#23 Ein Atemzug

Es war etwa dreiviertel fünf an einem Dienstagnachmittag, als ihn ein kurzer, stechender Schmerz in seinem Herzen zusammenzucken ließ. Er war alt genug, um zu wissen, was dies bedeutete, und weise genug, seine letzten Sekunden nicht mit panischen Angstzuständen zu verbringen. So endet es also, dachte er, die Hände mit dem Buch, das er gerade gelesen hatte, sanft sinken lassend. Immer noch an den Baumstumpf gelehnt, der ihm die letzten Jahre während seiner Lektüren im Park als treue Stütze gedient hatte, atmete er tief ein. Vielleicht war es der letzte Atemzug, der ihm bleiben würde, um all die Schönheit dieser Welt noch einmal in sich aufzunehmen.

Er sah den kleinen Teich, dessen Wasser schon seit langem ins Grünliche gekippt war, der jedoch trotz seines unansehlichen Äußeren zahlreichen Enten Lebensraum schenkte. Sah die Grüppchen Jugendlicher, die sich wie jeden Tag wieder hier versammelt hatten, um sich auszutauschen, sich zu präsentieren und sich näher zu kommen. Er sah sie lachen, einige streiten, einige den Enten nachstänkern und sich dabei groß und stark vorkommen. Und er erinnerte sich ein wenig wehmütig an alte Zeiten, als auch er es ihnen gleichgetan hatte, in der festen Überzeugung, alles anders und besser zu machen als seine Vorväter. Nur um Jahre später festzustellen, dass er ihre Fehler ebenso wiederholt hatte wie die nächsten Generationen die seinen wiederholen würden.

Er sah den Mann auf seinem Fahrrad, der sich sein gepflegtes Äußeres bewahrt hatte und sich doch verriet, weil er neben jedem Mülleimer anhielt und verstohlen hineinspähte, ob sich nicht doch etwas daraus retten ließ, und einige Meter weiter die trotz ihres Lebenswandels noch sehr jung aussehende Frau, der man ansehen konnte, dass sie sich längst aufgegeben hatte. Die mit heruntergezogener Hose Tattoo-Botschaften entblößte, die nicht einmal sie selbst kaum mehr ernst nehmen konnte. Sah die alte Frau mit ihrem Rollator, die sich zentimeterweise weiterquälte, fest entschlossen, es selbstständig bis zur nächsten Parkbank zu schaffen, die gutgemeinte Hand der Tochter stolz ablehnend.

Er hörte das Gekreische einiger Kinderseelen, wie sie in unbändiger Freude einigen Enten nachjagten, eine Tätigkeit, die Erwachsene wohl auch in Hundert Generationen nicht als sonderlich interessant nachvollziehen können würden, die ihm jedoch trotz alledem tiefen Respekt einflößte. Solch unbändige Freude, solch ungezügelter Genuss war ihm in seinem fortgeschrittenen Alter nicht mehr vergönnt gewesen. Oder vielleicht hatte er sich diese auch einfach nicht mehr zugestanden, wer wusste das schon? Wenig bereute er in seinem Leben, denn mit dem Alter kam die Weisheit, dass die Menschen weiß Gott keine Heiligen waren und sich eher von Fehler zu Fehler kämpften denn von Erfolg zu Erfolg. Einzig keine Kinder, keine Enkel gezeugt zu haben, daran musste er mit einer gewissen Wehmut denken.

Seine Augen folgten dem Licht der sich gegen Westen neigenden Sonne und erfreuten sich noch ein letztes Mal an ihrer Magie, ihre Gabe alles mit ihrem Licht in diese fast überirdische Schönheit zu tauchen – die Blätter, die mit ihrem Schattenspiel ein unnachahmliches Muster bildeten, die Wolken, die Gesichter der Menschen, die den Park durchwanderten. Und doch war selbst ihre Magie machtlos gegen den Lauf der Zeit, musste auch sie dem Wandel weichen, musste ihr Aufstieg einem Untergang vorangehen wie ein Einatmen nur das Ausatmen vorwegnahm, wie ein jedes Leben den Tod in sich barg. Alles war nur von begrenzter Dauer. Das Leben. Der Tod. Es hatte keinen Zweck, sich an etwas zu klammern, das so flüchtig war wie der Atem.

Und dann atmete er aus.

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