“Die armen Tiere“, dachte er, als er ihre zermürbten Gesichter durch die Gitter des Transporters mit der Aufschrift „Lebende Tiere“ erblickte. Für einen winzigen Moment hatte er beinahe das Gefühl, als könnte er so etwas wie ein Bewusstsein hinter diesen ihren Augen erkennen. Seine Religion verbat es ihm, Schweine zu essen, weil sie als unrein galten, aber sie verbat es ihm nicht, sie interessant zu finden. In Europa waren sie ja sogar der Ansicht, dass Schweine besonders intelligent waren. Und doch behandelten sie die angeblich intelligentesten Tiere nicht besser als das Stück Fleisch, das irgendwann aus ihnen werden würde. Die Würde des Lebens war den Menschen hier in der „zivilisierten Welt“ nicht sonderlich viel Wert. Ob es ihnen hier wohl besser ergehen würde?

„Die armen Menschen“, dachte das Schwein voller Mitleid, als es für einen kurzen Moment durch das Gitter des Lastwagens in ihre zermürbten Gesichter blickte. Irgendwie fand es die Vorstellung beinahe ein wenig tröstlich, dass die Menschen sich auch untereinander nicht würdevoller behandelten als sie es mit Tieren hielten. Auch diese Menschen waren zwischen einigen Planen zusammengepfercht worden, auch sie hatten kaum Platz, um zu atmen, geschweige denn, sich die Beine zu vertreten. Das war verwunderlich, fuhren doch die meisten Menschen auf erstaunlich platzverschwendenden Weise mit ihren Privatboxen umher. Die Menschen in dem Transporter gegenüber mussten besonders verachtenswert sein, wenn sie, Schweine auf dem Weg zum Schlachthof, noch besser behandelt wurden als sie.

„Früher erging es uns auch nicht viel besser als ihnen“, meinte das Nachbarschwein, das den nachdenklichen Blick des ersten Schweines bemerkt hatte, „bis einige Menschen auf die Idee gekommen waren, dass es unmenschlich sei, möglichst viele Schweine auf einen Haufen zu werfen, bis der Transporter voll war und keine mehr hineinpassten. Das hat dann ein paar Jahre gedauert, aber mittlerweile haben wir ja fast einen Luxus-Transporter hier. Der Zielort bleibt natürlich gleich“ – dem zweiten Schwein entfuhr ein ironisches Lächeln – „aber zumindest wird uns die Fahrt dorthin halbwegs angenehm gestaltet. Und wir wissen, was uns erwartet. Die dort drüben aber“ – er nickte den Menschen im anderen Transporter zu – „klammern sich immer noch an die Hoffnung, dass sie an einen anderen Ort gebracht werden als wir. Einem besseren Ort. Arme Menschlinge…“

Und tatsächlich, trotz der offensichtlichen Enge unter den Planen des Transporters konnte das Schwein noch so etwas wie einen Hoffnungsschimmer in den Augen der Menschen entdecken. „Man wird sie finden“, meinte das andere Schwein, „und dann wird man sie in kleine Käfige stecken, weil manche Menschen in ihren eigenen Boxen fahren dürfen und andere nicht. Aber warum jetzt genau der eine frei sein darf und der andere nicht? Ich glaube nicht, dass die da drüben dümmer oder unmenschlicher ist als der da drüben, der gerade fast seine Box in eine andere gefahren hat. Das versteht echt kein Schwein…“

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