Es begann harmlos in der Straßenbahn. Eine junge Frau, ganz ins Gespräch mit einer Freundin vertieft, war beim Aussteigen in die sich bereits schließende Schiebetür geraten. Doch anstatt sich zu ärgern, lachte sie darüber und brachte ihn damit selbst zum Schmunzeln. Für den kurzen Moment, indem sie sich nun so gegenseitig anlächelten, bevor die Menge an missmutigen Menschen hinter ihr sie aus seiner Sicht schob, fühlte er ein Gefühl von Verbundenheit mit dieser jungen Frau. Für den Bruchteil einer Sekunde waren sie Vertraute, fühlten sich weniger allein in all dem Strudel der Zivilisation. Und noch den ganzen Tag über fühlte er die Nachwirkungen dieses kurzen Zusammentreffens. Erst am nächsten Tag erkannte er an dem Fehlen des Gefühls der Geborgenheit, wie einsam er sich tagtäglich eigentlich inmitten all dieser Menschen fühlte.

Doch die Begegnung mit dieser jungen Frau, die er möglicherweise nie wieder sehen würde, hatte ihn tiefer berührt, als ihm anfangs bewusst war. Seine Schritte wurden sicherer, sein Gang aufrechter, und er besaß plötzlich, inspiriert von dieser Begegnung, den Mut, den Passanten in die Augen zu sehen. Viele wichen seinem Blick verschämt aus, andere jedoch nahmen die Einladungen an, und ihre Gesichter hellten mit dem seinen auf. Je öfter er Menschen ein Lächeln schenkte, desto wohler wurde ihm ums Herz, desto verbundener fühlte er sich mit der Welt, die ihn umgab.

Es war fast, als wäre der Schleier der Zivilisation von der Welt gefallen, um das wahres Antlitz der Menschen, aus denen sie bestand, zu enthüllen. Das Lächeln, das er aussandte, kam in vielen Nuancen zu ihm zurück. So manches Mal war es ein Ausdruck reinster Freude, manchmal melancholisch, und manchmal erzählten ihm die Augen der Lächelnden Geschichten von höchster Not und Verzweiflung. Und doch war ein jedes Lächeln ihm lieb, ihm kostbar, weil es eine Verbindung schuf, die Freude verdoppelte und Leid leichter ertragen ließ. Es war ein beinahe göttliches Geschenk, und er ein Prophet, der es verkündete und unter die Menschen brachte.

Einst, als er aus seinem kleinen Dorf, in dem jeder jeden kannte, ausgezogen war, um in die Stadt zu ziehen, hatte er lernen müssen, dass die Städter irritiert reagierten, wenn er sie grüßte und anlächelte, und hatte gelernt, sich an die unnahbare Masse anzupassen. Nun, innerlich gefestigt durch die Verbundenheit, die er durch die Masken der Passanten erspürt hatte, hatte sich etwas in ihm verändert. Und ausgehend von diesem jungen Mann, der tagein, tagaus durch die Straßen der Stadt zog, entstand bald eine regelrechte Lawine. Langsam, fast unmerklich, einer nach dem anderen legten die Städter ihren schweren Panzer ab und begannen, fast schüchtern, Kontakt mit ihren Mitmenschen aufzunehmen. Die Gespräche in den öffentlichen Verkehrsmitteln wurden häufiger, die Hilfsbereitschaft nahm zu und die Menschen wirkten glücklicher.

Die junge Frau jedoch hatte er nie wieder gesehen. Doch ihr Lächeln, Geschenk eines Augenblicks, verließ ihn nicht mehr. Und mit einem jeden Augenpaar, das sich mit dem seinen traf, verstand er besser. Dass er nicht der einzige war, der den inneren Ruf vernommen hatte, dass es wohl in einem jeden Menschen eine leise Stimme gab, die ihm die Liebe zu seinen Mitmenschen fühlen ließ. Und obwohl wenn es ebenso in einem jeden Menschen die Stimme der Angst gab, die ihn davor zurückschrecken ließ, seine Mitmenschen, seinen Nächsten, wirklich zu lieben: Ein jedes Lächeln hatte die Macht, die feine Balance zwischen Liebe und Angst zugunsten der Liebe zu verändern. Hatte die Macht, die Angst zu überwinden, die die Menschen voneinander trennte.

Und damit die Macht, in vielen kleinen Augenblicken die Welt zu verändern.

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One Reply to “#16 Verbindungsprobleme”

  1. Das ist eine wunderschöne Geschichte! Ich danke dir dafür. Es ist erstaunlich, denn ich habe sehr ähnliche Erfahrungen gemacht, wie sie hier geschildert werden. Es ist mir häufig aufgefallen, dass es fast zum guten Ton gehört, die Mitmenschen möglichst zu ignorieren und einen unbeteiligten Gesichtsausdruck anzunehmen. Aber ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass viele dankbar ein Lächeln annehmen, und auch, wie wohltuend es sein kann, selbst eines unerwartet geschenkt zu bekommen.

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