Hier war es ruhiger. Inmitten von Polstern von verschiedensten geometrischen Formen, in dem Geräteraum der Turnhalle, ließ sie sich nieder. All diese unerträglich glücklichen Menschen, ihr Lachen, ihre Beschwerden, ihre Kämpfe und ihre Versöhnungen, all das rückte von hier aus in eine erträgliche Ferne. Schwer ließ sie sich fallen und wurde von den Polstern aufgefangen. Eine Weile beobachtete sie das Treiben der umherlaufenden Kinder in der Halle wie durch einen Fernseher. Ein Gefühl von Sicherheit stellte sich ein, ein Gefühl der Entspannung. Mit ihm kamen unaufhaltsam die Tränen zurück.

Tag um Tag kämpfte sie sich durch die vierundzwanzig Stunden, kämpfte darum, eine Fassade aufrechtzuerhalten, und entfloh zu Orten wie diesen, wenn sie zu zerbrechen drohte. Ihre Maske saß fest, so fest, dass sie sich manchmal vor dem Spiegel fragte, welch glückliches Mädchengesicht ihr da entgegenlächelte.

Und doch wussten sie es natürlich, wussten es alle. Die Undurchschaubare, aus der man nicht schlau wurde, das war sie. Die oft innerhalb von Augenblicken zwischen ausgeprägter Fröhlichkeit und bitterer Trauer pendelte, deren Schmerz echt zu sein schien, tiefer zu gehen schien. Sie hatten aufgehört, sie zu necken, denn der Schmerz, der ihnen dann manchmal entgegentobte, ergriff sie so tief, dass auch sie sich in einem Strudel wiederfanden, der sie ängstigte. Dieses Mädchen, das begriffen sie rasch, war gefährlicher als der gewalttätigste Mitschüler. Womit sie kämpfen mochte, das begriffen sie nicht, wohl aber, dass sie einen Kampf austrug, in dessen Schatten all ihre Zwistigkeiten lächerlich erscheinen mussten. Und so ließen sie sie weitgehend alleine, hatten sich an diese Einzelgängerin und ihre Tränen gewöhnt.

Manchmal, wenn die Schule neue Schüler aufnahm, regte sich in jenen dann doch das soziale Gewissen. Dann würden sie zu ihr kommen, fragen, was denn passiert sei. Die ganze Geschichte würde dann aus ihr herausbrechen, die Fragesteller überschwemmen mit lange unterdrückten Schmerzen und Erfahrungen, die sie kaum ertragen und noch weniger verstehen konnten. Die meisten lernten schnell, sie in Ruhe zu lassen. Einige hatten es sich zur Gewohnheit gemacht, sie in jenen Momenten, in denen der Schmerz sie zu überwältigen drohte, rasch zu umarmen. Das war liebevoll gemeint, und doch spürte sie deutlich, dass diese Umarmungen meist eher auf Mitleid denn auf Mitgefühl basierten.

Und auch jetzt kam wieder einer der Neuen in den Geräteraum, einer der Erwachsenen dieses Mal. Er würde sie wieder fragen, was denn passiert sei, sie würde ihm ihre Geschichte erzählen und er würde versuchen, Lösungen zu finden und sie dabei zu unterstützen, ohne ihre Situation tatsächlich zu verstehen. Das war bei Erwachsenen doch schließlich immer so.

Wider Erwarten stellte er jedoch keine Fragen, sondern setzte sich einfach auf einen zylinderförmigen Polster neben sie. Er fragte weder, wie es ihr ginge, noch, ob alles in Ordnung sei. Er war einfach… da. Und plötzlich öffneten sich alle Schleusen, und die Tränen flossen in Strömen. „Entschuldigung“, stammelte sie, und wollte zu einer Erklärung ansetzen, doch das Glitzern in seinen Augen ließ sie im Ansatz verstummen. Auch er weinte, weinte mit ihr, ohne sich dafür zu schämen. Irgendwo in ihr spürte sie etwas brechen, und plötzlich wurde ihr bewusst, dass die Tränen, die ihr immer noch die Wangen hinabliefen, Tränen der Heilung waren.

Lange saßen sie nebeneinander, hier im abgedunkelten Geräteraum, und betrachteten die spielenden Kinder in der Turnhalle wie durch ein Fenster. Eines der anderen Kinder erinnerte die beiden schließlich daran, dass es Zeit war, aufzuräumen, und der Erwachsene stand auf, um sich darum zu kümmern. Auch sie richtete sich auf und bemerkte zu ihrer Verwunderung, wie leicht sie sich fühlte, fast, als würde sie schweben. Etwas war zwischen ihnen geschehen, eine Art Verständigung ohne Worte, als hätte er einen Teil ihres Leids geschultert. Doch als sie an ihm vorüberging und ihm einen dankbaren Blick zuwarf, erkannte sie zu ihrem Erstaunen, wie leicht auch seine Schritte waren. Wortlos ging sie an ihm vorüber, wohl wissend, dass er sie trotzdem verstehen würde. Denn in jenem Raum hatte sie erkannt, wie unnötig Worte manchmal waren, wo tiefe Liebe zueinander spürbar war.

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Da ich ab Sonntag wieder für zwei Wochen auf “Heimaturlaub” in Österreich bin, werde ich in der Zeit keine Geschichten in Kiel aufhängen können, vielleicht finde ich die Zeit, zumindest welche zu schreiben und hier online zu veröffentlichen… sobald ich aber wieder in Kiel bin, geht es auf jeden Fall weiter.

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