Verwundert rieb sie sich die Augen und setzte sich im Bett auf. Die Decke zurückschlagend, betrachtete sie ihre Finger, fand jedoch keinen Abrieb mehr. Auch ihr Rachen und ihre Lunge fühlten sich nun wieder frei an. Seltsam. Sie hatte mit mindestens drei Tagen absoluter Bettruhe gerechnet, doch nun, nach nur einer Tasse warmen Tees und einem leicht verschlafenen Morgen, fühlte sie sich wieder fit genug, das Bett zu verlassen, vielleicht auch wieder zu arbeiten.
„‘Morgen, Peter!“, rief sie ihren Vorgesetzten an, „Alles klar? Bin morgen wieder auf dem Damm. Tschüss!“, und legte auf.

Sich anziehend, überlegte sie, was sie mit diesem Tag noch anfangen würde. Immerhin war sie sicherlich immer noch angeschlagen und durfte sich nicht überanstrengen. Als erstes würde sie gemütlich frühstücken, denn dazu kam sie ansonsten oft ohnehin nicht, weil sie so morgens meist nur schwer aus dem Bett kam. Dabei würde sie die neuesten Zeitungsmeldungen im Internet lesen, um dann gemütlich das benutzte Geschirr abzuwaschen. Später würde sie vielleicht einen kleinen Spaziergang machen, den nahegelegenen Park besuchen, ein Buch lesen. Früh schlafen gehen. Schließlich war sie immer noch krank.

Am nächsten Morgen läutete ihr Wecker sie gnadenlos um 6:30 aus dem Bett, und sie pfefferte ihn mit Freude durchs Zimmer. Dies führte nur dazu, dass der Ausschaltknopf des Weckers nun außer Reichweite war. Ohne wieder einschlafen zu können, genervt vom ständigen Klingeln des Weckers, verbrachte sie aus Protest gegen die Ungerechtigkeit dieser Welt noch weitere zehn Minuten im Bett, bevor sie sich hastig ein Marmeladebrot hineinstopfte und zur Bushaltestelle rannte. Doch den Bus erwischte sie trotz aller Hast nicht, und als sie keuchend das Bushäuschen erreichte, kratzte es ihr zu allem Überfluss auch noch im Hals. War sie doch noch nicht gesund? Wieder sagte sie ihrem Vorgesetzen ab, vertröstete ihn auf morgen, und kehrte gemütlichen Schrittes in ihre Wohnung zurück.

Und dann wurde ihr mit einem Schlag bewusst, warum ihr Hals zu kratzen begonnen hatte: Krankheit war immer schon der einzige Grund für sie gewesen, sich dem Stress des Alltages zu entziehen. Immer hatte sie sich morgens abgehetzt, hatte ihrem ahnungslosen Mann und den Kindern das Frühstück bereitet und war in die Arbeit gefahren, wo sie sich den Ruf erarbeitet hatte, eine tadellose Mitarbeiterin zu sein, auf die Verlass war, wenn man sie brauchte. Nebenbei diente sie regelmäßig ihren Freundinnen als emotionaler Schwamm, der all die Höhen und Tiefen des Lebens geduldig und verständnisvoll aufzunehmen bereit war, und verfolgte ihr Hobbies mit einer Willenskraft, für die sie allerseits bewundert wurde. Nur manchmal war sie eben krank geworden, und hatte sich auf Anraten der Ärzte schonen müssen. Schöne Tage waren dies gewesen.

Zuhause angekommen, fühlte sie sich seltsam leicht, fast schwerelos. Ihre Kinder wunderten sich, ihre Mutter fröhlich frühstücken zu sehen, als sie die Küche betraten.
„Bist du krank?“, fragte die Tochter, doch die Mutter antwortete nur mit einem verschmitzten Lächeln: „Ich war noch nie so gesund, Liebes.“
Als ihr Mann einige Minuten später die Küche betrat und ihr dieselbe Frage stellte, lächelte sie nur geheimnisvoll, und etwas in ihren in jenem Moment aufblitzenden Augen ließ ihn an früher denken, als das Leben noch aufregend gewesen war. Doch ein Blick auf die Küchenuhr ließ ihn eilig die Küche verlassen.

Als er abends das Haus betrat, war es seltsam still. Wo waren die Kinder abgeblieben? „Rebecca?“, rief er in die Dunkelheit, doch niemand antwortete. Aus dem ersten Stock erklang leise Musik. Mit klopfendem Herzen stieg er die Treppe hinauf.
„Fühlst du dich nicht mehr krank?“, erkundigte er sich, sich an die Bettkante sitzend, sich ihren unter der Bettdecke verborgenen Körper vorstellend. Stellte fest, dass er sich nicht mehr erinnern konnte, wie sie aussah. Zu lange hatten sie aneinander vorbeigelebt, waren dem Alltag verfallen. Hatten sich nur noch umeinander gekümmert, wenn einer von ihnen krank gewesen war.

Und plötzlich, als wurde ihm die Absurdität der letzten Jahre mit einem Schlag bewusst, sah er sie wieder mit anderen Augen, wie damals, als er sich in ihren Augen wiederfand und geglaubt hatte, es würde einfach immer so bleiben. Dann waren die Verpflichtungen gekommen, das Haus, die Rückzahlungen, die Kinder, mehr Zahlungen, mehr Verpflichtungen, Krankheit, mehr Rückzahlungen. Und nun, vor diesen heute plötzlich so anderen, weiseren Augen, sah er durch die Illusion der Notwendigkeiten hindurch, sah durch all die Angst hindurch wieder so etwas wie eine Zukunft, für die es sich zu kämpfen lohnte. Sah ein Leben, in dem man nicht krank sein musste, um so zu leben, wie es sich zu leben lohnte. Sah ein Leben. Sah ihrer beider Leben.

Und in ebendiesem Moment sah auch der Krebs, der sich all die Jahre unbemerkt in ihrer Lunge ausgebreitet hatte, ein, dass er verloren hatte. Einige Monate später stellte ihr Arzt während einer Vorsorgeuntersuchung verblüfft fest: „Ich glaube, sie hatten einmal Lungenkrebs.“
„Ja, das war wohl, als ich noch geglaubt habe, einen Freund zu brauchen.“, meinte sie mit einem Lächeln.
„Aber nun habe ich ihn in mir selbst gefunden.“

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