Es war keine unfreundliche Art, in der ihm gesagt wurde, dass seine halbe Stunde nun um sei. Der Mann in seinem dunklen Anzug und der Aufschrift auf seiner Uniform, die ihn als „Stadtwache“ auswies, wirkte fast sympathisch. Doch wurde ihr Verhältnis durch die Gitarre in seiner Hand belastet. Weil er keinen Ärger wollte, packte er eben seine Sachen und zog seines Weges. Einige Minuten später passierte ihn der Stadtwächter erneut und winkte ihm freundlich zu. Ob diesem Mann in seinen Mittvierzigern wohl bewusst war, welche Auswirkungen sein Achten auf Recht und Ordnung nicht nur für ihn als Musiker, sondern ebenso für die ganze Stadt hatte?

Natürlich traf es erstmals vor allem ihn als Musiker. Man konnte natürlich nicht behaupten, als Straßenmusiker sonderlich reich zu werden, aber es reichte gerade so zum Überleben. Reichte, um seine Familie gerade noch durchzubringen, und vor allem, um dunklen Verlockungen widerstehen zu können. Denn wenn er wieder einmal nach einigen verregneten Tagen am Rand der Verzweiflung stand, schienen sie ihn in jeder Gasse zu belauern. Die Männer im Schatten, die schmeichelnden Flüsterer von einem besseren Leben. Viele seiner Bekannten hier in diesem fremden Land waren der Versuchung bereits erlegen, auf die schiefe Bahn zu geraten. Ohne offizielle Arbeitserlaubnis, auf die man oft jahrelang – und selbst dann oft umsonst – zu warten hatte, wie überleben? Wie sollte man das seiner Familie beibringen, die sich nach all den Strapazen der Flucht aus der Heimat eigentlich nur noch an die Hoffnung klammerte, dass es nun endlich vorbei und das gelobte Land erreicht sei?

Sie waren hier nicht willkommen, das war ihnen rasch klargeworden. Sie würden – je nach politischer Einstellung der Menschen hier – entweder faul sein und nicht arbeiten wollen oder auch den arbeitswilligen Menschen hier ihre Jobs wegnehmen. In jedem Fall war man nicht sonderlich gerne gesehen, auch wenn es ohne Arbeitserlaubnis ohnehin schwer war, jemandem seinen Job wegzunehmen. Es war irrelevant, ob man nun Zahnarzt mit jahrelanger Praxiserfahrung, ehemaliger Schuldirektor, Wissenschaftler oder ungelernte Kraft war. Angerechnet wurde hier aus Prinzip nichts, und man wurde wieder an den Anfang zurückgeworfen, um dann in einem unfairen Wettbewerb gegen die Einheimischen unterzugehen – und um dann als Sozialschmarotzer verachtet zu werden.

Und als sie einen Freiraum im öffentlichen Raum entdeckten, der die Straßenkunst zu bieten schien, strömten sie aus, die ehemaligen Doktoren und Uni-Absolventen, und versuchten auf diese Art und Weise zu überleben. Bis dann überall nette Herren auftauchten, um ihnen zu sagen, dass es nun neue Regelungen gab, dass sie Gebühren zu zahlen hätten und täglich nur noch eine halbe Stunde spielen durften. Um die Öffentlichkeit zu schützen. Und selbst wenn es ein sonniger Tag war und einige Passanten sich die Zeit nahmen, andächtig der Musik zu lauschen, würde die Spielzeit penibel eine halbe Stunde betragen. Regeln seien eben Regeln.

Diejenigen Orte, an denen unbegrenzt gespielt werden durfte, die Konzerthallen und abgelegenen Gärten, waren ihnen, den Fremden, schon aus finanziellen Gründen verschlossen. Und während sich einige Jugendliche neben ihm darüber unterhielten, auf welche Festivals und Konzerte sie wohl diesen Sommer gehen würden, fragte er sich, wessen Interessen diese freundlichen Ordnungshüter wohl wirklich vertraten, wenn sie freie Musik durch immer mehr Vorschriften aus dem öffentlichen Raum verbannten, während die Tickets für Konzerte und Festivals proportional mit dem Rückgang der freien Musik Jahr für Jahr teurer wurden.

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