, die für sein zukünftiges Sein zu eng geworden waren, aufzugeben und umzugestalten. Wir hatten bereits eine ansprechende Farbwahl getroffen und den Grundriss gezeichnet, nun war alles was uns noch zu tun blieb die Zeit und Energie aufzuwenden, um der Veränderung auch Raum zu geben.

Leider war mein Klient in einem Umfeld aufgewachsen, das kein sehr ausgeprägtes Verständnis für tiefe Veränderungsprozesse hatte. Als mein Klient sich nun gemeinsam mit mir in seine inneren Räumlichkeiten zurückziehen wollte um diese nach seinen zukünftigen Bedürfnissen neu zu gestalten, fing seine  Umwelt an ihn aufrütteln, ihn aus seiner „Lethargie“ reißen zu wollen. Weil er seine Aufmerksamkeit auf sein Inneres richtete, wurde er im Außen vermisst, und nun standen zahlreiche seiner Freunde bereit, ihn vor mir zu „erretten“. Anfangs ignorierten wir diese „Erdbeben“ noch recht erfolgreich, aber irgendwann wurden ihm die äußeren Anstöße zu viel, und mein Klient fing an, sich mit ihren Klagen zu beschäftigen. Er fing an, mir zu misstrauen, glaubte seinen alten Freunden, er wäre „depressiv“ geworden, und dies dürfe natürlich nicht sein!

Ich arbeite professionell, ich dränge mich nicht auf, wo ich nicht mehr willkommen bin – also ging ich. Er fand – mit Unterstützung seiner Außenwelt – langsam wieder zurück in sein vorheriges Leben. Manchmal, wenn ich die Zeit finde, beobachte ich ihn. Er sieht nicht unbedingt unglücklich aus, aber dort, wo er Glück fühlt, wirkt er ebenso gehemmt, ist in ihm zu wenig Platz dafür. Wohl weil er sich am Ende doch gegen den Schmerz entschieden hat, der auch den Raum für die Freude erweitert.

Wäre ich ein Mensch und fähig, menschliche Gefühle zu fühlen, so würde ich mich wohl unverstanden fühlen. Ich bin nicht der Schmerz, nicht die Apathie, nicht die Auswegslosigkeit, diese sind Fakten dieser Welt, an denen auch ich nicht rütteln kann. Ich bin Geburtshelferin, bin diejenige, die Menschen unterstützt, das notwendige Spektrum an Gefühlszuständen zu durchlaufen, um Raum in sich für die Freude die sie sich wünschen zu schaffen. Ich bin gefürchtet, obwohl ich doch die Lösung bin. Skurrile Welt! Aber wo bleiben meine Manieren? Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt!
Ich bin die Depression, Geburtshelferin innerer Entwicklungsprozesse.
Kennen wir uns schon?

Kommentar verfassen