Mit müden Augen starrte er aus dem Fenster der Wohnung in den Vorhof des Komplexes. Die Sonne war bereits vor Stunden untergegangen, und nur noch die letzten Überreste ihrer tausendfach gespiegelten Strahlen verliehen dem Tag noch die Illusion eines Lichtblicks. Von seiner Position nah am Fenster konnte er sogar noch ein kleines Stück tiefblauen Himmels über den vielen Stockwerken der Gemeinschaftswohnungen erkennen. Sein Blick suchte die Sterne seiner Kindheit, den großen Bären, Orion. Doch die Lichter der umgebenden Wohnungen waren zu grell, und die Sterne und Träume der Kindheit zu fern, um sie auszumachen.

Weit war er gekommen, er, der schmächtige Junge, den seinen Mitschüler stets „Soletti“ zu nennen pflegten. Ihre Häme hatte er still ertragen, wusste er doch, was die Buchstaben auf den edlen Papieren ihm bescheinigten: Sehr gut. Er mochte dürr sein, mochte still sein, mochte seine Tage über Büchern verbringen anstatt umringt von Mädchen, doch diese Dokumente, die sich Semester für Semester in einem seiner Ordner ansammelten, bürgten ihm für eine andere Wirklichkeit. Und während seine Peiniger im Laufe der Jahre aus seinem Leben verschwunden waren, hatten ihn seine Bücher beharrlich weitergetragen, auf ein ungewisses und doch mit Sicherheit wunderbares Ziel zu. Es war gut. Er war gut. Sehr gut.

Irgendwann gegen Ende der Schulzeit hatte er die öffentliche Bibliothek entdeckt. Stunden verbrachte er nun in den stillen Hallen, las Buch um Buch. Bis er irgendwann mit Schrecken feststellte, dass er mehr wusste als seine Lehrer, die ihm seit Jahren mitgeteilt hatten, dass seine Leistung stets „sehr gut“ gewesen war. Aber war sie das wirklich, oder wussten es die Lehrer bloß nicht besser? Auf wessen Urteil konnte er sich nun noch verlassen?

Also war er an die Universität gegangen, um zu studieren. Hier würden sich doch gewiss Menschen finden, die ihm sagen konnten, ob seine Leistung denn in Ordnung war. Doch auch hier traf er vorwiegend Menschen an, die viele seiner Bücher nie gelesen hatten oder nur manche als Wahrheit durchgehen ließen. War denn nicht in allem, was ein Mensch denken mochte, ein Funke Wahrheit, und sei er noch so klein? Warum also Büchern den Wert absprechen, anstatt diesen Funken in ihnen zu suchen, um einen neuen Gedanken, eine neue Idee zu entfachen?

Nun war er ins Ausland gegangen, überzeugt, wenigstens hier jemanden finden zu können, der seine Leistungen und sein Wissen zu bewerten vermochte. Doch auch hier bestand ein jeder auf seinem eng abgesteckten Standpunkt. Einen Moment lang fragte er sich, warum er denn all die Bücher gelesen, all die Feste verstreichen hatte lassen, wenn er doch nun alleine hier in dieser Wohnung saß und aus dem Fenster starrte. Wo war die Frau, die ihn für „sehr gut“ hielt, wo die Familie, stolz auf den wissbegierigen Sohn? Fern war sie, die Familie, und unendlich fern die Liebe der Frauen, die er stets gemieden hatte. Was waren seine Bücher schon wert gewesen?

Die Lichter im gesamten Wohnkomplex gingen plötzlich aus. Jemand musste einen Kurzschluss verursacht haben. Als sich seine Augen an die Dunkelheit gewohnt hatten, sah er ihn. Der große Bär war immer noch am Nachthimmel, wachte über den kleinen Jungen mit den großen Träumen, der er einst gewesen war. Was machte er hier, eine höhere Autorität zu suchen, die ihm bestätigte, ob er gut genug für diese Welt war? Er war schließlich hier, war am Leben, konnte fühlen, leiden, lachen. Das musste genügen. Nein, es war gut. Es war sogar sehr gut.

Ein überwältigendes Verlangen überkam ihn, die Wohnung zu verlassen und in den nahegelegenen Park zu gehen. Hier, fern der blendenden Lichter der Stadt, konnte er nun endlich klar sehen, sah die fernen Lichtpunkte der Sterne über ihm, und die schemenhaften Umrisse seiner Gestalt, die sich im See spiegelten. Er würde schreiben. Für alle anderen Schatten da draußen, die im Blendwerk des Lebens die Sterne nicht mehr sehen konnten. Er würde ihr Stern sein, der über sie wachte, wenn sie sich einsam und verlassen fühlten.

Zurück in der Wohnung brannten Worte in seinem Geist, wie ein alles verzehrendes Feuer. Er sprach sie aus. Er schrieb sie nieder, Leuchtfeuer in der Einsamkeit der Moderne: Es werde Licht.

Irgendwo in der Dunkelheit des Komplexes entzündete jemand ein Streichholz.

#48 Nicht genügend als .pdf downloaden

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