Zerbrochener Felsbrocken

Er war seit Monaten nur noch selten in jener Wohnung gewesen, seit er begonnen hatte, an ihrer Seite Wurzeln zu schlagen, Raum einzunehmen. Nun, da er im Zuge des Umzugs Stück für Stück seiner Vorgeschichte, verewigt in all jene Objekte die das alte Zimmer ausfüllten, ausgeräumt und auf seine zukünftige Nützlichkeit überprüft hatte, war er dem Moment zunehmend näher gekommen, wo er sich mit dem Felsbrocken beschäftigen würde müssen.

Der Felsbrocken war das Symbol gewesen, dass auch der Vater bereit sei, seinen Teil der Verantwortung zu tragen. In einem Moment der Verbundenheit hatten sie ihn aus dem Fluss geholt und gemeinsam nach Hause gebracht, sichtbares Zeichen einer neuen, gesünderen Ordnung zwischen ihnen.

Nun, einige Monate später, während das Zimmer rundherum sich mehr und mehr leerte, wurde ihm die Absurdität des Ganzen mehr und mehr sichtbar: Der Felsbrocken, die Schwere, die Verantwortung für die er stand, war wieder einmal nur bei ihm liegen geblieben, trotz aller hoffnungsvollen Worte und Versprechungen, dass von nun an alles anders werden würde. Der Kontakt zu jenem anderen war mittlerweile vollends abgebrochen. Die Schwere, der große Brocken, war ihm geblieben.

Auf ihr Anraten hatte er den Felsbrocken von seinem Platz entfernt, ihn mitgenommen, auch wenn dieser fast zu schwer war, ihn alleine weiter als einige Meter zu schleppen. Ins Auto damit. Dorthin, wo er hingehört. Zu ihm. Einfach in den Garten legen. Oder vor seine Einfahrt. Dann musste jener zumindest einmal auch diese Schwere ertragen, wenn er mit dem Auto rauskommen wollte. Aber durfte man so etwas überhaupt? Vielleicht übersah der Andere ja den Felsen einfach und fuhr ungebremst dagegen…? Schadenersatzforderungen waren in diesem Fall wohl gar nicht so abwegig.
„Der bleibt nicht in deinem Auto. Oder hier bei uns. Das ist nicht gut für dich und uns“, hatte seine Gefährtin gemeint, und natürlich Recht damit gehabt. Also doch einfach zu seinem Vater bringen?

Doch da war da noch ein Nachflimmern einiger Sätze, die dieser ihm irgendwann gesagt hatte. Davon, dass seine Mutter sich einst durch ihre Krankheit und ihren Tod aus der Verantwortung gestohlen hätte, und dass er doch eigentlich auch auf sie wütend sein müsse. Aber durfte man das? Was konnte sie für ihre Krankheit, ihren Tod? Und doch.. war da ein Funken Wahrheit zu finden. Womöglich  nicht so, wie der Vater es meinte. Aber trotzdem hatte auch seine Mutter einen Teil des Felsbrockens verdient. Auf die ihre Art.

Einige Tage später fuhr er mit seiner Gefährtin zu dem nahe gelegenen Fluss. Eine kleine Brücke führte darüber, womöglich ein geeigneter Ort für ihr Vorhaben, den Felsen endlich aufzubrechen. Er war derart massiv, dass es wie ein absurdes Unterfangen wirkte. Konnte es tatsächlich gelingen? Und doch… aus genügend großer Höhe womöglich…?

Der Anblick des fallenden Felsbrockens, sein Zerbersten und das donnernde Geräusch dabei brannten sich in seine Erinnerung ein als ein glorreicher Moment der Befreiung.
„Welchen Teil gehört für dich denn zu deinem Vater?“, fragte sie ihn. „Welcher zu deiner Mutter?“
Den zu seiner Mutter konnte er sofort ausmachen. Der würde gut zu ihrem Grabstein passen. Der größere Rest des Felsbrockens erschien ihm jedoch unfair groß im Vergleich, wurde seinem Vater nicht gerecht. Die noch kleineren Splitter schienen dagegen zu klein.
Der Große muss noch einmal brechen, wurde ihm klar.

Wieder auf die andere Seite der Brücke, barfuß durch den Fluss gewatet, den verbliebenen größeren Teil des Felsbrockens holend, wieder auf die Brücke, und er ließ den Brocken nochmals fallen. Zahlreiche Splitter sprengten sich nochmals ab.
„Und jetzt?“, fragte sie ihn.

Da wurde ihm mit einem Mal klar, dass er niemals fertig werden würde, einem jeden seinen gerechten Teil zukommen zu lassen. Er selbst hatte wohl seinen Teil verdient, sein Vater, seine Mutter, aber ebenso ihre Eltern und die Eltern ihrer Eltern und immer so weiter, gar nicht zu sprechen von allen möglichen weiteren Menschen die einen im Laufe eines Lebens so beeinflussten. Und selbst würde ihm diese Aufgabe gelingen – was hätte er damit erreicht? Machte es wirklich freier wenn man wusste warum man unfrei war, sich Begründungen dafür aus einer Vergangenheit logisch herleiten konnte?

Der Felsen bleibt hier“, meinte er zu ihr, fühlend, wie die Schwere des Felsbrockens, der Schuld, des Schmerzes von seinen Schultern genommen worden war, wenn er ihn nur loszulassen vermochte. Warum irgendjemanden anderen weiter damit belasten? Er brauchte nichts mehr von ihnen.

Kurz fand er in sich den Impuls, sich ein Andenken an jenen denkwürdigen Moment mitzunehmen, ein kleines Stück des einst so schwerwiegend erscheinenden Brockens. Aber das hätte eine Erfahrung entehrt, die da ganz war, nicht nur eine stückweise Erleichterung, von viel zu schwer zu weniger schwer.

Was, wenn man tatsächlich einfach aufhörte, irgendwelche Felsbrocken an irgendjemanden verteilen zu wollen, weil man glaubte es sei ja so unfair dass man ihn selber tragen müsse und der andere nicht? Denn die unbequeme Wahrheit war am Ende doch jene: er selbst hatte den Felsbrocken damals mit nach Hause geschleppt. Es war seine eigene Idee gewesen, ihn gemeinsam aus dem Fluss zu holen, und er hatte ihn sich behalten wollen. Nun war auch er es, der ihn gehen lassen musste. Diese Verantwortung konnte ihm niemand abnehmen.

Denn sonst, so fühlte er es mittlerweile recht deutlich, wäre man ja wie jemand, der einen Roman liest der ihm nicht gefällt, wissend dass er auch nicht besser wird, trotzdem weiterliest und sich dann beschwert dass das Buch schlecht war. Man konnte auch einfach das Buch weglegen und ein anderes lesen. Oder selbst eins schreiben, mit überraschenden Wendungen und viel mehr Freude drin. Oder sogar ganz wagemutig sein, all die Bücher hinter sich lassen, die Tür aufmachen und mal rausfinden wie das Leben so ist wenn man sich mal wieder ungefiltert drauf einlässt.

Vermutlich war das dann gar nicht mehr so schwer.

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