Ein heller Gong bedeutete dem Meister, dass es wieder einmal Streit unter den Schülern des Klosters gegeben hatte, und dass er aufgerufen war, ihn beilegen zu helfen. Als er die schwere Holzschiebetür des Tempels lächelnd zur Seite schob, kamen ihm die Streithähne bereits wild gestikulierend entgegen.

„Dao hat mir auf den Kopf geschlagen!“, schrie der eine, „aber nur, weil du mir in den Bauch getreten hast!“, der andere. „Aber das habe ich doch nur gemacht, weil du mir auf die Wirbelsäule geschlagen hast! Und das tut man nicht!“. “Ja aber du hast mich vorher geschubst!“. Und nach einer Menge weiterer gegenseitiger Anschuldigungen, bei denen Ursache und Wirkung jeweils seitenverkehrt zugewiesen wurde, schrien zwei vom Streiten erschöpfte Schüler schließlich: „Meister, wer ist nun im Recht?“

Doch der Meister schwieg nur lächelnd und winkte sie in den Tempel. Nachdem sie eingetreten waren, deutete er ihnen, sich auf einen der großen Teppiche zu setzen und auf ihn zu warten. Als er wieder zurückkam, hatte er viele kleine Steinplatten bei sich und begann, sie vor den ungeduldigen Schülern aufzustellen. „Dies“, meinte er, auf die erste Steinplatte vor ihm zeigend, „ist der letzte Auslöser eures Streits, an den ihr euch erinnern könnt. Er hat den Streit vermeintlich angefangen“. Damit gab er dem ersten Stein einen Stoß, woraufhin alle anderen Steine vom jeweiligen Nachbarn umgeworfen wurden. „Wer war nun der erste Stein?“, wollten die Schüler wissen.

Der Meister stellte alle Steine wieder auf und zeigte wieder auf den ersten. „Dies“, meinte er lächelnd, „ist der erste Grund, an den ihr euch erinnern könnt. Doch davor“ – er stellte weitere Steine auf – „gab es noch ganz viele andere Gründe, die ihr längst vergessen habt. Ein Stein kann ein schlechtes Frühstück sein, schlechtes Wetter oder einfach ein Versehen.“

„Aber wer ist nun im Unrecht?“, wollten die ungeduldigen Schüler wissen, „wer von uns war tatsächlich der erste Stein?“. Doch der Meister stellte weitere Steine vor die immer länger werdende Reihe. „Das war der letzte Grund, an den ihr euch erinnern könnt. Das war das Wetter. Das Frühstück am Morgen. Der schlechte Schlaf davor. Es gibt keinen ersten Grund, denn es gibt immer einen Stein davor. Das macht die Suche nach dem Schuldigen so schwer und schließlich so sinnlos. Aber ich will euch zeigen, wie man in einem Streit einen Meister von einem Schüler unterscheiden kann.“

Er baute die Steinplattenreihe zum dritten Male auf und stieß den ersten um. „Der Schüler, der von einem Stein angestoßen wird, fällt um, um einen weiteren Stein umzustoßen, und sucht dann die Schuld beim ersten Stein, der ihn umgestoßen hat.“ Er legte einen Finger auf eine der Steinplatten und hielt damit den Fall der anderen Steine auf. „Der Meister jedoch ist derjenige, der fühlt, dass der Stein neben ihm droht, umzufallen, und all seine Kraft zusammennimmt, um ihn aufzufangen. Man erkennt einen Meister nicht daran, wie stark sie sind, andere umzuwerfen, sondern daran, wie stark und sicher sie sind, andere aufzufangen, die umzufallen drohen.”

Nachdem er sie hinausgeschickt hatte, waren die Schüler weiter verwirrt. Wer war denn nun schuld an dem Streit? Der Meister, der sie im Weggehen weiter diskutieren hörte, lächelte. Es hatte schon seinen Grund, warum es nur sehr wenige Meister ohne graue Haare zu geben schien.

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