„Kannst du es sehen?“, fragte sie das Mädchen, „das grüne Pony? Wie es auf der Weide steht, den Kopf beugt, um Gras zu fressen, das ebenso grün ist wie es selbst, und mit jedem Büschel immer grüner wird, bis es kaum mehr zu erkennen ist?“
„Ich kann es sehen!“, rief das Mädchen entzückt aus, „ja, wahrhaftig, ich sehe es!“
„Lies weiter, Liebling!“, forderte die Ältere sie auf, und gespannt folgte sie dem Aufruf.
Als das grüne Pony sich an dem Gras sattgefressen hatte, galoppierte es zu dem nahegelegenen See, um zu trinken. Erst als es sich hinabbeugte, bemerkte es selbst, wie grün es von all dem Gras geworden war, und erschrak. All die anderen Ponys waren braun, schwarz oder weiß geblieben, nur es selbst hatte seine Farbe verändert. Es schämte sich, so anders zu sein, und lief fort.
Das Mädchen blickte von der Geschichte auf.
„Armes Pony, es muss sich sehr einsam fühlen!“
„Ja, und es glaubt, dass niemand es mögen kann. Aber lies weiter, Kind!“

Nachdem es eine Weile gelaufen war, kam es an einen Fluss, an dem ein sehr altes Pony zu schlafen schien. Bedächtig, es nicht zu wecken, wollte das kleine grüne Pony an ihm vorbeischleichen, doch das alte Pony wachte auf. Erschrocken wollte das grüne Pony erst davonlaufen, doch der Blick des alten war freundlich.
„Wen haben wir denn hier?“, wunderte sich das alte Pony, “welch interessante Färbung dein Fell hat!“
Das grünen Pony schämte sich erneut für sein Anderssein, doch das alte lächelte nur gutmütig und lud es auf einen Spazier-Galopp ein. Nachdem sie so eine Weile schweigend nebeneinander her galoppiert waren, meinte das alte Pony: „Ich bin ein sehr altes Pony, mein Kind.“
„Das kann ich sehen!“, lachte das kleine grüne Pony auf.
„Sehr alte Ponys haben schon viel gesehen. Aber noch nie habe ich ein grünes Pony gesehen.“
„Bin ich so schrecklich?“, war das kleine grüne Pony erneut zerknirscht.
„Im Gegenteil, Liebes! Was glaubst du, warum ich dort am Ufer vor mich hingedöst habe? In meinem Alter gibt es nicht mehr viel, was mich überraschen kann. Irgendwann hat man alles schon einmal gesehen. Aber ein grünes Pony“, er lachte wiehernd, „das habe ich noch nie gesehen! Da wollte ich dich kennenlernen.“
„Ihr findet mich also nicht hässlich, weil ich kein schönes braunes, schwarzes oder weißes Fell habe? Wie kann das sein? Alle anderen finden mich doch sicherlich hässlich!“
„Ich halte dich für einzigartig, Kind. Das kann dir ein Fluch sein, oder ein Segen. Für mich bist du das schönste kleine Pony, das ich je gesehen hab. Eben weil du grün bist, eben weil du besonders bist. Kannst du dir vorstellen, wie viele weiße, braune und schwarze Ponys ich in meinem Ponyleben schon gesehen habe? Hunderte! Aber ein grünes Pony ist etwas Besonderes.“
Da war das kleine grüne Pony gar nicht mehr so traurig, dass es vom Gras fressen selbst grün wurde, sondern stolz darauf, etwas ganz Besonderes zu sein.

„Das ist eine schöne Geschichte.“, schloss das kleine Mädchen, nachdem es zu Ende gelesen hatte, „aber was wollt Ihr mir damit sagen? Es ist eine Geschichte, nichts weiter. Was soll mir ein grünes Fantasie-Pony helfen, das nicht einmal existiert?“
„Aber es existiert! Du hast es ganz deutlich gesehen, in deiner Fantasie.“
„In meiner Fantasie! Aber es war nicht real!“
„Was ist deine Realität als die Fantasie, die du dir von ihr zurechtmachst? Das grüne Pony existiert für dich nur nicht in der Realität, weil deine Fantasie es nicht zulässt. Das Leben, dass du dir wünscht, erscheint für dich nur nicht realistisch, weil deine Fantasie es nicht zulässt.“
„Wollt ihr etwa behaupten, alles Denkbare wäre möglich?“
Die Ältere schrieb etwas unter die Geschichte des grünen Ponys.
„Lest diesen Satz!“
Alles Denkbare ist mögliche Realität.
„Nun hast du es gelesen, nun hast du es gedacht“, meinte die Ältere mit verschlagenem Grinsen, „Du kannst dich gegen die Erkenntnis wehren, aber sie wird sich ihren Weg in dein Denken bahnen. Und zunehmend wirst du erkennen, dass deine Wünsche und Träume so real sind wie unser grünes Pony, so berechtigt sind wie unser grünes Pony.“
Alles Denkbare ist mögliche Realität.
Einen Moment lang zögerte sie, hielt inne, weigerte sich, der Wahrheit ins Auge zu sehen. Dann jedoch brachen alle inneren Widerstände, alle Konditionierungen einer jahrtausendealten Unterdrückung, alle Dämme einer Fantasie, die die Grundpfeiler der Gesellschaft für die nächsten Jahrhunderte ins Wanken bringen würden.
Vielleicht ist es möglich, dass auch wir Frauen über unser Leben entscheiden können.
Die Gedanken überschlugen sich nun, rasten in ihrem verwirrten Geist umher, schufen neue Möglichkeiten, neue Ängste und wieder neue Möglichkeiten, ihnen zu begegnen.
Vielleicht bin ich etwas Besonderes, gerade weil ich eine Frau bin.
Doch wieder kamen sie auf, die alten Ängste, die alten Gefühle von Scham, mit denen sie von den Männern, aber auch vielen „ehrbaren“ Frauen konfrontiert worden war, weil sie anders war, anders dachte, weil sie es wagte, anders zu denken und zunehmend auch anders zu sein als ihre Geschlechtsgenossinnen.
Ich bin wie das grüne Pony, erkannte sie plötzlich, Ich kann tatsächlich alles sein, was ich mir vorstellen kann.

#58 Ein kleines grünes Pony als .pdf downloaden

One Reply to “#58 Ein kleines grünes Pony”

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.