#59 Blasenbildung

blasen
Die folgende Geschichte entstand als Assoziation mit dem obigen Bild, das ich unlängst mit einem Freund gezeichnet habe. Im Sinne der Abwechslung habe ich es einfach mal beigefügt…

Hier im Norden waren die Blasen also etwas größer. Das hätte ihn nicht weiter überraschen müssen, war er doch vor dem stereotypen Nordmann gewarnt worden, der sein Leben gerne innerhalb der gut kontrollierbaren Sphäre verbrachte, die er seinen geregelten und geordneten Alltag zu nennen pflegte. Ja, er war gewarnt worden, dass es schwierig werden würde, hier zu Menschen durchzudringen. Einen selbstsicheren Eindruck machten sie alle hier, mit ihren Sonnenbrillen und durchgestylten Outfits. Nichts konnte sie erschüttern, alles wurde durch ihre Hochsicherheits-Blasen von ihnen ferngehalten, die sie sich morgens anlegten wie andere ihre Kleidung. Und so wirkten sie eigentlich sehr glücklich, diese Menschen.

Die Ausländer haben sich an unsere Kultur anzupassen, hatte er vernommen, und sich bemüht, den Anforderungen zu entsprechen. Ein Wirtschaftswunderland wie Deutschland musste eine Kultur hervorgebracht haben, die es sich zu imitieren lohnte. Also hatte er gelernt, die Menschen um ihn nicht mehr zu grüßen, wie er es aus seiner Heimat gewohnt war, sie nicht mehr anzusehen, um sie nicht in ihrem Alltag zu stören. Sie alle hatten wohl zu tun, gingen wichtigen Geschäften nach, wo sie doch so rasch an ihm vorbeiströmten, ohne die vielen kleinen Wunder im Augenwinkel noch wahrzunehmen, die er als Kind immer so geliebt hatte. Fokus, das hatte ihm immer gefehlt. Nicht links, nicht rechts zu sehen, sich nicht aufhalten zu lassen, sondern geradewegs auf das Ziel zu, mit aller Energie. Deutschland, das war das Land der Erwachsenen, von denen man noch etwas lernen konnte. Wie gut es war, hierhergekommen zu sein! Auch er würde in Kürze einer von ihnen sein, mit seiner eigenen großen Blase, die es ihm ermöglichte, den Kopf freizuhaben für die wichtigen Dinge im Leben.

Nach einigen Monaten hatte er gelernt, genauso selbstsicher umherzulaufen wie die Menschen um ihn. Von seinem Gehalt hatte er sich eine Sonnenbrille gekauft, und zog nun unbeirrt an den neidischen Blicken der wenigen kindischen Menschen in diesem Land vorbei, die von solch einer Unabhängigkeit und Zielstrebigkeit nur träumen konnten. Natürlich waren sie selber schuld, denn bei solch vielen Vorbildern in diesem Land war es sehr einfach, erwachsen zu werden. Wer leiden wollte, sollte leiden, aber keine anderen damit nerven oder ihren Tag durcheinanderbringen. Schließlich hatte ja ein jeder zu tun.

Eines Abends jedoch, als er von der Arbeit heimkehrte und seiner Freundin erklärt hatte, er hätte noch zu viel zu tun, um bereits schlafen zu gehen – und bewundernde Blicke für solch Zielstrebigkeit erhalten hatte – stellte er verblüfft fest, dass die Nächte, die er fokussiert durchgearbeitet hatte, nicht dazu beigetragen hatten, den Berg der an ihn herangetragenen Arbeit zu verkleinern. Wozu eigentlich der Stress?, dachte er in einem Anflug von Überraschung, wozu all die Welt um mich ausblenden, um effektiver arbeiten zu können, wenn ich mir damit nur noch mehr Arbeit, noch mehr Druck schaffe? Er schritt auf die Terrasse des Hauses hinaus, das sie sich erarbeitet hatten. Ich war noch nie hier draußen, überkam ihn die Erkenntnis. Er hatte noch nie die Zeit dazu gefunden. Nein. Er hatte sich noch nie die Zeit dazu genommen. Was nützte es, zu besitzen, was seinem Fokus entging?

„Komm!“, schüttelte er seine Freundin, die ihn mit verschlafenen Augen ansah.
„Bist du schon fertig mit deiner Arbeit?“
„Nein.“
„Warum weckst du mich dann? Ich muss schlafen, muss morgen fit sein. Morgen muss ich wieder zur Arbeit.“
„Weil es Zeit ist, aufzuwachen aus diesem Schlamassel. Komm!“
Er zog sie aus dem Bett und führte sie auf die Terrasse.
„Siehst du die Sterne da oben? Was fühlst du, wenn du sie betrachtest?“
„Ich fühl mich müde und will ins Bett.“
„Lass dein Bett mal eine halbe Stunde dein Bett sein, und opfere deinen Schönheitsschlaf der Schönheit dieser Welt.“
„Was redest du da für Stuss?“
Und da erkannte er erst, dass auch sie sich in einer riesigen Seifenblase befand, die glitzerte, spiegelte, aber weitgehend undurchlässig war. Erkannte, dass er in all den Jahren nie durch diese Masse gedrungen war, und dass das, was er für seine Freundin gehalten hatte, nur ein verschwommenes Bild von ihr darstellen musste.
„Ich geh wieder schlafen. Mach doch, was du willst.“, zuckte sie die Achseln.
Und ihm wurde bewusst, dass er allein war in dieser Welt der Blasen, der Schemen und Schatten, dass er verlernt hatte, andere zu berühren, weil er verlernt hatte, sich selbst von der Welt berühren zu lassen, verlernt hatte, selbst mehr zu sein als undeutlicher Schemen, ein Schatten seiner selbst.
„Verdammt, wir müssen doch aufwachen können aus diesem Albtraum!“, schrie er, wütend über sich selbst und seine Unfähigkeit, auszubrechen aus diesem einsamen Spiel, das jeder für sich zu spielen schien.

Doch die Welt um ihn schlummerte selbstzufrieden weiter.

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