Schon als kleiner Junge war Fabian immer als derjenige aufgefallen, der nicht so recht mit den anderen Kindern der Nachbarschaft zurechtkam. Immer schon war er von den Menschen um ihn als Sonderling, als Einzelgänger wahrgenommen worden. Auch später, als er schon längst von zuhause ausgezogen war, hatte sich wenig daran geändert, außer, dass er mit der räumlichen Trennung von seiner Familie die letzten sozialen Kontakte hinter sich gelassen zu haben schien.

Irgendwann musste er eine Arbeit gefunden haben, denn er verließ täglich pünktlich um sieben Uhr seine Wohnung und kehrte erst am Abend wieder zurück. Doch niemand wusste genau, was er denn nun eigentlich tatsächlich den ganzen Tag tat, denn er sprach nur selten. Und wenn er sprach, sprach er mit Vögeln. „Der hat doch einen Vogel!“, pflegten die Nachbarn zu sagen, und lächelten über ihren eigenen Wortwitz. Tatsächlich hatten sie ihn jedoch längst als harmlosen Sonderling akzeptiert, der zwar niemandem etwas antun würde, aber auch völlig schwachsinnig sein musste.

Eines Tages jedoch, als einer der Nachbarn mit seinem kleinen Sohn im Park spazieren ging und der Kleine interessiert den Spinner Fabian betrachtete, fiel ihm auf, dass sich da tatsächlich so etwas Ähnliches wie ein Gespräch vor seinen Augen abspielte. Einer der Vögel hopste vor Fabian umher, und Fabian gestikulierte mit seinen Händen, ohne den Vogel dabei zu erschrecken. Dabei tauschten sie seltsame Laute aus – als würden sie tatsächlich sprechen. Aber das war natürlich lächerlich.

Viele jedoch fanden es auch melancholisch, traurig, tröstlich, Jahre später, als Fabian’s Tagebuch nach seinem Tode schließlich in Buchform veröffentlicht wurde. Jenem hatte er, der sich in Gesellschaft der Menschen nie wohlgefühlt hatte, seine vielen philosophischen Diskussionen mit den Vögeln, die ja weit umhergekommen waren und dementsprechend weise sein mussten, anvertraut. All die Betrachtungen über die Freiheit, das Fliegen, das Unverstandensein und das Glück, jemanden zu finden, der einen tatsächlich verstehen konnte, ob dies nun ein geliebter Mensch oder ein geliebter Vogel war.

Besonders rührend wurden auch die Einträge aufgenommen, in denen Fabian seine Begegnungen mit einem jungen Vogel, der sich einen Flügel gebrochen hatte, beschrieb. Wie sich die beiden verbunden gefühlt hatten, als Wesen mit der Sehnsucht nach den Wolken, und wie er dem Vogel geholfen hatte, seinen Traum zu erfüllen und den Wind wieder unter den Flügeln zu spüren. Wie er seinem gefiederten Freund ziehen ließ, wohl wissend, dass er es ihm nie gleichtun würde können.

Doch der Vogel hatte ihn fortan jeden Frühling aufs Neue besucht und ihm von seinen Reisen erzählt, hatte ihm das Leben lebenswert und voller Wunder erscheinen lassen. Ob Fabian’s Vogel nun tatsächlich existierte oder nur in seiner Einbildung – mochte es nicht schön sein, ebenso einen solchen Vogel zu haben, der die Fantasie beflügelte?

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