Es war nur eine Treppe.

Jederzeit konnte man stehenbleiben oder gar umkehren. Der Mensch bestimmt seinen Weg selbst. Die Richtung, die Geschwindigkeit, die Schrittlänge – und schließlich, wann dieser aufhört, Weg zu sein und zum Ende einer langen Wanderschaft wird.

Sarah war sehr still geworden. Immer wieder nahm sie am Rande ihres Blickfeldes verschwommene Schemen wahr – es mochten Menschen sein, vorbeiziehende Fahrzeuge oder auch nur Schatten ihrer Fantasie. Sie schüttelte heftig den Kopf, um ihre dunklen Gedanken zu vertreiben, doch schon nach wenigen Augenblicken kehrte das Bild zurück: Die Treppe, Sinnbild eines ausweglosen Lebens. Und sie selbst, sich nie zu schade, den nächsten Schritt zu tun. Immer weiter, unaufhaltsam dem Ende entgegen.

Ein Blick zurück – nachtklarer Sternenhimmel. Fühlten diese unendlich fernen Punkte da draußen wohl auch jene Einsamkeit? Ein Geräusch riss sie aus ihren düsteren Gedankengängen, doch es war nur der Wind, der ihr Haar zerzauste. Schutzlos. Allein. Weiter und weiter stieg sie hinab, dem diffusen Licht entgegen, das immer verlockender zu werden schien – Nebel, vergessen, sich völlig hingeben. Schritt für Schritt. Herzschlag für Herzschlag.

Gott war groß, und er war in allen Dingen. Er war so unglaublich groß, dass es ihn nicht kümmern konnte, was sie fühlte. Ein tägliches Gebet an ihn, schön und gut, aber jemand, der ihr zuhörte oder gar eine Antwort? Nein, das war wohl zu viel verlangt. Mit einem kraftvollen Satz hatte sie sich abgestoßen, hatte ihre gewohnten Bahnen verlassen, über das Geländer, über die letzte Barriere hinweg, hinein ins Ungewisse. Kurz überkam sie ein mulmiges Gefühl, so frei in der Luft zu schweben. Dann zog die Schwerkraft sie hinunter, immer schneller, unaufhaltsam.

Und dann begann sie zu erahnen, dass es schlussendlich wenig Unterschied machte, ob man Stück für Stück, mit sich selbst ringend, jeden Tag aufs Neue seine Träume aufgab oder sich einfach fallen ließ und auf den nächsten Morgen vertraute, der den trüben Nebel an Gedanken zu vertreiben vermochte. Diese Treppe war endlos, ein in sich geschlossener Kreis, der sich immer dunkler zu färben schien, je länger sie ihm nachfolgte, und es würde immer ein „weiter unten“ geben. Und nie, nie hatte ihr Leben einem Zweck gedient. Es war einfach nur da, eine gewaltige Chance, etwas daraus zu machen. Jetzt.

Gleich einem fallenden Stern hell erleuchtet zog sie ihre Bahn durch den klaren Nachthimmel und betrachtete diese verrückte Welt. Wie völlig irregeleitet waren doch manche Menschen, sich selbst allein Bedeutung zuzumessen am Schicksal dieses Universums – wie viele wiederum gab es, die sich selbst absolut keine Daseinsberechtigung einräumten, die ihr Leben als einen einzigen Fehler ansahen… wussten sie denn nicht, dass Gut und Böse, Richtig oder Falsch nur im Auge des Betrachters lagen, dass das eine ohne das andere nicht existieren konnte? Wie seltsam erschien doch all das Streben der Menschen nach dem ach so flüchtigen Glück…

Fast wünschte sie sich, zurückzukehren und einiges geradezurichten in dieser verkehrten Welt. Doch dann, als eine entzückte Seele die Beschränkungen von Raum und Zeit ablegte, um eine völlig neue und doch so seltsam vertraute Art von Sein zu erfahren, da umarmte sie in einer Geste der Endgültigkeit diesen einen vollkommenen Moment, ihn nie mehr loszulassen.

Und irgendwann in jener Nacht, während ihre Augen die Leere der Welt da draußen widerspiegelten und doch keinen Halt mehr in ihr fanden, lächelte ein Herz sich selbst ins Jenseits.

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