#142 Was du nicht sagst

Ein Gedicht über das, was zwischen den Zeilen zu finden ist. Über Authentizität, Mut und die Notwendigkeit sowie das Glück des Trotz-Alledem.
(Letztes Update von Niklas Baumgärtler am 8.2.2020)

#142 Was du nicht sagst

Du hast also diesen neuen Job angenommen
Diese und jene neue Frau kennengelernt
Und vielleicht legst du dir nun auch einen Hund zu
Was du nicht sagst!

Den Kindern geht’s gut soweit
Und dem Mann, jaja, auch dem
Am Sparen seid ihr, für das neue Auto
Auf das ihr euch schon recht freut
Was du nicht sagst!

Und überhaupt!
Geht es ja fulminant aufwärts mit euch
Und den Auftritt mit der Band?
Na der ist nächsten Samstag
Was du nicht sagst!

Und wir plaudern darüber
Tauschen uns aus, erzählen
Über die Sonnenseiten des Lebens
Die es wert sind geteilt zu werden
Was du nicht sagst!

Was du nicht sagst
Das würde mich mal interessieren
Woher die Schatten unter deinen Augen stammen
Und das leichte Zittern deiner Hände
Von dem du gerade mit der nächsten Geschichte abzulenken suchst

Was du nicht sagst
Würde es nicht von dem Streit erzählen
Dem gestern, den schlimmen, der den Zweifel gesät hat
Das kleinen Samenkorn des Misstrauens, irgendwo da unten in dir
Von dem du fürchtest dass es auf fruchtbaren Boden treffen könnte
Das du zu vernichten suchst mit dem Pestizid heiler Welten

Was du nicht sagst
Würde Tränen erlauben
Vielleicht sogar so etwas wie echten Kontakt
Jene schwindende Erinnerung an eine andere Zeit
In der wir alle noch nicht gelernt hatten Festungen zu bauen
Dass der Feind überall sei
Und ein Freund am Ende nur ein etwas besser gekleideter Feind

Was du nicht sagst
Würde bauen Brücken statt Mauern
Treiben Handel statt Krieg
Würd bringen seltsame Blüten
Nie beschrieben zuvor

Was du nicht sagst
Würde locken Menschen der Ferne
Die dich tragen hinfort
Deine Mauern abtragen
Und dir helfen vor Ort
Ebenso kommen Neider
Und Intriganten hinzu
Wollen sehn ob nicht abfällt
Auch für sie was dazu

Gegen jene musst rüsten dich
Nicht mit Mauern, mit Schwert!
Lern gut es zu führen
Oder dein Schwert ist nichts wert
Lern gut unterscheiden
Den Intriganten vom Narr
Den ersten sollst meiden du
Den anderen sogar
Zum Freund ihn dir machen
Auf dass er dir offenbar‘
Aufzeige wem zu trauen sei
Und wer folgt nur seinem Neid
Dem einen helfe, wo du kannst
Dem anderen, sag: Nein!

Was du nicht sagst
Schafft Echo-Kammern
Tief in dir, so ganz allein
Hörst laut verstärkt dann du dein Jammern:
Ist Tod nicht alles in jener Welt?
Wo alles nur noch hofft: Vergehe!
Wars doch ein kleines Missverständnis nur
Fordert die Welt nicht vielmehr von dir: Wähle?

Wähle Worte, wohl bedacht
Wähl wohl dir deine Kriege
Wähl deine Freunde dir gut aus
Und wem du schenkst in Liebe
Sei furchtlos, wo dir Furcht im Weg
Lass Zeit dir, wohl erwäge!
Nimm Macht an, wo sie dir geschenkt
Gib ab sie, wo im Wege

Vor allem doch, stimm an dein Lied
Trag vor uns alle Strophen
Nicht alle hören alle gern
So kannst du Menschen prüfen
Und hör auch ihre Lieder an
Wo ahnst du Harmonien?
Dann stimm‘ ins Lied der Freude ein
Auf, Freund, nun, lass uns ziehn
Zu bauen an jenem anderen Haus
Der Wohnstatt, lichtdurchflutet
Verteidigt wohl, doch offen auch
Der Welten schönsten Blüten

Und kommen werden die, die suchen
Um zu hören, was du sprichst
Sie kommen, mit den ihren Strophen
Zu dem Lied, das du anstimmst
Verblassen werden die, die kamen
Aufzuzwingen dir ihr Lied
Nun da du erhebst die Stimme
Glauben nicht mehr sie an Sieg
Ziehen nach und nach von dannen
Suchen leichter Opfer sich
Und auch wenn die Gewohnheit trauert
Am Ende hast befreit du dich
Von dem Alten das dich drückte
Das dir neidet‘ dein Gesang
Sing dein Lied nur, im Vertrauen
Dass damit du wohl getan

Und fragst du dich am Ende: Wann?
So rat ich: Fang noch heute damit an!
Was kümmerts dich, wenn manche neiden
Wenn sie wollen, so soll’n sie leiden
Steht nicht auch ihnen zu die Wahl:
Woll’n sie wohl Freude, woll’n sie Qual?
Ist nicht dein Auftrag, zu bekehren
Jene die sich der Freude erwehren
Zum Singen sind bestimmt die Stimmen
Nun lasst daher ihr Lied erklingen
Am Ende offenbart sich: Alles Harmonien
Die vormals nur noch nicht
Im rechten Licht erschienen

Portrait Niklas Baumgärtler

Niklas Baumgärtler

Niklas Baumgärtler interessiert sich für die Kunst der Begeisterung und macht gerne Wechsel- und Hebelwirkungen in Sozialen Systemen sicht- und erlebbar. Mehr über Niklas Baumgärtler...

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Niklas Baumgärtler ist ehemaliger Volksschul-Lehrer und Lehrer an Freien Schulen. Heute bietet er Fortbildungen für engagierte LehrerInen und andere Führungskräfte an und stellt Werkzeuge für menschenfreundlichere Zugänge zur Verfügung. Mehr zu Niklas...

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