Sie waren gekommen, um zu helfen. Ein ganzes Dorf hatte Hunger gelitten, und die örtliche Regierung sah sich außerstande, die Krise zu beenden. Also waren die beiden Geschäftspartner aus den Staaten ihrem Herzen gefolgt und hatten sich bereit erklärt, ein Projekt auf die Beine zu stellen, das den Hunger auch langfristig besiegen helfen würde. Spendengelder waren schnell aufgetrieben, wenn Fotos trauriger indigener Kindergesichter für Plakate vorhanden waren. Und so waren sie beinahe selbst überrascht gewesen, als sie sich einige Monate nach dem ersten Spendenaufruf nun tatsächlich in dem Dorf nahe Lima wiederfanden. Die Finanzierung war gedeckt, der Auftrag war klar: helfen, den Hunger zu besiegen. Für die armen Kinder. Für immer.

Also hatten sie in Lima von einem Großhändler Nahrung gekauft, um es mit einem Lastwagen in das verarmte Dorf zu bringen und dort zu verteilen. Gierig waren die Bewohner über die Essensvorräte hergefallen. Als trauten sie dem Frieden nicht und wollten sichergehen, dass die Bohnen und der Reis bereits im Magen war, wenn der Haken an der Sache klar wurde. Hier in den Dörfern lernte man früh, Geschenke Fremder dankend anzunehmen, ohne erst nach den Beweggründen zu fragen. Ausgenutzt waren sie bereits genug worden von den Gringos mit ihrem überheblichen und selbstzufriedenen Grinsen, warum nicht auch hin und wieder etwas davon haben?

Später, nachdem die größte Not abgewendet worden war, hatten sie eine Schule eröffnet, um den armen indigenen Kindern und Erwachsenen auch so etwas wie Bildung ermöglichen zu können. Doch niemand hatte sie besucht, denn die Kinder wurden gezwungen, auf den Feldern mitzuarbeiten. Erst, als die täglichen Essensrationen davon abhängig gemacht wurde, ob die Kinder auch tatsächlich die Schule besuchten, freuten sich Volunteer-Lehrer aus aller Welt über große Kinderaugen, die ihnen das Gefühl gaben, etwas Sinnvolles für die Welt zu tun. Von ihnen lernten die jungen Peruaner vieles: Englisch, mit Computern umzugehen, Gitarre spielen, Kapitalismuskritik (auch wenn die wenigsten der Kleinen auch nur das Wort aussprechen konnten). In unzähligen unbezahlten Arbeitsstunden bereiteten übermotivierte Freiwillige aus aller Welt die Kinder aus dem armen Dorf auf weiterführende Schulen und sogar für Universitäten vor.

Einige Jahre später bekamen die beiden Geschäftspartner Heimweh und beschlossen, doch wieder in ihre Heimat in den Staaten zurückzukehren. Der Hunger war besiegt, die Kinder genossen eine gute Schulbildung und hatten echte Chancen in der Gesellschaft. Auch die Spender konnten zufrieden sein. Der Auftrag war erfüllt, Zeit, die Zelte abzubrechen. Einer der Einheimischen, Chico, warnte davor, das Dorf jetzt im Stich zu lassen, doch sie hatten nach all den Jahren genug von Peru. Er solle sie für das nächste halbe Jahr noch vertreten und die Hilfe langsam auslaufen lassen, dann blieben nur noch Abschlussberichte zu schreiben und die Freude, tatsächlich etwas beigetragen zu haben, diese Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Chico’s Nachricht, die einige Wochen später bei ihnen einlangte, war jedoch verstörend. Das Projekt hatte zwar geholfen, den Hunger kurzfristig zu besiegen, doch niemand konnte langfristig etwas verkaufen, wenn gleichzeitig dieselben Produkte verschenkt wurden, und so hatten alle Produzenten aufgeben müssen. Es gab nichts mehr zu kaufen. Die Kinder der Produzenten waren alle in die Stadt gezogen, um dort zur Schule zu gehen, und die alten konnten das Land nicht ohne ihre Hilfe bewirtschaften. Die Not war schlimmer als jemals zuvor. Denn einst war es nur der Hunger gewesen, aber Hunger hatten sie immer gekannt und gelernt, mit ihm zu leben. Was neu war, war die Abhängigkeit und die Hilflosigkeit, in die sie die „Entwicklungshilfe“ gebracht hatte.

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