Rebecca war eine Träumerin, hatte ihre Lehrerin schon damals in der Grundschule immer gemeint. Während andere Kinder sich balgten, sich ihren Rollenspielen hingaben und in all dem Treiben immer größer wurden, saß sie meist still in einer Ecke und sah verträumt aus dem Fenster. Als die ersten in ihrer Schule anfingen, sich für Jungs zu interessieren, sah sie den ungeschickten ersten Annäherungsversuchen von weitem zu. Die Welt schien an ihr vorüberzulaufen wie die Landschaft an einem Zugfahrer vorbeiflitzte. Sie erbrachte die notwendigen Leistungen, um in die jeweils nächste Klasse versetzt zu werden – wenn auch nur mit Widerwillen. Doch ansonsten saß sie wie schon zu Schulanfang an ihrem Platz in der Ecke, Tag für Tag.

Die anderen Kinder hatten sie anfangs noch ermuntert, doch mit ihnen zu spielen, und eine Weile galt es sogar als große Ehre, mit der unnahbaren Rebecca Zeit verbringen zu dürfen, doch irgendwann hatte auch das seinen Reiz verloren. In einem Anflug von Hilflosigkeit hatten sie noch versucht, sie mit Spott dazu zu bewegen, endlich von ihrem Platz aufzustehen und aktiv etwas zu tun, und wenn sie sie bis zur Gewaltanwendung reizen mussten. Doch Rebecca hielt ihnen eisern stand. Und so hatten sie es irgendwann aufgegeben, sie als Teil des Schulalltags akzeptiert, über den man sich keine weiteren Gedanken mehr machen musste.

Und doch war ihre Welt eine gar wundervolle, voller abenteuerlicher Geschichten, Überraschungen und Farben. Schon früh hatte sie herausgefunden, dass es neben der Welt, auf die sich alle geeinigt zu haben schienen, der angeblich so „wirklichen“ Welt, noch eine andere, eine innere Welt gab. Und während die wirkliche Welt aus einer Reihe von Pflichten und Notwendigkeiten bestand, die ihr viel zu schwierig erschienen, versprach ihr diese innere Welt ein lebenslanges Abenteuer. Hier war sie eine Königin, die über ein ganzes Reich herrschte, konnte all die Geschichten auskosten, die in der angeblich „echten“ Welt stets so tragisch endeten.

Sie hatte die zaghaften Versuche der Mädchen gesehen, mit den ach so verwirrenden und unerklärlichen Jungs ein Gespräch anzufangen, das nicht in kürzester Zeit peinlich wurde. Was für eine Welt war das, in der so einfache Dinge wie ein Gespräch so kompliziert sein mussten? Nein, in ihrer inneren Welt gab es ein Gesetz, nachdem die Menschen dazu beitragen mussten, dass alle stets dazu beitrugen, dass ein jeder glücklich war. Und weil es ihre innere Welt war, weil sie nicht nur Königin, sondern fast so etwas wie die Göttin dieser Welt war, war es eine Welt voll von Harmonie. Wer war schon so verrückt, freiwillig in einer Welt leben zu wollen, in der es Menschen gab, die anderen Böses wollten? Nicht Rebecca.

Und so erwachte sie jeden Morgen in ihrer schönen freundlichen Welt, um in eine freundliche Schule zu gehen, in der ein jeder dazu beitragen wollte, anderen den schönsten aller möglichen Tage zu machen. Sie hatten mit der Zeit ein Spiel entwickelt, nachdem alle anfangs griesgrämig aus der Wäsche schauen mussten, wie es einst in der echten Welt gewesen war. Die Aufgabe der Königin Rebecca war es nun, alle so freundlich zu behandeln, dass sie einfach nicht mehr anders konnten als zu lächeln und sich wohlzufühlen. Auch dieses Mal wurde es wieder ein großes Vergnügen, und ihre Mitschüler lobten sie für ihre liebevolle Art, von der sie ganz überrascht wirkten. Natürlich gehörte auch das Lob zu ihrem Spiel.

Als sie jedoch die große Tür zum Schulhof öffnete, erwartete sie kein buntes Feuerwerk an Farben wie üblich, sondern nur einige etwas gelangweilte Kinder. Was war heute nur los? Erst nachdem sie das Gesetz der Königin Rebecca auch hier auf dem Schulhof befolgt hatte und alle dazu gebracht hatte, sich wohl zu fühlen, dämmerte ihr eine verstörende Erkenntnis. Die Umarmung eines kleinen Kindes bestätigte ihr, dass sie sich in der anderen, lieblosen Welt befand, von der sie eigentlich nichts mehr wissen wollte. Aber warum waren hier plötzlich alle so freundlich zu ihr?

Weil du das Gesetz deiner Göttin nicht mehr nur für dich behältst, antwortete eine Stimme tief aus ihrem Inneren. Zu lange hast du in deiner eigenen Welt gelebt und nur darauf geachtet, dass es dir selbst gut ergeht. Aber nicht dazu habe ich dir und all den anderen Menschen die Macht gegeben, zu schaffen und zu gestalten. Eure eigene Welt in euch zu schaffen, das ist Kinderkram. Dein Gesetz hier umzusetzen, gemeinsam mit allen anderen, da erst wird alles interessant.

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