Man möge mir verzeihen, dass die Geschichte erst jetzt erscheint. Ich habe die letzten Tage so viele andere Dinge geschrieben, dass ich es schwer fand, zusätzlich noch eine Geschichte zu schreiben, die meinen Anspruch von Qualität besteht. Außerdem ist sie ein wenig zu lang, was an der .pdf-Version sichtbar wird, bei der ich bei der Schriftgröße ein wenig getrickst habe. Nächste Woche, in der ich sie wieder aushängen möchte weil ich dann wieder in Linz sein werde, werde ich wieder mehr darauf achten, dass die “Vorschriften” eingehalten werden.

Vor einigen Tagen war ich zu Besuch in einer Schule, und drei meiner Geschichten wurden dort (es ging um kreatives Schreiben) vorgelesen. Es freute mich sehr, dass eines der Kinder sich völlig in die Geschichten hineinversetzen konnte und Partei für die einzelnen Charaktere ergriff. Irgendetwas scheine ich doch richtig zu machen… aber nun zur Geschichte:

Es war ein Zimmer mit nur einem Fenster, in dem er den Großteil seiner Tage verbrachte, doch bis auf das Bisschen an Frischluft, das es ihm gewährte, hatte es mehr einen nostalgischen als einen praktischen Nutzen. Durch die neuesten Errungenschaften der Technik war es möglich, die Lichtverhältnisse im Raum energiesparend und jeden Moment aufs Neue durch zusätzliche Licht- und Schwarzlichtquellen an seine Bedürfnisse anzupassen. Anfangs benötigte der Körper einige Zeit, um sich darauf umzustellen, von den Rhythmen der Sonne unabhängig zu werden, doch diese Phase hatte er bereits lange überwunden.

Auch das – aus seiner jetzigen Perspektive – lächerliche Verlangen nach beinahe zufällig zusammengesetzten Nahrungsmitteln und die damit einhergehende Angst, Dinge zu sich zu nehmen, die nicht vertragen wurden oder dick machten, war längst überwunden. Ein praktisches Messgerät am Arm ermittelte die fehlenden Nährstoffe für seinen genetischen Typ, sandte sie über das Internet an den Provider und der 6D-Drucker kümmerte sich um ein ansprechendes Aussehen im Retro-Look. Mit dem Unterschied, dass es garantiert nicht zu dick oder zu dünn machte. Das Aussehen war bei der chemischen Zusammensetzung natürlich egal, aber auch nach Jahrzehnten dieser Fortschritte war es eine lästige Gewohnheit der Menschen, nicht nur auf die effektive Befriedigung ihrer körperlichen Bedürfnisse, sondern auch auf ein gewisses Maß an Ästhetik zu achten. Für die fortschrittlicheren unter ihnen war es mittlerweile auch möglich, die Nährstoffzufuhr automatisch über das Internet in den Körper ablaufen zu lassen.

All diese Erfindungen, die den Menschen mit den Jahrhunderten immer unabhängiger von der Natur, der er entstammte, gemacht hatten, ermöglichten es ihm, die freie Zeit, die dadurch entstanden war, zur Selbstbildung zu nutzen. Einst hatten sie junge Menschen in oft fürchterlich aussehende Gebäude zusammengepfercht und ihnen mit Zuckerbrot und Peitsche das beigebracht, was sie für wichtig hielten. Arme Wilde! Vieles davon war heute bereits als abwegig erkannt worden, etwa die völlig absurde Idee, einen jeden darin auszubilden, seine Nahrung aus ineffizient gewachsenen Grundzutaten, von der Natur produziert, herzustellen, oder sich mit jemandem zu verabreden und sich dann auch noch tatsächlich die Mühe zu machen, sich dort hinzubewegen! Schon damals gab es erste Vorläufer der heutigen Programme, um zu telefonieren, wie ineffektiv war es da, Zeit zu verschwenden, sich hinzubewegen? Und erst der Rückweg: Oft stundenlang, nur mit dem Zweck, den Fehler zu bereuen, sich überhaupt von zuhause entfernt zu haben!

Damals wie heute gab es natürlich auch sinnvolle Dinge, etwa das Studium der Mathematik, um zu erkennen, wo ineffizient gearbeitet wurde. Und tatsächlich waren es Mathematiker, die den einstigen Schlafrhythmus, der durch die Sonne ausgelöst wurde, als ineffizient erkannten, da trotz aller Anstrengungen der Mensch ja doch nur eine gewisse Zeit leben konnte. Es waren Mathematiker, die erkannt hatten, dass es sich in dieser kurzen Zeit gar nicht lohnte, einer Arbeit nachzugehen, die ebenso und effizienter von Maschinen erledigt werden konnte.

Es waren Menschen mit großem Geist gewesen, die erkannt hatten, dass man, um die Fenster zu einer neuen, besseren Welt aufzustoßen, manchmal die Fenster zur Welt, in der man lebte, schließen musste. Und so hatten es die meisten von ihnen vorgezogen, durch die schönen Fenster ihres Internet-Portals in die schöne neue Welt zu blicken, die sie geschaffen hatten, fern von Leid, fern von Mühe, und dort dem Müßiggang zu frönen, sich zu bilden und auszutauschen.

Bis der Nährstoff-Provider Probleme meldete, und nach Aufkommen einer allgemeinen Panik der erste den mutigen Versuch wagte, all die Fenster zur schönen neuen Welt zu schließen und sich fragte, wie es wohl in der alten, aus der sie stammten, aussehen mochte. Und erkannte, dass die Versprechen von der Nachhaltigkeit und der Umwelt, die sich von selbst regenerieren würde, allesamt Lügen waren. Dass sie über Jahrhunderte über ihre Verhältnisse gelebt hatten, dass die schöne neue Welt mit all ihrem Glanz, die sie erschaffen hatten, nichts wert war ohne die Nahrung, die sie der alten Welt entzog. Doch da gab es nichts mehr zu entziehen. Die Welt um sie war wüst und leer geworden. Wer wusste noch, sie zu bestellen, ihr Nahrung zu entreißen, sie zuzubereiten? Konnte man das Wasser trinken?

In ihrer Verzweiflung suchten sie sogar nach alten Gebeten im Internet und riefen einen Gott um Hilfe an, an den nicht einmal mehr ihre Vorväter noch geglaubt hatten. Und zum ersten Mal seit Jahrhunderten realisierten sie, dass sie nicht nur vom Gott ihrer Ahnen, nicht nur von der Natur, sondern auch von ihren Mitmenschen so weit entfernt hatten, dass sie auf niemanden mehr zählen konnten als auf sich selbst. Wer würde sie erretten?

Doch eine Antwort blieb aus.

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