Es war kein sonderlich glorreiches Bedürfnis gewesen, das ihn dazu angehalten hatte, den Autobahnparkplatz aufzusuchen. Inmitten der stinkenden Toiletten, Mülleimer und oft noch viel schlimmeren Autofahrern fand er rasch ein geeignetes Ziel, um sich zu erleichtern. Nachdem er gefühlte minutenlang Wasser gelassen hatte, setzte er sich erschöpft von der langen Fahrt auf einen der überraschend sauberen Betonbank, die in einer überaus geruchsneutralen Entfernung vom WC von etwa zwei Metern platziert waren, um zu speisen, und sann, derart nun doppelt erleichtert, über sein Leben nach. Oder zumindest pflegt er es so zu nennen, wenn ihn jemand darauf aufmerksam machte, dass er den Eindruck erweckte, einzuschlafen.

Als er seinen Kopf nun bereits bequem auf seinen Armen platziert hatte und ihm die Augen schon beinahe zufielen, erblickte er – nicht ohne einen leichten Anflug von Ekel – knapp vier Zentimeter vor seinem rechten Auge eine Schnecke. Er war nun ohnehin kein sonderlich tierlieber Zeitgenosse, doch diese schleimigen Dinger waren ihm besonders unangenehm. Nicht nur hinterließen sie überall dort, wo sie sich in all ihrer Langsamkeit hin quälten, eine Spur des Ekels, nein, sie waren auch noch lästige Fressfeinde seiner geliebten Salate in seinem Beet zuhause. Nicht, dass er sein Zuhause die letzten Wochen sonderlich oft aufgesucht hatte – zu lästig waren die Kinder, zu jämmerlich die Frau.

Zuerst überlegte er, das schleimige Ding vor seinem Auge einfach weiterkriechen zu lassen, doch dann wurde ihm klar, dass es ihm – sollte er einschlafen – ins Gesicht kriechen könnte. Die nächste Strategie, sie einfach vom Tisch zu entfernen, scheiterte an seinem Ekel, sie dabei versehentlich zu berühren. Um vom Tisch aufzustehen, war er einfach schon zu müde, und so war er nun dazu verdammt, dem Tier bei seiner Quälerei zuzusehen. Dieses völlig nutzlose Tier!, dachte er sich. So unzivilisiert, da einfach herumzuschleimen! Umso überraschter war er, als die Schnecke antwortete:

„Ich und unnütz?!“, beschwerte sich die Schnecke, „ich, die ich tagein, tagaus dafür sorge, dass der Haushalt der Natur in Ordnung bleibt? Die ein Gefühl dafür hat, welche Pflanzenarten zu stark vertreten sind und zurückgedrängt werden sollen? Ich, die sich die Zeit nimmt, überlegt zu handeln, damit langfristig alle gut leben können?“

Noch während er sich die Augen rieb und sich fragte, welche Substanzen er wohl in den letzten Stunden tatsächlich zu sich genommen hatte, fuhr die Schnecke fort: „Und überhaupt, was bildest du dir überhaupt ein, über andere zu urteilen? Du mit deinen kümmerlichen Beinchen, die du nur dazu benutzt, in dein Auto dort zu gelangen, obwohl du die Möglichkeit hättest, schnell wie der Wind zu laufen! Du, der allen erzählt, er reise durch die Welt und besuche viele Länder, obwohl du doch nur den Menschen aller Länder davonläufst! Du wagst es, über meine Schleimspur zu schimpfen, wo du dich doch, wohin du auch kommst, allen einschleimen musst?“

Einen Moment später war der Spuk vorbei, die Schnecke ein Stück weiter, und sein Bewusstsein wieder klarer. Eine langgezogene Schleimspur zierte nun den Betontisch, auf dem er wohl eingeschlafen war. Hatte er sich alles nur eingebildet? Doch die Spur der Schnecke auf dem Tisch war real – und plötzlich erkannte er in ihr sein eigenes, eingefallenes Gesicht und sah sich zum ersten Mal seit langer Zeit richtig. Es war an der Zeit. Zeit, innezuhalten, sich umzusehen. Langfristig zu denken. Spuren zu hinterlassen.

„Dumme Schnecke“, meinte er jedoch nur, überwand seinen Ekel und ließ seine Faust auf sie herabsausen.

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