In einem Land, fern von hier, gab es einst zwei Dörfer. Während die Bewohner des ersten Dorfes sich bemühten, ihre Felder zu bestellen und Maschinen zu bauen, die ihnen die Arbeit erleichterten, schienen die Bewohner des zweiten Dorfes ihre Arbeit nicht allzu ernst zu nehmen. Unkraut schoss zwischen den Nutzpflanzen hervor, und wilde Tiere tummelten sich am Dorfplatz. Der Fortschritt des ersten Dorfes ging an ihnen vorbei.

Später, als das erste Dorf längst zu einer großen Stadt geworden war, wurden große Maschinen gebaut, um die Menschen, die von allen Seiten in die Stadt zogen, ernähren zu können. Im zweiten Dorf jedoch ging das unaufgeregte Leben weiterhin seinen Gang. Die Bewohner wachten bei Sonnenaufgang auf und bearbeiteten ihre Felder, manchmal fingen sie auch Fische im nahegelegenen Fluss, wenn sie es für notwendig befanden. Für gewöhnlich verbrachten sie jedoch den Großteil ihrer Zeit mit dem Erzählen von Geschichten, mit Musik oder mit Tanz. Es glich einem Wunder, dass sie in all den Jahren noch keine Missernten und keinen nennenswerten Schädlingsbefall erlebt hatten.

Die Stadt war weiter angewachsen. Es gab zu viele Bewohner, als dass alle noch in der Landwirtschaft arbeiten konnten, doch wurden ohnehin immer mehr Menschen zur Entwicklung oder Bedienung der Maschinen benötigt. Sie lachten über die Bewohner des kleinen Dorfes, die immer noch nicht zwischen nützlichen und schädlichen Lebewesen und Arbeiten zu unterscheiden gelernt hatten.

Je mehr der Fortschritt in der Stadt Einzug hielt, desto mehr häuften ihre Bewohner auch an Besitztümern an. Da die Stadt zu groß geworden war, um noch alle Bewohner persönlich zu kennen, begannen sich die reicheren unter ihnen zu fragen, ob sie den ihnen unbekannten Menschen in der Stadt wirklich vertrauen konnten. So begannen sie, Gesetze zu erlassen und Polizisten zu bezahlen, um sie vor Verbrechern zu beschützen. Schon bald wurden einige Diebe erwischt und aus der Stadt gejagt.

Eines Tages kam ein Bote aus dem kleinen Dorf in die große Stadt, um ihnen den Segen ihres Gottes zu überbringen. Der Bote wusste nicht, dass die Anbetung des alten Gottes mittlerweile verboten war. Er wurde aus der Stadt verjagt, ebenso wie viele der anderen Verbrecher. Deren Verbrechen hatte darin bestanden, wenig zu besitzen und um Etwas zu bitten, kurz: arm zu sein. Die Bewohner der Stadt wollten jedoch keine armen Menschen sehen müssen. In einer fortschrittlichen Stadt sei so etwas nicht erwünscht.

Der Bote aus dem kleinen Dorf lud all die, die aus der Stadt verjagt worden waren, in sein Dorf ein. Dort bekamen sie zu essen, Unterkunft, und wurden in die Gemeinschaft aufgenommen. Sie wunderten sich, dass die Bewohner des Dorfes kaum ihre Felder bearbeiteten und trotzdem genug für alle hatten. „Wir lieben die Vielfalt“, wurde ihnen erklärt, „denn in der Vielfalt erfüllt jeder seine Aufgabe, die er gut kann. Reißen wir euer ‚Unkraut‘ aus, müssen wir Menschen dem Boden selbst Nahrung zurückgeben. Verjagen wir eure ‚Verbrecher‘, brauchen wir Politiker, die sich überlegen, wie unser Dorf sich entwickeln soll. Wir kennen keine ‚Schädlinge‘, und auch ihr sollt keine für uns sein.“

„Wie unzivilisiert“, schimpften die Städter, „wie schlicht ist doch euer Leben!“. Doch die Dorfbewohner ließen sich davon nicht beirren. Auch die einstigen Verbrecher arbeiteten nun auf den Feldern mit oder fingen Fische, wenn es notwendig war. Und als die unvermeidlichen Kriege in der Stadt ausbrachen, beteten sie für ihre verlorenen Brüder, die sie einst verstoßen hatten. Mochten auch sie einst inneren Frieden finden.

Diese Geschichte als .pdf downloaden

Kommentar verfassen