#35 …dass man Geld nicht essen kann

„Oh!“

Es war nicht der geistreichste Ausruf in der langen Geschichte der Menschheit, der ihm da gerade entfuhr, doch sein Unternehmen war auch nicht gerade bekannt dafür, sich große Gedanken über langfristige Konsequenzen mancher Handlungen zu machen. Dies hatte den großen Vorteil, dass man sich im Gegensatz zu anderen Unternehmen hier auf das Wesentliche konzentrieren konnte: Geld in die eigene Tasche zu wirtschaften, und das praktischerweise auch noch völlig unabhängig von den Bedürfnissen anderer Menschen.

Das war das praktische an der Arbeit in einem Unternehmen, das weltweit beinahe so viele Menschen beschäftigte wie einer der kleineren Staaten Einwohner hatte: man wurde von den anderen Staaten auch entsprechend zuvorkommend behandelt. Kaum ein Staat weltweit konnte es sich mehr leisten, ohne das Unternehmen auszukommen, wenn es nicht über kurz oder lang verhungern wollte. Und die größte Ironie der Geschichte war es, dass es kaum jemanden juckte. Der Mensch war eben am Ende auch nicht viel intelligenter als der Frosch in jener Metapher, in der er langsam gekocht wird, ohne es zu merken. Wenn man die Geduld hatte, nationale Gesetze über die Jahre hinweg in kaum auffallenden Schritten zu unterwandern, fiel es tatsächlich keinem auf. Ein paar Fanatiker waren natürlich immer dagegen, aber ein paar waren auch gegen sonst auch alles, das gehörte zum Spiel dazu.

Und sie hatten es tatsächlich akzeptiert. Im Laufe der Jahre hatten sie tatsächlich ein Gesetz akzeptiert, dass die Weitergabe von Samen nur noch über entsprechend zertifizierte Stellen erlaubte. Diese Zertifizierungen waren natürlich so teuer, dass das Gesetz von vornherein quasi jede Konkurrenz ausschloss. „Im Sinne der Qualitätssteigerung der Samen“, etwas Besseres war den Marketingstrategen des Unternehmens in der kurzen Zeit nicht eingefallen, doch es hatte gereicht. Das Gesetz wurde ratifiziert. In der gesamten EU, und nach diesem Vorzeigefall mit kurzer Verzögerung weltweit. Nun durften Samen nur noch über das Unternehmen bezogen werden, denn selbst die Weitergabe ohne Gegenleistung war mit diesem Gesetz nun offiziell untersagt. Und da das Unternehmen schon seit Jahren nur noch Hybridsamen, produzierte, die nur ein einziges Mal angepflanzt werden konnten und keine Nachkommen hatten, war bald klar, wohin sich die Sache entwickeln würde: Totale Abhängigkeit vom Unternehmen – mit entsprechenden Profiten für alle Beteiligten. Die wenigen radikalen Gemüsezüchter, die sich weigerten, ihre noch reproduzierenden Samen in Ermangelung von entsprechenden Lizenzen aufzugeben, waren in den Folgejahren auch immer weniger geworden.
Nun würden sie wohl die letzte Hoffnung der Menschheit auf eine Zukunft darstellen.

Denn bevor ihm dieser wenig hochgeistige Ausruf entfahren war, hatte er einem der Rohsamentanks einen Besuch abgestattet, aus denen die Hybridsamen für die nächste Aussaat gewonnen werden sollten. Doch die angepflanzten Rohsamen wollten nicht mehr austreiben, wollten keine Hybridpflanzensamen mehr tragen. Zurück zu seinem Schreibtisch laufend und nach einigen Telefonaten feststellend, dass auch die anderen Rohsamentanks ähnliche Probleme aufwiesen, passierte er das Poster eines alten Indianers, über deren Weisheiten sie in den Kaffeepausen immer gelacht hatten. „Wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen werdet ihr verstehen…“

„Was nun?“, rief er, in einem Anflug von Ehrfurcht vor der Weisheit der Alten, als ihm die ganze Tragweite der Katastrophe nach und nach bewusst wurde. Ja, was nun?

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