#50 Verlaufen

Wann – wann würde es genug sein? Die Frage überkam ihn unerwartet, aus dem Hinterhalt, um den ohnehin bereits am Boden liegenden zu peinigen. Von der plötzlichen Klarheit seiner Gedanken überrascht, hob er das tränenverquollene Gesicht und starrte an die Wand. Ein weiterer Rückschlag auf dem Weg war es doch nur gewesen, der Konflikt mit den Mitbewohnern um den Abwasch und seine gerechte Verteilung. Ein weiteres Scharmützel im lebenslangen Krieg der Eitelkeiten. Recht hatten sie gehabt, natürlich, wieder einmal war er überarbeitet gewesen, hatte die häuslichen Pflichten vernachlässigt. Seine Tränen hatten sie mehr schockiert als ihn.
„Komm setz dich erst mal“, hatten sie zu ihm gesagt, doch er hatte es nicht vermocht, war in sein Zimmerchen geflüchtet und hatte die Tür hinter sich verschlossen. Zu viel gearbeitet, nichts weiter. Kein Grund, die mit Sicherheit wertvolle Zeit seiner Mitmenschen unnötig zu verschwenden.

Doch nun, bäuchlings auf seinem Bett liegend, drängte es ihn doch, zurückzukehren in die gemeinsame Küche. Sie hatten auf ihn gewartet, empfingen ihn mit einem Lächeln, doch keine Häme verunstaltete, entwertete es. „Tschuldigung“, brachte er hervor, doch die anderen wollten nichts davon wissen. Sie boten ihm Tee an, selbstgemachte Schokolade, ihre Zeit und noch etwas Wertvolleres – stille Anteilnahme. Stellten keine Fragen, sahen ihn nur liebevoll an. „Wir wohnen gerne mit dir zusammen“, fing sie dann doch zu sprechen an, nachdem lange niemand gewagt hatte, die Stille zu durchbrechen, „wir sagen dir, was uns stört, gerade weil wir dich gern haben.“

Plötzlich erkannte er, dass er unfähig war, diese Aussage zu verarbeiten. Er hatte versagt – wie konnten sie einen Versager wie ihn lieben wollen? Erneut überfiel ihn der Drang zu weinen, erneut spürte er den Drang, die Küche zu verlassen, fern von diesen Menschen zu sein, die ihn zu lieben glaubten, auf dass sie ihn auch weiterhin lieben würden können, doch seine Mitbewohnerin ergriff seine Hand, und ihr Blick ließ ihn innehalten. „Es ist schön, dich auch mal weinen zu sehen.“, meinte sie, „dann wissen wir, dass in dir auch noch so etwas wie ein menschliches Wesen steckt.“

„Hast du dir schon mal die Frage gestellt, für wen du dich so abmühst?“, hatte ihn ihr Freund gefragt, und ihn mit seiner restlichen Tasse Tee und einem Stück Schokolade seinen Gedanken überlassen. Lange schon hatte er die Versuchung überwunden, den Wünschen anderer zu entsprechen, um ihnen zu gefallen, dies konnte er also ausschließen. Er war doch frei. Und doch fühlte er nagende Zweifel. Wenn er tat, was er tat, weil er selbst es tun wollte, warum überforderte er sich dann regelmäßig selbst? Warum konnte er sich keine erreichbaren Ziele setzen?

Perfektion. Das war die Grundbedingung für jedwede Liebe, hatte er schon als kleines Kind gelernt. Also war er stark geworden… und doch war es nie genug gewesen, nur die Bestnoten alleine hatten nicht gereicht. Großes hatte er vollbringen müssen, stets Großes und noch Größeres, bis er in all dem Größenwahn an die Grenzen des Menschenmöglichen gestoßen, bis er wieder einmal zusammengebrochen war, und nun mit Tränen am Küchentisch saß, ein Stück Schokolade in der Hand und einen mit Liebe gebrühten Tee schlürfend. Seine Gedanken schweiften zurück in seine Kindheit. Und er erkannte plötzlich, dass er all die Jahre, einem Phantombild folgend, stets nur im Kreise gelaufen war, immer schneller, in der verzweifelten Hoffnung, ein Ende zu erreichen, sich ausruhen zu können. Erneut hatte sich der Kreis geschlossen, erneut lockte er den ewigen Läufer.

Doch zum ersten Mal in seinem Leben war er nun bereit, aufzugeben. Alles, was er sich nun noch wünschte, war zu schlafen. Sein Kopf war völlig leer. In einem Reflex versuchte er sich zu zwingen, zumindest etwas Produktives zu denken, doch eine irgendwie angenehme Trägheit überkam ihn. Er wollte hier bleiben, hier an diesem Tisch, an dem ihm so viel Gutes widerfahren war, und auf seine Freunde warten, die ihn trotz der Tränen, trotz seiner Schwächen ein Stück Schokolade schenkten.

Jahrelang war er der Illusion nachgelaufen, er müsse noch dies oder jenes schaffen oder erreichen, um dieses Glück zu rechtfertigen. Nun musste er staunend feststellen, dass all sein großartiges Schaffen ihn stets davon abgehalten hatte, sich mit seinen Mitmenschen an einen Tisch zu setzen und mit ihnen Tee zu trinken, ihnen Liebe zu schenken und seinerseits Liebe zu empfangen. Für einen Augenblick schämte er sich, nicht schon viel früher zu dieser Erkenntnis gelangt zu sein. Doch dann entdeckte er die Paradoxie dieses Gedankens – Und musste herzhaft lachen.

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