„Hast a Kleingeld für mi?“

Der Mann sah sie mit ruhigen Augen an. Sie wollte ihn schon abwimmeln, wie sie es sonst auch immer tat. Was würde der Mann damit schon anfangen, außer sich Alkohol oder sonstigen Drogen dafür zu kaufen? Doch dann kam ihr zu Bewusstsein, dass es nicht sonderlich konsequent war, erst eine Stunde am Taubenmarkt Umarmungen an Fremde zu verteilen und dann diesen Mann zu ignorieren.

Natürlich hatte sie ein wenig Kleingeld in der Tasche. Sie kam gerade aus der Billa-Filiale und hatte sich Ein Leberkäseweckerl gekauft. „Ich hab kein Geld“ wäre eine Lüge gewesen. Aber sie wollte dem Mann kein Geld geben, wenn er sich damit nur irgendwelche Drogen kaufen würde. Sie merkte, dass sie bereits zu lange stehengeblieben war, um jetzt einfach weiterzugehen. Sie sah dem Mann in die Augen. „Geld will ich dir keines geben, aber möchtest du eine Umarmung?“

Der Mann schien überrascht von diesem Angebot, doch nicht abgeneigt. Er stand auf, und wirkte plötzlich nicht mehr so heruntergekommen. Seine Haare und sein Bart waren immer noch zerzaust, und er schien ein wenig schwach auf den Beinen zu sein, doch er erwiderte die Umarmung herzlich. Als sie sich nach einigen Sekunden trennten, leuchtete ihr aus den Augen des Mannes Dankbarkeit entgegen. Etwas hatte sich verändert.

Doch auch sie fühlte sich verändert, kraftvoller, verbundener mit der Welt. Als hätte diese eine Umarmung etwas von der Isolation der Menschen untereinander aufgehoben, und für eine Moment spürte sie die Wahrheit der östlichen Weisheiten, dass alles verbunden war. Verbunden, und doch so fern voneinander, dachte sie, während sie in der Straßenbahn saß und die vielen Bettler an der Landstraße und die vielen Menschen, die achtlos an ihnen vorbeigingen, beobachtete. Wer seid ihr, ihr Schatten am Straßenrand?

Noch als sie zuhause war, spürte sie die Nachwirkungen der denkwürdigen Umarmung mit dem Bettler. Sie hatte an diesem Tag sehr viele Menschen umarmt, Menschen wie sie selbst, mit guter Ausbildung, einem Dach über den Kopf, mit Perspektiven im Leben. Es hatte ihr Freude bereitet, die verblüfften Gesichter der Passanten zu beobachten, zu zeigen, dass sie bereit war, Fremde zu umarmen. Sie hatte sich überlegen gefühlt. Doch waren es Fremde gewesen?

Denn die Fremde begann wohl dort, wo es sie Überwindung kostete, den anderen zu umarmen, wo sie nicht wusste, ob sie dem anderen vertrauen konnte. Dort begann die Fremde, und dort fand sich auch die Grenze, an der aus einer aus der Langeweile geborenen Aktion wie dem Verteilen von Umarmungen an Unbekannte etwas werden konnte, dass diese Trennung überwinden half. Das Brücken baute, so dass auf diesen Brücken eines Tages eine Heimat für alle erbaut werden konnte. Und sie beschloss, den Grundstein zu legen.

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