Es war schwer, anderen die Schuld zuzuschieben, wenn man wusste, dass man es hätte verhindern können. Natürlich konnte er sich auf kindische Traumata herausreden, denn seine Kindheit war nicht gerade „heil“ gewesen. Dennoch oder gerade deswegen hatte er sich durchgekämpft. Erst durch die Schule, dann zu seinem ersten, dann zu seinem zweiten Job. Die Arbeit war nicht sonderlich fordernd gewesen, doch sie brachte gutes Geld, das ausreichte, um den täglichen Bedarf zu decken. Mehr war es nicht gewesen, doch nach mehr hatte es ihn auch nie verlangt. Bis auf dieses eine Mal, vor zwei Jahren.

Es war ihm Leid geworden, anderen Leuten nachzusehen, wie sie in ihren Cabrios vorbeiflitzten und in den Tag hineinlächelten. Dass das Lächeln nichts als eine Maske war, die sie aufsetzten, um zu verbergen, wie sehr ihr Leben sie eigentlich anödete, war ihm schnell klar geworden. Es war ihm nicht um irgendein Auto gegangen, sondern um Prinzipien. Wenn andere Leute ihr Geld sinnlos ausgeben konnten, warum nicht auch er? Also war er zum nächstbesten Autohändler spaziert, und kurze Zeit später war er Besitzer eines teuren Schlittens gewesen, Leasing sei Dank. Den er Monate später wieder verkaufen musste, als er seine Arbeit verlor, weil wie überall Personal eingespart wurde, um es durch Maschinen zu ersetzen. Die Miete, der Leasingvertrag für das Auto, alles wurde plötzlich zu viel. Und dann ging plötzlich alles sehr schnell.

Die Bank kündigte ihm sein Konto auf, das er aufgrund der laufenden Zahlungen überzogen hatte, woraufhin ihn sein Vermieter wegen Mietverzug kündigte. Es gab zwar genügend Arbeit, aber nur für diejenigen, die ein Konto ihr Eigen nennen konnten, und für ein Konto brauchte man nun ein regelmäßiges Einkommen, also Arbeit. Anfangs war er eher verblüfft, wie schnell alles gegangen war. Die Wut kam später, die Trauer, die Verzweiflung, der Alkohol und schließlich – nach einigen schlimmen Monaten – die Entscheidung, sein Leben wieder in die Hand zu nehmen.

Er schwor dem Alkohol ab und versuchte, zu improvisieren, wo er konnte. Waschen konnte er sich im nahegelegenen See, ebenso wie er dort seine Kleidung halbwegs sauber halten konnte. Nahrung fand er je nach Saison in Beeren, Nüssen und anderen essbaren Pflanzen im Wald oder indem er sich einige Euros erbettelte, um in Billig-Supermärkten das Notwendigste einzukaufen. Mit der Zeit hatte er sich fast so etwas wie eine kleine Heimat im Wald aufgebaut, die ihn sogar im Winter relativ warm, vor allem jedoch trocken hielt. Solange der Boden nicht nass wurde, halfen ihm Decken, die er von einer freundlichen alten Dame bekommen hatte, über kalte Nächte hinweg. Es war kein einfaches Leben, doch die täglichen Notwendigkeiten nahmen ihn genügend in Anspruch, um Gedanken von Status und gesellschaftlicher Anerkennung fernzuhalten.

Wieder einmal war es Winter, und der Wald gab nicht sonderlich viel Essbares her, als er mit einigen Euros, die er von mildtätigen Passanten mühsam erbettelt hatte, den lokalen Supermarkt betrat. Und erkennen musste, dass der Automatisierungswahn nun einen neuen Höhepunkt erreicht hatte: Es konnte nicht mehr mit Bargeld bezahlt werden. Was für viele gestresste Kunden eine angenehme Beschleunigung ihres Einkaufsvorgangs darstellte, bedeutete für den ohne Bankkonto lebenden Außenseiter den Ausschluss aus der Nahrungskette. Ein älterer Herr bot ihm an, mit seiner Karte für ihn zu bezahlen und dafür die Münzen zu nehmen. Während er das freundliche Angebot dankend annahm, wurde ihm bewusst, dass er einen Blick auf die Zukunft erhascht hatte. Eine Zukunft, in der es keinen Platz mehr geben würde für Fehler im System, für Menschen, die bereit waren, Risiken einzugehen und Fehler zu machen. „Schöne neue Welt“, dachte er sich, und ihm schauderte.

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