#36 Wellen

Einer unter vielen. Das war Henrique immer gewesen, nur ein weiterer Schatten, der auf dem Weg zur Arbeit vorbeihuschte, ohne weiter wahrgenommen zu werden. Ein dunkler Flecken am Rande der Wahrnehmung, ein Augenblick des vorbeifliegenden Tages, der es nicht wert war, sich seiner zu erinnern. Dem aufmerksamen Beobachter mochte es aufgefallen sein, dass sich jener Schatten nun des Öfteren in der großen Flanierstraße zeigte. Manchmal saß er einfach nur unter einem der alten Bäume der Allee, die noch nicht den zahlreichen immer gleichen Geschäften weichen mussten, und beobachtete lächelnd die vorbeiströmenden Passanten.

Die meisten der anderen Schatten, die durch die Straße hasteten, als ginge es um ihr Leben, wo es doch nur um ein weiteres Paar Hosen für den ohnehin überfüllten Kleiderschrank ging, zürnten ihm deswegen nicht. Er war wohl nur ein weiterer jener Menschen, die es nicht fertig brachten, einer geregelten Arbeit nachzugehen, und nun viel zu viel freie Zeit hatte. Der moderne Städter hatte mittlerweile natürlich verstanden, dass diese Menschen Mitleid verdienten, keinen Zorn. Ihr Mehr an Freizeit bezahlten sie tagtäglich mit dem Weniger an Möglichkeiten, sich ihre nur spärlich ausgestatteten Wohnungen so vollständig auszufüllen, wie es der moderne Mensch heute für richtig halten musste.

Manchmal würde der junge Mann seine beste Freundin mitnehmen – seine alte Gitarre, abgewetzt von den vielen Stunden, die er mit ihr alleine verbracht haben musste. Der Lack war an manchen Stellen schon so abgekratzt, dass man kaum noch erkennen konnte, welche Farbe sie einst gehabt hatte. Stundenlang würde er dann an einem jener ehrwürdigen Bäume verbringen, in die Saiten schlagend, und – meist mit bedeutungsschwer geschlossenen Augen – sein Innerstes nach außen kehren, würde sich der Welt hingeben, den Moment seinen Mitmenschen opfern. Zitternd würde er dann oftmals seine Augenlider öffnen, um in die stets gleiche gesichtslosen Massen zu blicken, die ihn wie immer passierten, als wäre er gar nicht hier.

Doch etwas war heute anders gekommen. Ein kleines Mädchen hatte sich von seiner jungen Mutter losgerissen, war auf diesen seltsamen Mann zugelaufen und hatte ihm andächtig gelauscht. Auch die großartigsten Versprechungen der Mutter konnten es nicht wieder von diesem Mann mit seiner Gitarre fortreißen. Mit den großen Augen eines Kindes, das noch nicht zu staunen verlernt hat, starrte es ihn an, fasziniert von den Klängen, die seine Finger der Gitarre zu entlocken vermochten. Und dann hatte er, die Bewegung vor sich wahrnehmend, aufgeblickt, und ihre Blicke hatten sich getroffen. Welche Sanftmut strahlte ihr da aus seinem Gesicht entgegen, welch Vertrauen!

Und während er sie freundlich anblickte und ihr ein Lächeln schenkte, dass er nur ihr alleine zuzwinkerte, fühlte das Mädchen, wie es plötzlich die Kontrolle über seinen kleinen Körper zu verlieren schien. Erst riss es erschrocken die Augen auf, denn es fürchtete sich davor, auf sein Hinterteil zu plumpsen. Doch etwas in seinen Augen, etwas in den Tönen, die ihr entgegenrauschten, ließ ihr keine Wahl. In gewaltigen Wellen nahm die Musik von ihr Besitz, befahl ihrem Körper, sich mit ihnen zu bewegen. Sie wurde hin- und hergeworfen von diesem Magier, der sie, die in ihrem kurzen Leben noch niemals das Meer erblickt hatte, das Kommen und Gehen, das Auf und Ab des Lebens spüren, es tanzen ließ.

Es war nicht „besser“ als das Bonbon, mit dem die Mutter sie mit in das nächste Einkaufszentrum locken wollte. Es war überhaupt nicht vergleichbar. Etwas in ihr hatte zu schwingen begonnen, und auch wenn ihre genervte Mutter sie, die Wehrlose, nun von dem Ort dieser magischen Bewegung ganz energisch wegtrug, wusste sie: die Wellen, die nun in ihrem Herzen rauschten und ihr Geschichten von Liebe und Glück erzählten, würden vergehen. Doch was sie brachten, würde überdauern.

„Danke“, hauchte sie dem kleiner werdenden Schatten unter dem alten Baum zu, während ihre Mutter sie in Richtung des nächsten Ladens zerrte.

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