Sechzig Jahre später, war auf dem Plakat im Museum vor Temelin zu lesen, würde der menschliche Erfindergeist wohl schon eine Lösung für die derzeit in Zwischencontainern untergebrachten verbrauchten Brennstäbe finden. Das war immerhin eine lange Zeit, und der Mensch hatte schon schwierigere Probleme bewältigt. Und nach einer Reihe von Kinderfesten und anderen Aktivitäten waren schließlich auch die Anrainer überzeugt, dass die Atomenergie wohl eine der saubersten Lösungen für den zunehmenden Energiehunger in der EU sei. Das musste wohl um die Jahrtausendwende gewesen sein, damals, als man die Jahre noch zählte, als wäre Zeit ebenso unbegrenzt wie die Fantasie des Menschen, sich größere Zahlen auszudenken.

Zwanzig Jahre später war klar gewesen, dass der menschliche Erfindergeist es zwar fertiggebracht hatte, knappe sieben Milliarden Menschen aus allen Ländern so zu vernetzen, dass sie sich als Geschwister fühlten. Doch den wohl unmenschlichsten Krieg in der modernen Geschichte hatte er nicht verhindern können. Sieben Milliarden Menschen, vom Kap der guten Hoffnung bis hinauf nach Grönland, die nun, nach all den Jahrhunderten, Jahrtausenden des Hasses und der Verblendung, endlich entdeckt hatten, dass ein Mensch auch dann, wenn er Tausende Kilometer entfernt geboren war, nur ein Mensch sein würde. Dass ein jeder Mensch völlig unabhängig von seiner Herkunft das Potential in sich trug, diese Welt zu einem Paradies oder einer Hölle auf Erden zu verwandeln, und dass sie es gerade deswegen verdient hatten, zu leben, dass sie überleben mussten, damit einer von ihnen jene Idee haben würde, die alle retten würde.

Vierzig Jahre später waren die meisten der noch nicht verseuchten Süßwasserreservate aufgebraucht, viele im Kampf um die letzten Ressourcen gefallen, vernichtet. Es war schlimm gewesen, Menschen zu töten, damals, in den großen Kriegen der Moderne, der jenem vorangegangen war. Und doch waren es damals Feinde gewesen. Die Generäle erklärten, es seien keine Menschen, und wie bereitwillig war man doch bereit, es zu glauben! Es erleichterte das Töten, wenn man nur feindliches Fleisch vor sich wähnte. Wer konnte leichten Herzens einen Menschen töten, dessen Geschichte man gehört, dessen Gründe, dessen Träume man vernommen hatte?

Fünfzig Jahre später war es ihnen zur Gewohnheit geworden. Der tagtägliche Überlebenskampf, der jede Moral, jede Ethik mit dem Zunehmen des Hungers zersetzen musste. Der Mensch war trotz allen Fortschritts doch ein Gewohnheitstier, konnte sich beinahe allen Umständen anpassen. Nicht umsonst hatte er Jahrtausende überlebt, unter den widrigsten Umständen. Und auch nachdem die Zwischenlager-Container, die längst zu Endlager-Containern geworden waren, ihren Inhalt in das Grundwasser, die Bäche, Flüsse, Seen und später Meere freigegeben hatten, würde der Mensch überleben, würde stets eine Nische finden, in der er sich niederlassen, in der er überleben würde.

Sechzig Jahre später streiften sie nun durch das alte Europa, in kleinen Herden zusammengeschlossen, um zu überleben. Im ehemaligen Berlin würden sie über die historischen Überreste der Mauern klettern, die Europa einst getrennt hatten, in Brüssel würden sie, hätte vielleicht noch jemand gewusst, was Buchstaben, was Worte waren, die stolzen Worte Europäische Union entziffern können. In dem alten Museum nahe den alten Reaktoren in Temelin wären sie vielleicht auch auf die alte Inschrift gestoßen, die von einem menschlichen Erfindergeist sprach, der sie nun, sechzig Jahre nach der Anbringung der Inschrift, dazu befähigen hätte sollen, etwas dagegen zu unternehmen, dass es gekommen war, wie es gekommen war.

Doch die Buchstaben, die Worte ergaben ihnen keinen Sinn.

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