„Nun, uns bleiben also noch gut zehn Wochen miteinander.“, stellte er abschließend fest, und blickte in die Runde. Ruhig war es im Raum geworden, beinahe ehrfürchtig, und allen schien klar zu sein, dass sie Zeugen eines besonderen Moments geworden waren. Sechzig Menschen, jüngere wie ältere, sprachlos. Schweigend. Es gab nur wenig zu sagen in diesem Augenblick, der klargestellt hatte, was das Gewusel des Alltags oft so erfolgreich vergessen machte: alles hat ein Ende.

„Aber wie lange wirst du denn weg sein?“, wurde er gefragt, „Etwa ein ganzes Jahr?“, und bangende Augen flehten ihn an, die Frage zu ignorieren, sich umzudrehen und zu gehen, es nicht auszusprechen, eine letzte Ungewissheit, eine letzte Hoffnung offen zu lassen. Doch er antwortete in einer Klarheit, die auch die letzten rettenden Zweifel zu vernichten vermochte: „Vermutlich für immer.“
„…für immer…“, schienen seine Worte sich wie ein Echo immer weiter im Raum auszubreiten, über ihre kleinen Köpfchen hinweg und doch auch mit jedem Flüstern in sie hinein, während sie versuchten, das Gesagte zu begreifen. Sie waren zu jung, um ein Ende fassen zu können, zu ängstlich, die Konsequenzen begreifen zu können.
„Bedeutet das, dass wir uns vielleicht nie wiedersehen werden?“, sprach einer von ihnen die ungeheure Vorstellung aus.
„Es bedeutet, dass wir noch zehn Wochen haben, um uns in Erinnerung zu bleiben.“

Den restlichen Tag hatte er damit verbracht, über seine eigenen letzten Worte nachzudenken. Und während sie seine Nähe suchten, ihn zu überzeugen suchten, seine Worte zurückzunehmen, nicht zu gehen, wurde ihm die Bedeutung und Tragweite seiner Entscheidung erst vollkommen bewusst. Er liebte diese Menschen, und sie liebten ihn. Doch warum fühlte er beim Gedanken, sie bald nicht mehr tagtäglich sehen zu können, keine Traurigkeit, sondern nur eine tiefe Rührung, die ihn auch die nächsten Tage nicht verlassen sollte?

Und dann dachte er an seine Mutter, die ihn einst ebenso in Liebe hinter sich gelassen hatte, die fortgegangen war an einen Ort, an den er ihr noch nicht folgen hatte können. Es musste ihr schwer gefallen sein zu gehen, damals, wohl wissend, dass sie Menschen zurückließ, die sie liebten und die sie brauchten. Und doch war sie gegangen, war der Notwendigkeit gefolgt, wie auch er nun einer inneren Notwendigkeit folgte, einen Weg zu beschreiten, auf dem diese Menschen ihm noch nicht folgen konnten.

Er fühlte in einem Anflug von Verblüffung, dass er seiner Mutter längst verziehen hatte, ihn damals mit ihrer Traurigkeit angesteckt und ihm die Trennung damit noch schwerer gemacht zu haben. So hatte er lernen können, dass die Trauer nichts daran ändern konnte, dass ein anderer Mensch aus dem Leben verschwand. Dass es leichter war, das Unvermeidliche hinzunehmen, wenn man daran ging, dankbar zu sein für die Zeit, die man mit einem anderen Menschen verbringen hatte dürfen. Und dass es die Unvermeidlichkeit eines Endes brauchte, um dies zu lernen.

Zehn Wochen waren es also noch, zehn Wochen, in denen sie alle die Chance haben würden, eine Spur zu hinterlassen, einen Eindruck, der noch lange nachwirken würden, nachdem ihre Wege sich getrennt haben würden. Und vielleicht würden sie sich irgendwann tatsächlich wieder treffen, an jenen Orten, die so manchem einst noch verwehrt gewesen waren. Dann würden sie feststellen, dass eine jede Begegnung immer Spuren hinterließ, dass ein jeder Mensch immer Spuren hinterließ in jener Welt, die uns das Geschenk der Endlichkeit offenbarte.

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