--> #146 Ernsthaft - Bunterrichten

#146 Ernsthaft

Eine Geschichte über das Wiederentdecken der Achtsamkeit und die Irrwege, die übereifrige Lerner in ihren Gebieten gerne gehen wollen.
(Letztes Update von Niklas Baumgärtler am 5.12.2021)

„Hey, hey, hey. Was glaubt ihr, was ihr da macht?“, rief ein hörbar irritierter Ernst ihnen entgegen, als sie lachend die Tür zum Büro aufstießen.
„Na, wonach sieht es denn aus?“, erwiderte Joy lachend. „Wir sind wieder da-aa!

Ernst beschloss, die Frechheit in dieser Aussage erstmal zu ignorieren. Es gab Wichtigeres zu tun. Zu viel zu beschützen.
„Ihr könnt hier nicht einfach so reinspazieren, Freunde.“

Die Freundlichkeit und Wärme, die er in das Satzende hatte legen wollen, waren ihm wohl etwas misslungen. Denn nun war selbst die sonst so quirlige Joy misstrauisch geworden.
„Warum diese Betonung? Was willst du uns damit sagen, Freund?“

Sie war echt nicht gut darin, Missmut glaubwürdig auszudrücken. Noch schlechter war sie darin, nachtragend zu sein. Und tatsächlich sprang sie einen Moment später schon wieder voller Glückseligkeit im Raum herum.
Ernst seufzte. Sie meinten es ja sicher gut. Auf die ihre Art.

Aber hier, im Büro, waren sie zum größten Teil einfach nur im Weg gewesen, das war ihm in der Zwischenzeit klar geworden. So sehr er ihre Gesellschaft anfangs auch vermisst hatte, hatte er doch bemerkt, dass er auf andere um einiges seriöser wirkte, wenn sie nicht die ganze Zeit hier herumumtanzten. Entsprechend floss auch das Geld üppiger. Und während sie sich irgendwo in der Welt verrannt haben mochten, hatte er sich darum gekümmert, dass der Laden weiter lief. Denn darum ging es ja am Ende des Tages.

„Und hier lebst du also?“, unterbrach Yasmin seine Gedanken. Die gute Yasmin. Die ihrerseits vermutlich in irgendeinem Baumhaus oder sonst einem ausgefallenen Wohnort lebte. Hauptsache Natur. Und verbunden. Mit der man so wunderbar über das Leben philosophieren hatte können. Bis sie wieder mal dringend irgendwas hatte erleben wollen. Und eines Tages war sie dann einfach nicht mehr zurückgekehrt.
Ja, es war ein Baumhaus“, gab sie zu. Seinem prüfenden Blick hatte sie noch nie auf Dauer standhalten können. „Dir würde es wohl nicht gefallen. Aber man kann die Verbindung zur Natur fühlen wie sonst kaum wo! Und überhaupt -“
Mit einer Handbewegung stoppte er den wohl mit Sicherheit bevorstehenden Redefluss, um die protestierende Joy vom Laptop wegzuziehen.
„Das ist nichts zum Spielen, Joy. Deine kleinen Finger lassen mir sonst noch die Buchhaltung abstürzen oder sowas.“
Joy war nicht überzeugt: „Und warum steht das dann überhaupt hier? Bist du dir sicher, dass man damit nicht spielen kann? Oder kannst vielleicht nur du es nicht?“

Ernst seufzte. Fehlte nur noch… und da war er auch schon: Demetri. Demetri, der Schöne. Den hatte er immer am meisten verachtet, mit seinem Traum-Körper und seiner überlegenen Haltung. Wobei er gar nicht mehr so schön aussah wie früher. Irgendwie eher… heruntergekommen?

Demetri?“, begrüßte er ungläubig den nächsten unerwarteten Besucher. „Was ist denn mit dir passiert?“
Doch der Angesprochene wandte sich nur wortlos ab. Schien zu überlegen, ob er nicht doch gleich wieder gehen sollte. Doch irgendetwas vor der Eingangstür, das Ernst nicht erkennen konnte, schien ihn zu überzeugen, doch zu bleiben.

„Ich –“, setzte Demetri an. Doch Joy, die sich nun mit offensichtlicher Bemühung zu beinahe normaler Geschwindigkeit herabgelassen hatte, fiel ihm ins Wort.
Wir haben ein Problem, alter Freund. Ein jeder von uns.“
„Ein Problem? Welches Problem sollt ihr denn haben?“
Wir, Freund. Auch du. Selbst wenn du es vielleicht noch am wenigsten gemerkt hast.“

War es nur Einbildung, oder war es tatsächlich mit einem Mal kälter geworden? Er stellte mit der entsprechenden App die Heizung rauf, aber ihm fröstelte trotzdem. Yasmin sah ihn bedeutungsvoll an.
„Wann warst du das letzte Mal da draußen, Ernst?“

Diese simple, banale Frage hatte er mit einem Achselzucken und einem „gestern“ oder einem „vorgestern“ beantworten wollen. Aber er wusste – und was noch viel schlimmer war: sie wussten es ebenso – dass das nicht stimmte.
„Ich bestelle diese Tage viel übers Internet“, hörte er sich achselzuckend sagen. „Man kann dabei oft was sparen. Und erst die Zeitersparnis…“ Im gleichen Moment spürte er schmerzhaft, wie hohl das klang. Wie hohl er selbst geworden war.

Aus alter Gewohnheit ging er unwillkürlich einen Schritt auf Yasmin zu. Doch die wich zurück.
„Ich habe dir nichts mehr zu geben, Ernst.“, sagte sie, plötzlich mit Tränen in den Augen. „Die unendliche Quelle war am Ende wohl doch nicht so unendlich, als ich dachte.“

Hilfesuchend wandte er sich Joy zu, doch die hatte sich an ein Tischbein geklammert, und brauchte eher selbst Trost. Nun erst erinnerte er sich wieder an die Kehrseite ihrer sonstigen Quirligkeit: den trägen Momenten, in denen sie eine bemerkenswerte Fähigkeit zur Schwarzmalerei bewiesen hatte. Irgendwo in sich fand er einen Rest vom Mitgefühl, und nahm sie in den Arm, bevor er sich Demetri zuwandte.

„Und du, Demetri, Held aller Welten? Wer hat dich denn so zugerichtet? Wie war ich oft neidisch auf diesen göttlichen Körper, den du da mit dir herumträgst. Und nun schau dich an!“
Der Angesprochene wand sich unbehaglich zu einer Antwort durch.
„Falsche Gesellschaft, wenn man so will. Das mit der heldenhaften Unverwundbarkeit und der ewigen Jugend war wohl auch nicht die ganze Wahrheit. Vielleicht war die auch nur geborgt. Und jetzt zahle ich wohl all das mit Zinsen zurück.“
Er seufzte.
„Ich war noch nie gut im Rechnen. Das war immer mehr deine Stärke, Ernst. Und tatsächlich hört man, du hättest es zu Geld gebracht.“

Sollte er zugeben, dass er zwar Geld wie Heu hatte, aber keine wirkliche Freude daran, seit Joy und die anderen fort waren? Dass er danach einfach immer mehr und mehr Geld verdient hatte, einfach weil ihm schlicht nichts Besseres eingefallen war ohne den anderen? Dass er sogar andere dafür bezahlt hatte, seine alten Freunde zu ersetzen, und doch war es nie dasselbe gewesen?

„Mir ging es auch schon mal besser, wenn ich ehrlich bin.“, gab er nun endlich zu. „Vor allem aber habe ich euch vermisst wie Sau. Warum seid ihr nur so lange weg gewesen! Ihr wart doch – “
Plötzlich konnte er nicht mehr weitersprechen. Eine unaussprechliche Furcht überkam ihn, zwang ihn in die Knie. Schnaufend stützte er sich am Tisch ab.

Aus dem Augenwinkel sah er ein Flackern auf dem Laptop-Bildschirm. Eine Email.
Nicht jetzt, flehte er die Welt um Mitgefühl an. Doch die Technik funktionierte so tadellos, so gnadenlos, wie man es bei dem Preis auch erwarten konnte. Die ersten Takte begannen.

„Das ist doch – “, stammelte Yasmin.
„Ist er“, hörte Ernst wieder die Stimme von draußen. „Das ist der Song, den ihr früher immer gehört habt. Habt ihr wirklich geglaubt, ihr könnt auf Dauer ohne einander auskommen?“
Er sah Yasmin fragend an.
Das“, begann Joy, „ist ein total netter alter Mann, den wir kennengelernt haben. Nennt sich Nimbus. Hat gesagt, du brauchst uns jetzt, auch wenn du’s nie zugeben würdest. Dass du gar nicht nur so ein großer, schimpfender Kerl bist, sondern ganz, ganz lieb. Tief in dir drin.“
Sie strahlte ihn an.
„Aber das sieht man leider nicht mehr, weil du viel zu viel arbeitest und glaubst du weißt alles immer besser“, fuhr sie fort.
Den Teil hätte er sich lieber erspart gehabt.
„Aber innen drinnen bist du eigentlich immer noch super-lieb!“, freute sich Joy, auf ihre bisweilen so bestechend unschuldige Art.

Der alte Nimbus war nun ganz eingetreten. Ernst konnte schwören, dass er den Mann noch nie gesehen hatte. Und doch kam er ihm seltsam bekannt vor.
„Ich kenne dich“, murmelte er, woraufhin der Alte geheimnisvoll lächelte.
Natürlich kennst du mich, Ernst.“, erwiderte dieser. „Ich bin gewissermaßen dein großer Bruder, auch wenn das mit den gleichen Eltern so eine Sache ist. Aber man könnte sagen, dass wir Familie sind.“
Ernst war erst nur etwas verwirrt. Doch dann kam die Wut.

„Warum warst du dann nie hier? Warum hast du mich hier mit dem ganzen Scheiß alleine gelassen? Weißt du denn nicht, wie schwer es ist, das alles alleine zusammenzuhalten? Der Älteste zu sein, der voranzugehen hat?“
„Das weiß ich wohl, mein lieber Ernst. Denn ich bin noch viel älter, als du meinst. Als du dir überhaupt vorstellen kannst. Ich bin schon so viele Kreise durchwandert, die du bisher nur als endlose Strecke wahrnehmen kannst, dass ich bisweilen darauf vergesse, wie es sich angefühlt hat, bevor die ersten Kreise sich geschlossen haben. Damals, als die Selbstverständlichkeit des Nicht-Allein-Seins sich noch nicht tief in die Seele geschrieben hat.“
Er trat einen Schritt auf Ernst zu.
„Es tut mir Leid, dass ich so lange gebraucht habe, um hierher zurückzufinden. Das Alter macht bei all seinen Segnungen bisweilen leider auch vergesslich. Aber nun sind wir wirklich alle hier. Und die Kreise, die wir bisher gezogen haben, können sich endlich zusammenfügen.“

Mit diesem Nimbus bewegte man sich offenbar hauptsächlich in Kreisen. Zumindest so viel hatte Ernst nun verstanden. Dass er selbst eher der geradlinige Typ war, war durchaus korrekt. So viel Weisheit und Menschenkenntnis musste er dem alten Mann zugestehen.
Aber was wollte dieser eigentlich mit seinem Gestammel von der großen Familie?

„Ich, mein lieber Ernst, will gar nichts.“
Offenbar konnte der Typ tatsächlich Gedanken lesen, stellte Ernst missmutig fest. Unfair.
„Gedanken lesen?“, lachte Nimbus. „Nein, das nicht. Aber wenn du den Geradlinigen unter uns lange genug zuschaust, kannst du mit großer Genauigkeit vorherbestimmen, was wohl als nächstes passieren wird. Das liegt euch offenbar im Blut.“
Nach einer kurzen Nachdenk-Pause fügte er hinzu: „Vielleicht seid ihr deswegen oft so besessen von der Wissenschaft. Sie gleicht euch wohl allzu sehr… äh, wo war ich?“
„Bei den Ernsthaften, die du einfach alle durchschaut hast!“, warf Joy fröhlich ein. Sie war wohl ein echter Fan.
„Vielen, vielen Dank, Joy.“, sagte Ernst.

„Auf jeden Fall bin ich nicht ohne Grund hier“, kam Nimbus nun offenbar endlich auf den Punkt.
„Für eine kurze Zeit – vielleicht ein paar Jährchen… oder vielleicht auch Jahrzehnte.. – hab ich mir gedacht: Ich geh schon mal vor. Ihr kommt ja eh nach. Irgendwann. Der Weg war ja allzu offensichtlich zu sehen.“
Er seufzte.
„Das war… vielleicht… ein klitzekleiner Fehlschluss meinerseits.“
„Jeder macht mal Fehler!“, tröstete ihn Joy.
„Wir lieben dich trotzdem!“, flötete Yasmin wenig überraschend.

„Nun, ich habe viel gesehen“, fuhr Nimbus fort, „und ich denke, auch ihr habt viel erlebt. Vor allem aber habe ich nun endlich eingesehen, dass ich ohne euch ziemlich aufgeschmissen bin. Irgendwann bin ich angestanden. Da hieß es dann plötzlich: ‚Und, wie ist dein Verhältnis zu deinem Körper so?‘, oder ‚Was kannst du uns über deine Erfahrungen mit der Liebe berichten?‘, und auch noch ‚Was, mein lieber Nimbus, ist für dich Freude? Was ist Leiden? ‘ Und da habe ich erkannt, dass ich all die Zeit nur glaubte, voraus zu sein, wo ich doch in Wahrheit immer nur immer mehr zerrissen war ohne euch. Wenn ich nicht zu stolz gewesen wäre, auf euch zu warten, euch mitzunehmen, hätte ich einfach euch gefragt, als diese Fragen aufkamen. Yasmin hier zum Beispiel redet ständig über nichts Anderes als die Liebe. Die muss doch zumindest irgendetwas darüber wissen! Joy… muss man glaube ich nicht erklären. Und du, Ernst, du bist derjenige, der all die Erfahrung in Worte gießen kann, die treffender sind als alles, was ich vermag. Du kennst diese Gedanken, von denen ich mich in langer Übung befreit habe, noch sehr gut. Ihr seid das, was ich zurückgelassen habe, weil ich weiter gehen wollte. Aber ohne euch macht dieser Fortschritt am Ende irgendwie gar keinen Sinn.“

Während Nimbus gesprochen hatte, schien es, als würde seine ehrfurchtserweckende Ausstrahlung kleiner und kleiner werden. Bis seine Erscheinung selbst sich auf einen winzigen Punkt im Raum beschränkte. Doch je kleiner er wurde, desto heller wurde er auch. Und Ernst bemerkte zu seiner Verwunderung, dass in ihm das Bedürfnis wuchs, diesem Mann zu helfen. Mit ihm zu sprechen, mit ihm zu sein, ihm Worte zu schenken, ihm dienlich zu sein, und daran selbst zu wachsen.

„Ich –“, begann Nimbus, der jetzt wirklich nur noch ein klitzekleiner Punkt war, „ich weiß, ich verdiene es nicht..“
Doch auch Yasmin, Joy und Demitri hatten sich nun um den strahlenden Punkt versammelt. Liebe, Freude, Kraft und Klarheit erfüllte den Raum mehr und mehr.
„Es ging nie ums verdienen“, fand Ernst nun die notwendigen Worte, woraufhin er die Kugel, zu der Nimbus geworden war, laut auflachen hörte.

„Du hast mir gefehlt, Ernst“, sagte Nimbus nun, wieder zum Mann geworden, obwohl er immer noch über einiges an Strahlkraft verfügte. „Ihr habt mir alle so gefehlt! Lasst uns nie wieder so lange ohne einander sein! Alleine sind wir doch alle verloren.“
Ernst sah in die Runde, und musste ihm Recht geben. Sie waren wirklich Familie. Geschwister, wenn auch ungleiche. Vielleicht sogar manchmal schwierige. Aber sie gehörten zusammen. Und von nun an würden sie auch zusammen weiter gehen. Aufeinander aufpassen. Aufeinander warten, wo es notwendig war. Sich aneinander erfreuen.

„Ich hab euch sooo lieb“, rief Joy aus der Ecke, in der sie gerade herumtollte.
Und Ernst stellte mit Verblüffung fest, dass sein „Ich euch auch“ zum ersten Mal seit er denken konnte ernst gemeint war. „Ganz ernsthaft.“

Er nahm allen Mut zusammen. Schritt zur Tür, und hinaus.
„Schön, nicht?“, beschrieb Joy ihm das Wunder der gerade aufgehenden Sonne.
Und tatsächlich: Endlich, nach so langer Zeit, konnte auch er sehen, wovon sie immer schon gesprochen hatte.
Wunderschön, Joy.“
Er legte einige weitere mutige Schritte zurück, im Wissen, dass er nun endlich nie mehr alleine sein würde.
„So unglaublich wunderschön.“

 

Portrait Niklas Baumgärtler

Niklas Baumgärtler

Niklas Baumgärtler interessiert sich für die Kunst der Begeisterung und macht gerne Wechsel- und Hebelwirkungen in Sozialen Systemen sicht- und erlebbar. Mehr über Niklas Baumgärtler...

Nächste Veranstaltungen