Er hatte gleich gespürt, dass etwas Schlimmes passiert sein musste, als sich sein Knie in ungewohntem Winkel verdrehte und er ein deutlich hörbares Schnalzen hörte. Vorsichtig war er, gestützt auf den Trainer, in die Kabine gewankt, hatte sich die Fußballschuhe ausgezogen und tapfer die Zähne zusammengebissen.

Zuhause verließ er das Auto des Trainers und winkte ihm tapfer zum Abschied. Erst als er die wenigen Meter zur Einfahrt hinauf hinter sich bringen wollte, stellte er fest, dass er sein Kniegelenk weder abbiegen noch belasten konnte. Am Gartenzaun ließ er sich langsam hinab und robbte ins Haus. Stunden später, im Krankenhaus, konnte er es kaum fassen: sechs Monate würde er nicht laufen können. Vorausgesetzt, die Operation würde gut verlaufen.

Einige Tage später, der erste Tag in der neuen Schule, und er hatte sich seinen Spitznamen für die nächsten Monate gesichert. „Hinki!“, riefen sie ihn, wenig einfallslos, und er, kaum fähig, einige Schritte ohne seine Krücken zu tun, konnte dem wenig entgegensetzen. Und während andere Fußball und Volleyball spielten, den Mädchen nachrannten oder vor ihnen flüchteten, saß er an seinem Platz, beobachtete traurig das Geschehen, in dem er keine aktive Rolle spielte.

Endlich, nach sechs langen Monaten, war sein Kniegelenk wiederhergestellt. Die Spitznamen hatte er abgeschüttelt, und wurde wieder bei seinem richtigen Namen gerufen. Wochenlang schon hatte er sich darauf gefreut, die Turnstunden endlich wieder inmitten des Geschehens anstatt nur am Rand als Zuseher verbringen zu können. Es sollte Volleyball gespielt werden, was seiner Verletzung entgegenkam – niemand konnte ihn umlaufen. Und er war gut in diesem Sport. Nun würde er seinen Mitschülern zeigen, wie sportlich ihr „Hinki“ in Wahrheit sein konnte.

Und tatsächlich war er trotz der fehlenden Übung während der vielen Monate noch nicht eingerostet, zeigte rasche Reflexe und eine gute Zielgenauigkeit. Einer jener Reflexe jedoch wurde ihm zu Verhängnis, als er unwillkürlich nach einem scharf nach links geschlagenen Ball sprang und seine Kniescheibe erneut ihre angestammte Bahn verließ. Warum ich?, fragte er sich. Warum nur hatte sich die Welt derart gegen ihn verschworen? Warum war er dazu verdonnert, das Geschehen um ihn stets nur von den Zuschauerrängen aus zu verfolgen?

Einige Jahre später erst begriff er in einem Anflug von plötzlichem Verstehen, dass er mit seinem Knie möglicherweise kein Profi-Fußballer werden würde – und doch hatte sich seine Verletzung als ein Geschenk erwiesen. Durch seine Bewegungseinschränkung zur Beobachterposition gezwungen, hatte er mit der Zeit gelernt, Menschen zu lesen, ihre Ansichten kennen und schätzen gelernt. Sein Körper mochte in seinen Bewegungen eingeschränkt sein, doch sein Geist war umso reger geworden, hatte ihn zu Büchern geführt, würde ihn noch bis ans Ende der Welten führen.

Und nun, siebzig Jahre später, in seinem siebzig Jahre verfalleneren Körper, in dem Bett liegend, das gute Chancen hatte, seine letzte Ruhestätte zu werden, gedachte er lächelnd seinen ersten jugendlichen Anflügen von Weisheit. Sein Leben hatte auch in den folgenden Jahren noch viele Rückschläge für ihn bereitgehalten. Doch niemals mehr hatte er lange gegen sie angekämpft, hatte gelernt, in den Rückschlägen Vorschläge zu sehen.
Darum ich, dachte er ergriffen.

„Fürchtest du mich?“, hatte ihn der Mann in der schwarzen Kutte beim Eintreten gefragt, doch er hatte nur lächelnd den Kopf geschüttelt. Das Leben wie der Tod stellten die Bausteine, doch schon jung hatte er verstanden, wer sich aus jenen Teilen das Ganze zusammenzustellen hatte.
„Tritt ein, Freund“, begrüßte er den Alten. „Mein Werk ist beinahe vollendet, es fehlt nur noch der letzte Schliff.“
„Selten fühle ich mich so willkommen“, antwortete der Alte, und zückte die Sense. „Die meisten fürchten, ich würde unter ihnen wüten wollen.“
„Die Spreu vom Weizen trennst du nur, guter Freund“, sprach da der Kranke, „wer wird dich fürchten denn die Spreu?“
Und ein letztes Mal blickte er liebevoll auf seinen Körper hinab.
„Danke für die Reise“, flüsterte er leise.

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