Wirklich bewusst war es ihm zum ersten Mal gestern geworden, an jenem seltsamen Tag, an dem er eine Facebook-Nachricht einer alten Freundin aus Ohio erhalten hatte, die die alte Floskel der Marke „Na, wie ist das Wetter drüben in der Heimat?“ ausgepackt hatte, um an ihr letztes Gespräch vor einigen Monaten anzuknüpfen. Die Google-Suchmaschine war hilfreich gewesen. „Regnerisch“, hatte er zurückgeschrieben, um dann ein „Sagt zumindest Google“ hintanzusetzen. Ein lachender Smiley war der Lohn gewesen, gefolgt von einem eher belanglosen Gespräch über statistische Wetterunterschiede zwischen den Staaten und Deutschland der letzten Jahre. Über die Klimaerwärmung und all jene Themen, die in den letzten Jahren unter den angeblich „gebildeten Schichten“, zu denen sich kaum jemand nicht zu zählen schien, modern geworden waren. Nach einer Weile wurde es ihm zu blöd, mit jemandem zu schreiben, der ihn nicht mehr interessierte als das Wetter in Ohio – nämlich gar nicht – und schaltete den Laptop aus.

Sofort umfing ihn jenes seltsame Gefühl, beinahe wie ein Vakuum, das seinen Kopf in jenen Momenten auszufüllen pflegte und weswegen er dazu übergegangen war, den Großteil seiner Freizeit ebenso vor den Bildschirmen zu verbringen wie er seine Arbeitszeit damit verbrachte, irgendwelche relativ belanglosen Buchstaben in ein Programm zu tippen. Der Mensch gewöhnte sich auch tatsächlich an alles, dachte er. Wie war es eigentlich möglich, dass es ihm angenehmer geworden war, einen Bildschirm anzustarren als den blauen Himmel, der ihn nur noch blendete? Warum musste er das Wetter über eine Suchmaschine herausfinden, anstatt es am eigenen Leib zu verspüren? Warum eigentlich hatte er seine Wohnung schon seit Monaten nicht mehr verlassen?

Es war, als wären die Häuser der Menschen nicht mehr nur wie einst schützende Bollwerke gegen eine gefährliche Umwelt, sondern mittlerweile zu viel mehr geworden, Welten für sich, die unabhängig von den Welten der anderen existierten. Nicht mehr Wege und Straßen, Flüsse und Ozeane verbanden die Menschen von heute, sondern Glasfaserkabel und Router. Was würde sie noch verbinden, wenn die Leitungen eines Tages nicht mehr funktionierten? Über was würden sie noch sprechen können, sie, die in einer völlig individualisierten virtuellen Welt aufgewachsen waren und sich nie um altmodische Konzepte wie das Finden von Gemeinsamkeiten kümmern mussten? Der moderne Mensch ließ diese Verbindungen schon seit Jahrzehnten von Computern aufgrund einiger biographischer Daten aufbauen. Die Fehlerquote war dabei nicht mehr zu vergleichen mit jener in alten Zeiten, als die Menschen noch aufgrund ihrer unpassenden Beziehungen ständig in Streit gerieten. Es war eine befriedete, konfliktfreie… und beinahe unerträglich langweilige Welt.

Und dann wurde ihm bewusst, warum er ständig dieses seltsam leere Gefühl in seinem Kopf verspürte, wenn er den Laptop ausschaltete: Es war seine letzte Verbindung zu einer gemeinsamen Welt, die er damit kappte. Wer war jene alte Freundin in Wirklichkeit? Überbleibsel flüchtiger Verbindungen über Glasfaserkabel. Nie hatte er sie irgendwo im echten Leben getroffen. Vielleicht war sie gar kein Mensch, sondern nur irgendeiner jener sozialen Programme, die neue Nutzer auf die sozialen Netzwerke ziehen sollten, in dem sie freundschaftliche Beziehungen vortäuschten. Wo waren die Menschen abgeblieben? Waren die Programme immer besser geworden, so dass sie immer mehr echten Menschen glichen, oder hatten sich vielleicht vielmehr die Menschen den Programmen angepasst, stets höflich, stets einer Meinung, stets so… unmenschlich?

Und plötzlich erwachte in ihm so etwas wie Widerstand. Widerstand dagegen, dass es üblicher war, das Wetter zu googeln als es durch ein Verlassen des Gebäudes zu erspüren. Widerstand gegen die Idee, dass die Welt nun einmal so war, wie sie geworden war. Widerstand, Konflikt, das waren Worte, deren Bedeutung er kaum mehr fassen konnte, und doch spürte er ihre ursprüngliche Macht in sich aufkeimen. Wie in Trance, überrascht von seiner eigenen Courage, öffnete er zum ersten Mal seit Monaten die Türen seiner Wohnung und trat ins Freie. „Ha!“, rief er in einem Anflug von Überschwang, „Die Straße gehört uns!“, und: „Gemeinsam können wir es schaffen!“

Doch sein Wir war ein leeres Wort geworden in einer Welt, in der das Ich die ganze Welt seiner Mitmenschen auszufüllen vermochte. Es verhallte ungehört in den stillen Gassen der menschenleeren Stadt, in der sie alle dahinvegetierten. Und ihm wurde bewusst, dass das Ich allein bleiben musste, wo das Wir zu existieren aufgehört hatte.

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