Das war nun fast zu erwarten gewesen: den ersten Zug plangemäß erwischt, den Anschlusszug durch eine massive Verspätung verpasst, und ohne realistische Chancen, den dritten Zug in die Heimat noch zu erwischen. Zur Reiseberatungsstelle der Deutschen Bahn geschlurft, schicksalsergeben den zu erwartenden Bescheid abwartend. Heute fährt kein Zug mehr in diese Richtung. Aber warum nutzen Sie nicht die Chance, Hamburg zu erkunden? Wir können Ihnen eine Liste preisgünstiger Hotels in Bahnhofsnähe anfertigen, wenn Sie das wollen. Schon drei Passagiere vor ihm mit derselben Antwort abgefertigt, sie müssten wohl oder übel die Nacht hier verbringen. Wenig Hoffnung, dass sich beim Vierten in der Reihe groß etwas daran ändern würde. Es wäre aber auch zu schön gewesen. Die Bahn, die Bahn. Das nächste Mal eben doch wieder mit dem Auto…

Eine halbe Stunde später verließ er, verblüfft über die ihm angebotene Lösung, den Bahnhof. Zwei Stunden hatte er nun Zeit, bevor sein neuer Anschlusszug abfahren würde, ohne weitere Zwischenhalte und damit sogar bequemer als die ursprünglich gebuchte Fahrt, ein Nachtzug, aus dem er nicht mitten in der Nacht in einen anderen wechseln müssen würde. Doch nun? Zwei Stunden in Hamburg, zu wenig Zeit, um etwas zu unternehmen, zu viel, um sie einfach in den Wartehallen abzusitzen. Zudem war es empfindlich kalt. Hätte er den Anschlusszug erwischt, könnte er jetzt in einem warmen Zugabteil sitzen…

Nach einer Weile beschloss er, die Umgebung des Bahnhofs zu erkunden. Sitzen würde er im Zug noch lange genug. Nach kurzer Zeit hörte er Musik, dachte erst, es sei die übliche Kaufhausmusik, die gestressten Kunden ein Gefühl von Wärme und Geborgenheit vermitteln sollte, stellte jedoch rasch fest, dass sie viel zu rau, viel zu ungeschliffen war, um einzulullen. Jemand spielte live. Der Musik folgend, trat er aus den Bahnhofshallen heraus. Die Ursache der Aufregung war ein Mann, der offensichtlich seine gesamte Fantasie aufgewendet hatte, alle möglichen Gegenstände in ein gewaltiges Schlagzeug zu verwandeln, und nun wie ein Berserker mit seinen Sticks darauf losging. Das war nun eine sinnvolle Weise, die nächsten ein bis zwei Stunden zu verbringen! Also reihte er sich in die zahlreicher werdenden Reihen der Zuseher ein und verfolgte das Spektakel.

Viele Passanten blieben für einige Minuten stehen, um ihm zuzuhören, um dann weiter zu ihren Zügen zu eilen. Den meisten von ihnen fiel wohl nicht auf, dass sich das Programm des Musikers nach sehr kurzer Zeit zu wiederholen begann. Gelangweilt wollte er sich bereits auf den Weg machen, um sich eine andere kurzweilige Beschäftigung für die nächsten Stunden zu suchen, als ihm auffiel, dass der Schlagzeuger eine metallene Platte auf der Stirn montiert hatte, die sein Interesse weckte. Was mochte es damit auf sich haben? Als der Künstler eine kleine Pause einlegte, nutzte er die Chance, ihn darauf anzusprechen.
„Ach, die Platte meinen Sie?“, antwortete der Künstler lächelnd, „Die erinnert mich daran, wie dumm wir Menschen eigentlich sein können.“
Sein Gesicht musste seine Verwirrung gespiegelt haben, denn der Schlagzeuger fuhr fort:
„Sehen Sie, vor einigen Jahren habe ich in allem, was mir widerfahren ist, nur die Fehler gesehen und mich darüber geärgert. Das ging so lange, bis ich vor lauter Ärger eine Gehirnblutung hatte und nach einer Operation diese Platte eingesetzt bekam. Anfangs habe ich mich geärgert, dass dies ausgerechnet mir passieren musste. Doch dann, nach vielen Tagen im Krankenhaus, ist mir klar geworden, welches Wunder es eigentlich ist, dass dies so viele Jahre lang nicht passiert ist. Welches Wunder es ist, sympathische Menschen wie Sie zu treffen und die Möglichkeit zu haben, mit ihnen unbeschwert plaudern zu können. Welch Wunder es ist, dass ich selbst nach einer Gehirnblutung noch hier sitzen und Musik machen kann.“
„Nun, Sie machen schöne Musik. Nur finde ich es schade, dass Sie immer wieder das gleiche Stück spielen.“
„Das haben Sie sehr gut erkannt“, meinte der Künstler lächelnd, „ich gratuliere Ihnen. Tagein, tagaus spiele ich dieses selbe Stück. Mir wird es nicht langweilig, weil ich jedes Mal wieder darüber staune, dass ich am Leben bin und es noch einmal spielen darf. Sie sind übrigens der erste, der sich bequemt, mich darauf anzusprechen. Deshalb will ich für Sie auch gerne ein anderes Stück spielen.“

Zwei Stunden später saß er in seinem Anschlusszug, eine CD des Straßenkünstlers in der Hand und in Gedanken versunken. Wie wäre sein Abend wohl verlaufen, hätte er nicht seinen Zug verpasst? Dann hätte er wohl diesen weisen Menschen nicht kennengelernt, diese CD nicht gekauft und zu Weihnachten ohne ein Geschenk für seine Freundin dagestanden. Aus der Störung seines Planes war eine Bereicherung geworden. Wie oft in seinem Leben hatte er sich darüber geärgert, dass etwas nicht nach seinen Wünschen verlaufen war! Waren all jene verlorenen Momente nicht in Wahrheit Chancen gewesen, Überraschungen zu erleben, hätte er nur den Mut gefunden, sich auf die neue Situation einzulassen, anstatt sie zu verwünschen? War denn nicht ein jeder Moment, so wie er war, bereits ein perfekter Moment, auf den es sich nur einzulassen hieß?

„Imperfektum“, Fehlerhaftigkeit war der Titel der CD, mit einem Bild des Schlagzeugers und seiner Metallplatte darauf. Doch als er die CD öffnete, entdeckte er, dass auf der CD selbst zwar ebenso ein Bild des Schlagzeugers und seiner Metallplatte abgebildet war, doch lachte jener auf jenem Bild dermaßen, als befände er sich gerade in seinem ganz persönlichen Paradies. Darüber war zu lesen: „Im Perfektum“, und ein Untertitel dazu:
„Leben: eine Ansichtssache“.

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