Das Problem war, dass er ein Mensch war wie alle anderen auch. Ein Mensch, der Freude fühlen konnte, Liebe und Zufriedenheit, aber auch Verwirrung, Angst oder gar Hass. Oder zumindest konnte er sich noch daran erinnern, sie einst gefühlt zu haben. Hass gegen die Menschen, die in seiner Heimat andere abschlachteten, als handle es sich bei diesen Menschen um Zahlen, um Nummern, um Unwichtigkeiten. Als er an einem Punkt angelangt war, an dem er anfing, die Hassreden der politisch motivierten Prediger beinahe zu glauben, hatte er gewusst, dass es an der Zeit war, zu fliehen. Es war eine Sache, zu sterben, eine andere, ermordet zu werden. Doch selbst zu morden war die schlimmste Sünde von allen. Zumindest in diesem Punkt waren sich alle großen Religionen einig, wenigstens in der Theorie.

Also war er geflohen, um Frieden zu finden und den Menschen um ihn in Liebe zu geben, was er ihnen geben konnte. Ein Restaurant hatte er eröffnen wollen, mit pakistanischer Küche, und getragen von dem Geist der Gastfreundschaft seiner Heimat. Europa, das war Frieden, das war Toleranz, das war Möglichkeit. Doch nicht für einen Mann wie ihn, der alleine aufgrund seiner Herkunft verdächtig schien. Der auf die Frage, ob er denn Moslem sei, mit naivem und an das Gute in der Welt glaubenden, fast kindlichen Sicherheit in fließendem Englisch antwortete, dass er stolz darauf sei, die Gebote Allahs stets befolgt zu haben. Denn Europa, das war auch der Kontinent der irrationalen Ängste, wie er sobald feststellen musste.

Also hatte man ihn in einem der Asylzentren untergebracht, und ihm war gesagt worden, dass sein Fall bearbeitet werde. Zwei Jahre später hatte man ihm mitgeteilt, dass sich sein Antrag wohl doch noch weiter verzögern würde, weil am bearbeitenden Personal weiter gespart worden war. Immerhin war ja die Finanzkrise ausgebrochen und alle müssten den Gürtel enger schnallen.

Das war vor drei Jahren gewesen. Stets hatte er sich an die strengen Vorschriften gehalten, die ihm auferlegt wurden. Er dürfe die Stadt nicht verlassen. Er dürfe sich keiner kriminellen Handlung schuldig machen, weil er ansonsten sofort abgeschoben werden würde, wobei auch dem Nachgehen einer Arbeit ohne Arbeitsgenehmigung eine kriminelle Handlung war. Anfangs hatte er es als eine Prüfung Allahs angenommen und hatte sich darauf konzentriert, die Gebote besonders streng zu erfüllen. Eine Weile hatte er daraus Kraft schöpfen können, doch mit den Monaten wurde er das nagende Gefühl nicht los, dass er hier nur ein Bauer in einem perfiden Schachspiel war.

Denn beinahe jedes Mal, wenn er seine Spaziergänge durch die Stadt machte, hörte er sie lästern. Der ist doch sicher kriminell, hörte er eine alte Frau zu ihrer Freundin flüstern. Diese Ausländer nehmen uns ja noch alle Arbeit weg, schimpfte ein Jugendlicher im Vorbeigehen. Das ist sicher ein Terrorist oder ein Vergewaltiger – dieser Bart! Bleib mir ja weg von Leuten wie dem, sagte ein Vater zu seiner kleinen Tochter. Sozialschmarotzer, und nicht mal Deutsch können‘s, die dummen Ausländer, schrie ihm ein Besoffener von der anderen Straßenseite her zu. Doch auch wenn er in mittlerweile beinahe akzentfreiem Deutsch antwortete, änderte es nichts an ihrer Ablehnung.

Das Problem war eben, dass er ein Mensch war. Ein Mensch gar mit einem besonders ausgeprägten Bedürfnis, der Welt etwas von der Liebe, die er für die Menschen verspürte, zu geben. Doch seit Jahren wurde er als Bauer in diesem absurden Schachspiel missbraucht, um Ängste zu schüren und Hass zu legitimieren. Hier war er ein lebender Toter, einem Zombie, der mit finanziellen Almosen gestopft wurde, die ihn kaum für die Untersuchungshaft – denn um nichts anderes handelte es sich hierbei wohl – entschädigen konnte. Kein Geld konnte die Verletzungen der Würde ersetzen.

Doch er konnte nicht einmal hassen, denn wen sollte er hassen? Alle waren sie nur Bauernopfer in diesem verrückten Spiel mit der Angst, die Menschen auf der Straße, die ihn ihre Abneigung spüren ließen, die überforderten Beamten im Aufnahmezentrum. Allah hieß ihn, ihnen zu vergeben, denn sie wüssten nicht, was sie taten. Und doch wünschte er sich manches Mal, sie würden doch aufwachen aus diesem gemeinsamen Albtraum. Warum all dieser sinnlose Hass? War es da nicht würdevoller, in seiner Heimat getötet zu werden, wo es zumindest jemanden gab, der einen toten Menschen und das, was er der Welt hätte geben können, betrauerte, als hier sein Dasein als lebender Toter zu fristen?

Diese Geschichte als .pdf herunterladen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.