Er war bis zu jenem Tag kein sonderlich auffälliger Bursche gewesen. Andere ein wenig zu schubsen oder ihnen ihre Sachen wegzunehmen, um sie zu einer Verfolgungsjagd quer durch die Schule aufzufordern, das konnte er schon nachvollziehen, aber Gewalt als solche hatte er stets abgelehnt. Das war etwas für Vollidioten gewesen, die sich nicht anders zu helfen wussten. Bis zu jenem verhängnisvollen Tag.

Markus hatte ihm die Mütze weggenommen, er hatte ihn quer durchs Schulgelände verfolgt und sie hatten einen Heidenspaß dabei gehabt. Irgendwann jedoch, als ihm die Puste ausgegangen war, hatte es ihm gereicht, und er wollte seine Mütze zurück haben, schließlich war der Herbst im Kommen und es wurde langsam kälter. Jedermann hier an der Schule wusste, dass es einen Punkt gab, an dem es reichte, und dass es zum guten Ton gehörte, an diesem Punkt das Spiel zu beenden. Was den anderen dazu geritten hatte, trotzdem weiterzumachen, wusste er bis heute nicht. Aber er wusste, dass er genug hatte, dass ihm trotz der Verfolgungsjagd langsam kalt wurde und er die Mütze, die rechtmäßig ihm gehörte, nun endlich wiederhaben wollte. Der Spaß war vorbei, es ging nicht mehr ums Spielen, ums Kräftemessen. Es ging darum, wem die Mütze rechtmäßig gehörte, und der Fall war eigentlich klar gewesen. Doch Markus wollte noch nicht aufgeben. Von dem, was danach geschah, wusste er nur noch Bruchstücke.

Irgendwo tief in ihm war eine entsetzliche Flamme aufgelodert, die ihn brannte, die ihn ängstigte, die ihm flüsterte, dass sein Recht hier mit Füßen getreten wurde und dass es nur einen Weg gab, das Recht wiederherzustellen: es selbst in die Hand zu nehmen. Nicht zu warten, bis einer der Erwachsenen zu Hilfe kam, um den Streit beilegen zu können, nein! In diesem entsetzlichen Moment war der Andere kein Mitschüler mehr, der sich einen Streich erlaubt und eine Grenze übersehen hatte. Nein, in diesem Moment hatte er gefühlt, dass Markus nach anderen Regeln spielte, sich an andere Gesetze hielt als er selbst, und sich ihm überlegen fühlte, gerade weil er sich nicht daran hielt. Warum sollte er sich Markus gegenüber zurückhalten? Und dann, als ihm
dieser Gedanke kam, war eine letzte Sicherung, die ihn noch zurückgehalten hatte, durchgebrannt.

Markus musste die Veränderung in seinem Blick bemerkt haben, denn in dem Sekundenbruchteil, indem er sich auf ihn stürzte, warf er die Mütze weit von sich, als wollte er damit sagen, dass es vorbei war. Doch es ging in diesem Moment nicht mehr um die Mütze, sondern um die Wiederherstellung von Recht und Ordnung, notfalls mit Gewalt, wie sein Großvater zu sagen pflegte. Und all die jahrelang unterdrückte Wut seines Lebens, die er stets zurückgehalten hatte, entlud sich in diesem einen Schlag, diesem einzigen Mal, indem er die Kontrolle verloren hatte. Dem Schlag, der Markus das Kiefer brach, ihn gegen die Wand schleuderte und dort bewusstlos zusammensacken ließ, der ihm ein Triumpfgebrüll entlockte, das jenem eines Tieres ähnelte. Bevor er realisierte, dass sich sein Mitschüler nicht mehr rührte und ihm klar wurde, dass er soeben einen Menschen niedergestreckt, schwer verletzt oder sogar getötet hatte.

Als Markus Wochen später wieder in der Schule erschien, wirkte er von den Erlebnissen gezeichnet, war still geworden und mied es, andere anzusprechen. Auch dem Mörder, wie er mittlerweile hinter vorgehaltener Hand von den anderen Kindern genannt wurde, war es nicht viel besser ergangen. Sie hatten Angst vor ihm, all die anderen Kinder, Angst vor einem weiteren Wutausbruch. Das war keine Rangelei gewesen, bei der der Sieger an Respekt gewann, es war ein Kampf ohne Regeln gewesen. Wie seltsam die Welt doch war! Er hatte doch gesiegt –
oder doch verloren?

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