Den ganzen Tag hatte er mit sich gekämpft, überhaupt wach zu bleiben, nachdem er die Nacht zuvor aufgrund stundenlanger Gespräche bis in die Mittagsstunden kaum geschlafen hatte. Zwischendurch hatte er schon mit dem Gedanken gespielt, dem Bekannten abzusagen. Warum sich das Leben unnötig schwer machen? Und doch hatte ihn irgendetwas in ihm spüren lassen, dass es richtig war zu kommen. Etwas würde heute hier geschehen.

Die Lokalität war groß, um einiges größer als sein Stammlokal, und hier kannte er kaum jemanden. Anfangs fühlte er sich ein wenig deplatziert. Was sollte er hier? An seinem gewohnten Ort hätte er wohl einfach irgendwann angefangen zu tanzen, wohl wissend, dass sein Tanz dort auch willkommen war. Dass er unter Freunden war, die ihm wohlgesonnen waren. Aber war dem auch hier so? Erst einmal beobachten. Eine Weile später lockte ihn dann doch die Musik, treue Gefährtin der letzten Jahre, und er betrat die Tanzfläche. Schloss die Augen. Begann, sich auf die Musik einzulassen, durchlässig zu werden.

Als er sie wieder öffnete, war die Tanzfläche voll. Einige der anderen Tänzer vollführten kühne Kunststücke, die sich wohl unter „Breakdance“ einordnen ließen. Andere veranstalteten kleine Schubs-Wettbewerbe, wieder andere knüpften zaghafte Bande mit dem anderen Geschlecht, oder versuchten es auf die weniger grazile Grabscher-Tour. Leben hatte die Tanzfläche geflutet.

Immer wieder mal dem einen oder anderen übermutigen Tänzer ausweichend oder vor dem Umfallen bewahrend, fiel ihm mit der Zeit auf, dass sich die anderen Tanzenden um ihn zu bewegen schienen. Erst tat er die Beobachtung als unwahrscheinlich, ja lächerlich ab. Wunschdenken. Aber dann kam ihm eine Szene von vor einigen Monaten wieder ins Bewusstsein. Damals war er auf einer Veranstaltung gewesen, und hatte sich – ermüdet von dem Vortrag – auf dem Balkon neben dem Veranstaltungsraum niedergelassen, um sich zu sammeln. Als er seine Augen wieder geöffnet hatte, war ihm aufgefallen, dass sich die anderen Teilnehmer um ihn verdammelt hatten, ohne direkt mit ihm zu interagieren. Als wäre ich ein Lagerfeuer, hatte er damals gedacht.

Nun, tanzend, war er erneut zu einer Art Lagerfeuer geworden, um das andere sich zu versammeln schienen. Warum ist das Meer Herr der Tausend Flüsse?, kam ihm eine Frage aus dem Tao Te King in den Sinn. Weil es unter ihnen liegt, auch die Antwort, die ihm ein Lächeln ins Gesicht zauberte.

Er hatte lange geglaubt, es läge an der Umgebung. Sein Stammlokal. Die richtige Musik. Jahrelange Freundschaften. Gewohnte Umgebung. Dort war die Erfahrung konstant. Aber nun, hier, in dieser ihm weitgehend unbekannten Umgebung, war er von neuem zum „Lagerfeuer“ geworden. Lag es also am Ende doch an ihm, in ihm selbst?

Rasch regte sich Widerstand in ihm ob der Vermessenheit der Fragestellung. Wer war er schon, sich einzubilden, Zentrum sein zu dürfen? Andererseits: mit welchem Recht nahmen andere diese Rolle ein, griffen andere gerne nach dieser Rolle, die ihm in den letzten Monaten auffallend oft freiwillig angeboten worden war?

Er hatte Skrupel vor der Verantwortung, die mit jeder Machtposition einherging. War unsicher, ob er der Verantwortung gerecht werden würde, würde er sie akzeptieren. Aber machte nicht gerade dieser Umstand ihn zu einer jener Personen, die dafür geschaffen waren zu führen? Gerade weil sie nicht aktiv nach der Macht griffen, sie ergreifen wollten, sondern sich stattdessen stets zum Ziel machten, ihre zeitweilige Führung möglichst rasch und nachhaltig wieder überflüssig zu machen?

Er hatte jahrelang geglaubt, es läge an der Umgebung. Dass er sich in bestimmten Umgebungen so wohl fühlte, dass seine Ausstrahlung Wirkung zeigte. Und mit diesem Glaubenssatz akzeptiert, dass diese von eben jener Umgebung abhängig war. Hier war er fähig zu wirken. Dort würde er wirkungslos sein. Das Ausmaß seiner realen Macht war damit sehr beschränkt.

Nun jedoch begann er zum ersten Mal in seinem Leben vollends zu akzeptieren, dass dies womöglich nur eine weitere Illusion unter vielen gewesen war. Eine Art Kokon, eine schützende Hülle, um ihn in der Verwundbarkeit seiner Entwicklungsprozesse zu stützen. Es war ein langer Prozess gewesen, über zehn, fünfzehn Jahre lang. Aber nun schien der Transfer weitgehend vollzogen.

Tiefer und tiefer in sich schürfend, war er endlich auf festen Grund gestoßen. Dort, tief unter all den Zuflüssen der Außenwelt, fühlte er sich wohl. Dort würde er warten, zu Feuer, immer reinerem Potential geworden. Und die Welt würde kommen. Sobald er den Mut fand, sie einzuladen. Denn der Kokon hatte Risse bekommen. War ihm zu eng geworden. Zu verschlossen.

Es war wieder an der Zeit, sich der Welt zu öffnen. Sichtbar, erfahrbar zu machen, was im schützenden Verborgenen herangewachsen war: Zukunft. Eine mögliche Zukunft, um die es sich zu scharen lohnte.

Es werde Licht.

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