Anfangs erschien es wie eine gute Idee: Weil die Kassiererinnen an den Kassen des Supermarktes oft minutenlang mit ihren Kunden quatschten und sich bereits einzelne andere wartende Kunden beschwert hatten, war man dazu ĂŒbergegangen, Schnelligkeit zu belohnen. Einige Kontrollmechanismen spĂ€ter war es nun von der GeschĂ€ftsfĂŒhrung leicht nachvollziehbar geworden, welche Mitarbeiter weniger Zeit mit belanglosen GesprĂ€chen vertrödelten. Die fleißigsten Mitarbeiter wurden dann mit Bonuszahlungen prĂ€miert. So mussten die Kunden weniger lange warten, der Umsatz stieg und die fleißigen Mitarbeiter bekamen mehr Geld. Alle gewannen.

Was die Urheber der Idee nicht bedacht hatten, war der Domino-Effekt, der dadurch entstehen sollte. Dadurch, dass die Mitarbeiter von nun an in direkter Konkurrenz zueinander standen, begannen sich Konflikte anzubahnen. Anstatt fĂŒr einen reibungslosen Ablauf zusammenzuarbeiten und manchmal sogar die Arbeit des Anderen zu ĂŒbernehmen, begannen die Mitarbeiter, ihre Arbeitszeit genau zu nehmen, denn Zeit bedeutete nun auch leicht nachvollziehbar Geld. FrĂŒher waren die Mitarbeiter gerne noch einige Minuten nach Ladenschluss geblieben, hatten anfallende Arbeiten erledigt und sich ausgetauscht. Heute jedoch erachteten sie es als absurd, freiwillig lĂ€nger dazubleiben, wenn die selbe Arbeit am nĂ€chsten Tag Geld bringen wĂŒrde.

Doch das waren nur die ersten Steine, die eine Lawine ins Rollen brachten. Denn als sich herumgesprochen hatte, dass die Schlangen in diesem Supermarkt schneller bedient wurden als anderswo, kamen mehr Kunden. NatĂŒrlich zogen die anderen SupermĂ€rkte schnell nach. Die Marktgesetze, die den einen Markt beschleunigt hatten, zeigten ihre Wirkung erst recht zwischen den SupermĂ€rkten, die sich nun an Effizienz zu ĂŒberbieten suchten. Auch die Werbung wurde danach ausgerichtet, denn eingesparte Zeit war ja schließlich eingespartes Geld, auch fĂŒr die Kunden.

Weil alles immer schneller gehen musste, war es in kĂŒrzester Zeit zu langsam geworden, umstĂ€ndlich die Preise der Waren in die Kassa einzutippen. Ein LesegerĂ€t las automatisch Codes ein, so dass sich die Arbeit der Kassiererinnen darauf beschrĂ€nkte, mit einem LesegerĂ€t ĂŒber Waren zu fahren, das Wechselgeld, das die Kassa anzeigte, möglichst schnell aus den einzelnen MĂŒnzen und Banknoten zusammenzusetzen und die Kunden, nachdem sie bezahlt hatten, möglichst schnell aus dem Kassenbereich zu verscheuchen, damit sie die nĂ€chsten Waren erfassen konnten.

Weil die Entwicklung so schnell voranschritt, dass die Mitarbeiter selbst völlig von ihr ĂŒberrumpelt wurden, vergaßen sie immer öfter, die Kunden zu begrĂŒĂŸen oder zu verabschieden – es war schlicht keine Zeit dafĂŒr, wenn die PrĂ€mie eingestrichen werden sollte. Da dies nun auch so manchem Kunden missfiel, wurde ihnen von der GeschĂ€ftsfĂŒhrung aufgetragen, zumindest diese Floskeln an den Kunden zu bringen.

„Schönen Tag!“, meinte sie also mit roboterhafter Stimme zu einem Kunden, und, 4 Sekunden spĂ€ter, „Auf Wiedersehen!“, wieder gefolgt von einem „Schönen Tag!“. Doch sie hatte ins Leere gesprochen, es war kein weiterer Kunde in der Schlange. Der Kunde, der gerade in aller Ruhe seine Waren in seinen Rucksack packte, lĂ€chelte. Vor einigen Jahren noch hĂ€tte sie wohl die Zeit gefunden, dieses LĂ€cheln als Anlass fĂŒr ein GesprĂ€ch zu nehmen, doch die Zeiten waren vorbei. „Auf Wiedersehen“, dieses Mal mit mehr WĂ€rme in der Stimme, war alles, was sie zusammenbrachte, bevor auch dieser Mensch an ihr vorbei und ihr entglitten war, ohne das einer von ihnen auch nur irgendeinen Eindruck auf den anderen machen hĂ€tte können.

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