Hallo, kleine Pflanze, die du da so unverschämt aus der Ritze lachst.
Hast du dich, als Same noch, gefragt, wo du wohl landen wirst auf deiner Reise? Ob du Raum haben wirst, dich zu entfalten, ob die Nährstoffe reichen werden, die Versorgung mit dem lebenswichtigen Wasser?
Oder hast du, todesmutig, es einfach darauf ankommen lassen? Hast dich der Welt anvertraut, in dem Glauben, der Hoffnung, dass es gut sei, wie es eben sei?
Da sind kleine Wassertröpfchen auf dir, kleine Pflanze, die glitzern in der schwächer werdenden Herbstsonne. Nascht du von ihrem kühlenden Nass, wie es dir am besten bekommt, oder rationierst du deinen kostbaren Besitz bis zum nächsten Regenschauer?
Da sind sanfte Winde, in denen du dich wiegst, als wäre dir deine Position im Leben relativ egal, solange du nur fest verwurzelt bist.
Deine Farben entsprechen so gar nicht jenen deiner Brüder rund um dich, doch das scheint dich nicht groß zu kümmern. Du wächst in der Nische, die du dir gefunden hast. Und dort, am Kreuzungspunkt, an dem du dich befindest, bist du Königin.

Weißt du denn, dass wir Menschen die Angewohnheit haben, Emporkömmlinge wie dich nicht allzu lange zwischen der strengen Ordnung unserer Bauten zu dulden? Dass deine bloße Existenz von vielen von uns als Störung dieser uns so heiligen Ordnung wahrgenommen, kaum ertragen werden kann? Dass schon dadurch, nicht nur durch die Tatsache des herannahenden Winters, deine Tage gezählt sein werden, auch wenn ich selbst deine erhabene Schönheit anerkenne?
Weißt du, dass du sterben wirst, und dass deine Entscheidungen jenen Zeitpunkt beeinflussen könnten? Kümmert es dich? Und falls nein, kannst du mich lehren, mir ebenso wenig darum Gedanken zu machen?

Denn einst war ich jung, dir ähnlich, meiner Intuition folgend König meiner eigenen Nische. Dann wurde ich entwurzelt, umgepflanzt. In eine Umgebung, die mich lehrte, aus der Vergangenheit mögliche Zukunft abzuleiten, um zu überleben. Ich überlebte, aber etwas Wichtiges ging mir verloren. Nun, selbst unter anderen, freundlicheren Bedingungen, finde ich nicht mehr zurück in mein kindliches Urvertrauen. Muss, wie ich nach einigen gescheiterten Versuchen des Zurückkehrens anerkennen lernte, voranschreiten statt zurückschauen. Nun, verändert, wieder neu vertrauen lernen, mit jeder möglichen Zukunft umgehen zu können, statt aus Erfahrung zu wissen, was die Zukunft bringen wird, und versuchen, sie in meinem Sinne zu beeinflussen.

Ich bin wenig bewandert in Pflanzenkunde, aber es sieht so aus, als ob du kaum je größer als ein kleines Buch werden wirst. Und doch strahlst du jene sonderbare Größe aus, die diejenigen zu umgeben pflegt, die in dem ihren Raum Erfüllung finden.

Nun ist ein Marienkäfer herangeflogen, und hat es sich an der Wand gemütlich gemacht. Er gehört uns nicht, und doch gehört er irgendwie zu uns, nun, da wir ihn entdeckt, anerkannt haben. Er wird nicht bleiben, die Begegnung wird flüchtig sein, und doch hat seine Anwesenheit mich im Jetzt berührt. Mich näher an den Ursprung zurückgebracht, von dem ich mich oft schon zu weit entfernt glaubte, um zurückkehren zu können. Hier, mit meinem Körper, habe ich ihn entdeckt. Jetzt, in diesem Moment, ist er hier, und ich mit ihm, bin mit ihm in einer kurzen, flüchtigen Beziehung.

Es wird schwieriger, diese Beziehungen herzustellen und aufrechtzuerhalten, je älter und damit gewissermaßen auch vermeintlich „wissender“ ich werde. Je mehr ich glaube zu wissen, desto schwieriger wird es, sich auf die Unbestimmtheit einzulassen, die authentisch neue Erfahrung gebiert. Man will ja immer alles schon gewusst haben. Schließlich ist man ja nun erwachsen. Da ist es ein bisschen peinlich, sich auf etwas einzulassen, dessen Ausgang man nicht vorhersehen kann. Man könnte sich ja zum Affen machen dabei. Hat sowas wie einen Ruf zu verlieren.

Ja, kleine Pflanze, du hast durchaus Recht: ich rede hier völligen Schwachsinn. Leider ist dieser Schwachsinn durchaus real, und wird gewissermaßen von uns erwartet. Hier bei uns Menschen wird man gefeiert und bewundert, wenn man immer die Kontrolle behält. Wer sich in unkontrollierte, unvorhersehbare Situationen begibt, der handelt dann „unverantwortlich“. Natürlich, wenn man alles gut übersteht, hat man danach gute Geschichten zu erzählen, dann wird man auch wieder bewundert, und hat plötzlich wieder ziemlich viele Freunde. Aber der Weg dorthin ist ein einsamer. Und wir Menschen, wir ertragen die Einsamkeit nicht sehr lange.

Du kannst uns eine reinhauen, du kannst uns hungern lassen, wir mögen vieles nicht. Aber was wir auf Dauer überhaupt nicht vertragen, ist die Einsamkeit. Mir machen die absurdesten Dinge, nur um uns nicht einsam fühlen zu müssen. Und weil sich das eben so durchgesetzt hat hier bei uns, versuchen die meisten von uns dann auch noch, andere dazu zu bringen, sich mit uns zu beschäftigen. Weil wir diese absurde Angst haben, dass die es niemals von sich aus tun würden, so dass wir sie eben „fremdsteuern“ müssen. Wir haben sogar Verträge erfunden dafür! Obwohl man glauben könnte, wenn ich dich, kleine Pflanze, einfach durch dein Da-Sein als wundervoll und wertvoll empfinden kann, sollten wir Menschen es doch auch bei anderen Menschen zusammenbringen.

Tatsächlich können wir das auch ganz gut, zumindest einige von uns. Aber dann haben wir doch Angst, dass es vielleicht nur im Moment so ist, und was ist dann mit morgen? Da brauchen wir ja auch Liebe und Anerkennung! Darum lieber vorsorgen, schauen, wie wir sicherstellen können, dass es auch morgen so weitergehen wird. „Glücklich bis zum Ende aller Tage“ nennen wir das dann. Ja, natürlich ist das in etwa so unsinnig, wie sich ein ganzes Jahr lang nur Sonnenschein oder nur Regen zu wünschen, das ist weder wachstumsfördernd noch besonders interessant. Aber wir machen das trotzdem so. Ich habs ja auch probiert. Wenn es alle machen, hab ich mir gedacht: wär ja seltsam, wenn das nicht zumindest ein bisschen sinnvoll wär. Können ja nicht alle deppert sein.

Nur leider, kleine Pflanze, war ich dadurch nur noch ziemlich selten „da“. Ich war ständig irgendwo in der Vergangenheit, um zu lernen, die Zukunft besser einschätzen und damit steuern zu können. In der Zukunft, um da entsprechend die Fäden zu ziehen. Oder im Geiste irgendwo, wo ich mal war oder noch hinkommen wollte. „Da“, also im Hier und Jetzt, war ich mit der Zeit immer seltener. Das fiel mir  nicht einmal groß auf, weil auch alle anderen kaum je „da“ waren. Das war nicht nur „normal“, das war sogar gewissermaßen angesehen, ein untrügliches Zeichen für Wichtigkeit. Und da Ansehen, Gesehen werden und geliebt werden sich schon ein bisschen ähnlich anfühlen, erschien es für eine Weile durchaus sinnvoll, da mitzumachen.

Tja, kleine Pflanze, und nun sitze ich da vor dir, und denk mir, das ist eine der schönsten Begegnungen der letzten Monate. Hab dich ja schon öfter gesehen und mir gedacht, dass du irgendwie etwas Besonderes bist. Aber wer selten „da“ ist, hat auch kaum je Zeit dafür, jemanden wie dich kennenzulernen. Der muss dann eben auch nehmen, was kommt und in dem engen Zeitkorsett, das übrig bleibt, Platz findet. Was sich auch langfristig gut in den Zeitplan einordnen lässt. Was nicht passt, wird entweder passend gemacht, oder eben verworfen. Langfristig denken, sich etwas aufbauen und so, du weißt schon. Oder vielleicht auch nicht? Vielleicht ist das dein Geheimnis?

Gestern, kleine Pflanze, hatte ich einen seltsamen Traum. Ich war Beisitzer bei einer politischen Besprechung, und plötzlich meinte einer der eigentlichen Akteure, er wolle mit mir Platz tauschen. Ich sei geeigneter als er, in dieser Position zu sein. Anfangs zögerte ich: wer war ich schon, reale Macht auszuüben, was waren meine Ansichten schon wert? Aber selbst die Politiker der anderen Fraktionen ermunterten mich. Mit mir würden sie gerne zusammenarbeiten wollen. Also setzte ich mich auf den mir angebotenen Platz. Und mit einem Mal konnte ich fühlen, wie richtig es war, auf jenem Platz angekommen zu sein. Hier war der Raum, den auszufüllen mir bestimmt war. Als ich nach dem Aufwachen einer Freundin davon erzählte, meinte sie, ich würde nun endlich aufhören, im Publikum meines eigenen Lebens zu sitzen, und lernen, mich selbst ins rechte Licht zu rücken.

Was würde ich ändern wollen, nun, da ich symbolisch „an die Macht gekommen war“? Nun, vielleicht würde ich die fatale Idee hinterfragen und ein bisschen aufweichen wollen, dass man die Zukunft aus der Vergangenheit abzuleiten vermochte. Ein bisschen mehr Spielraum gewähren, Entscheidungen ergebnisoffen zu treffen, selbst wenn sich diese im Nachhinein als Fehler herausstellen sollten. Die Zeit schenken, dieses Nachhinein auch abwarten zu können, bevor der Begriff „Fehler“ überhaupt verwendet wird. Und die Entscheidung darüber, was richtig und was falsch gewesen sei, dort, wo es nicht anderweitig zwingend notwendig ist, bei den jeweils Betroffenen zu belassen, anstatt aus allem einen Staatsakt zu machen.

Wäre das eine Welt, in der du gerne leben würdest, kleine Pflanze? Ich vermute, dir wird die Welt der Menschen ein Stück weit egal sein. Du bist besser darin als wir, einfach drauf los zu leben und die Konsequenzen deiner Handlungen stillschweigend zu ertragen. Aber vielleicht… und nur vielleicht… würdest du dann hier in deiner Ritze auch länger weiterleben dürfen und nicht ausgerupft werden. Denn auch wenn du die Ordnung der Fliesen auf dieser Terrasse stören magst, und schon gar nicht eingeplant warst, als diese Terrasse gebaut wurde:

So, wie du bist, bist du wunderschön.

Im hier.
Im Jetzt angekommen.
Kann ich endlich wieder fühlen:
Ich bin es auch.

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