Er konnte durchaus zufrieden sein. Ein guter Unternehmensberater versuchte, die Prozesse im Unternehmen des Kunden immer weiter zu optimieren. Wo konnten Kosten eingespart werden? Wo konnten unnütze Handlungen und Zuständigkeiten eliminiert werden? Seit Jahrzehnten schon hatte er zufriedene Kunden bei ihren Optimierungen unterstützt und war bekannt für seine Effizienz.

So beliebt er bei Managern war, so unbeliebt machte er sich bei den Mitarbeitern. Beim Personal konnte man immer optimieren. Rauchpausen zu kürzen (was sich sogar als gesundheitsfördernde Maßnahme verkaufen ließ) oder Manager unterer Ebenen überflüssig zu machen, sparte langfristig bares Geld. Die Investition in die entsprechenden Maschinen, die menschliche Arbeit und damit Gehälter überflüssig machte, rechnete sich oft schon nach kurzer Zeit. Und die gekündigten Arbeiter würden schon woanders unterkommen. Wenn nicht, hatten sie es eben versäumt, für eine gute Ausbildung zu sorgen. Selber Schuld. Staatlich finanzierte Weiterbildungsprogramme würden sich schon um sie kümmern – was das Unternehmen jedoch netterweise nicht mehr finanzieren musste.

Und so hatte er über die Jahrzehnte so manchem Unternehmen geholfen, seine Konkurrenzfähigkeit zu erhöhen, was ihm gleich wieder neue Kunden bescherte, weil sich die Marktverhältnisse dadurch verschoben hatten. Je besser er seine Arbeit machte, Unternehmen beim Sparen zu helfen, desto mehr Arbeit wurde ihm dadurch zugespielt – es war perfekt. Und so simpel: es ging im Grunde nur darum, den Managern vorzurechnen, welche Einsparungen ihnen gewisse Entlastungen und Investitionen langfristig bringen würden. Und sie ein wenig zu motivieren, rationale, emotionslose Entscheidungen zu treffen. Wer sich dem Konkurrenzdruck nicht beugte, würde von der Bildfläche verschwinden. Für ein schlechtes Gewissen oder gar einem Gefühl von Verantwortung für seine Mitarbeiter war in der heutigen Wirtschaftswelt einfach kein Platz mehr.

Heute sollte es um ein internationales Unternehmen gehen, das bereits einen großen Teil seiner Produktion in Billiglohnländer ausgelagert hatte, aber aufgrund der dadurch entstandenen hohen Transportkosten kaum mehr konkurrenzfähig war. Er würde dem Unternehmen raten, die Produkte gleich im Erzeugerland zu vertreiben, anstatt sie umständlich nach Europa zu verschiffen. Wenn nur die Hälfte der Belegschaft durch Maschinen ausgetauscht werden würde, würde es möglich sein, die hergestellte Kleidung im Erzeugerland um die Hälfte der dort üblichen Kosten zu erzeugen. Warum in Europa mit anderen internationalen Unternehmen konkurrieren? Dort bestand die Konkurrenz aus zurückgebliebener Handarbeit. Es würde einfach sein, die Menschen innerhalb kurzer Zeit davon zu überzeugen, dass es weit effizienter sei, die Produkte des Unternehmens aus der Fabrik zu kaufen.

Doch während er noch seine heutige Präsentation im Kopf durchging, bekam er einen Anruf. Seine Dienste würden nicht mehr benötigt werden, da es mittlerweile ein Computerprogramm gab, das Optimierungsvorschläge zum Bruchteil seines Preises gab. Und der erste Vorschlag wäre jener der Einsparung einer menschlichen Unternehmensberatung mitsamt seinem Honorar gewesen.

Als ihn das Taxi nach Hause brachte, dachte er an all die Dinge, die er sich im Laufe der Jahre gekauft hatte: sein Haus, seinen Sportwagen, seine Ehefrau. Er war mathematisch versiert genug, dass er wusste: Das alles war jetzt vorbei. Er war wegoptimiert worden, ersetzt durch einen Computer, wie tausende Mitarbeiter seiner „optimierten“ Unternehmen. „Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut“, hatte er einst gelernt und stets selbst gepredigt. Doch im Grunde hatte er es immer gewusst und tagtäglich in seiner Arbeit gesehen: Der Sarkasmus in diesem Satz war kaum zu überbieten.

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