Vor einigen Jahren wurde eine junge Gurke von ihrem Vater in die Gärtnerei gebracht, in der junges Gemüse auf das Leben im Gemüsebeet vorbereitet wurde. Sie wären bereits in einigen Gärtnereien gewesen, meinte der Vater, aber keine hätte es fertig gebracht, den Armen zum Wachsen zu bewegen. Das doch etwas kümmerliche Dahinvegetieren machte nun auch ihm großen Kummer, weswegen er nach langem Überlegen nun bereit sei, es mit dieser besonderen Gärtnerei zu versuchen. Man habe ihm erzählt, das junge Gemüse würde hier sehr gut behandelt werden und auch gut gedeihen. Ihm wurde erklärt, dass es keine Wachstums-Garantie geben und die Gärtnerei auch keinerlei Anstrengungen machen würde, ihre Schützlinge zu etwas zu zwingen. Einzig eine fruchtbare Erde, Wasser, Sonne, Akzeptanz und Liebe würden hier vollbringen, was alle bisherigen Anstrengungen nicht vollbracht hatten.

Und tatsächlich – es regte sich etwas in dem jungen Gemüse! Nach und nach begann es auszutreiben, erst zaghaft, dann mit sichtbar größerem Selbstvertrauen. Die grünen Triebe strotzten zunehmend vor Kraft, verzweigten sich, wurden stabiler. Die Vater-Gurke sah dem Sohn wohlwollend zu. Doch mit der Zeit begann sie sich dann doch Sorgen zu machen. Wo waren die Blüten, wo die ersten Früchte des Jungen abgeblieben? So frisch, so grün war der Junge, es konnte doch nicht mehr lange dauern! Ungeduldig fragte er die Gärtnerei, was sie denn an Dünger zu geben gedachten, doch die winkten ab. Kein Dünger, nur fruchtbare Erde, Wasser, Sonne, Akzeptanz und Liebe würde die junge Pflanze benötigen, und würde sie in dieser Gärtnerei auch bekommen – in vertrauensvoller Atmosphäre, und so lange, wie es eben notwendig war.

Die Wochen vergingen, und die Vater-Gurke wurde zunehmend nervöser. All die anderen Gurken hatten längst begonnen, erste Anzeichen der Blüten zu zeigen, an manchen reiften schon die ersten Blüten heran. Irgendwann hielt er es nicht mehr länger aus und gab seinem Sohn nachts heimlich Gurken-Dünger, um sein Wachstum zu unterstützen. Doch die Erfolge waren minimal, solange diese sture Gärtnerei sich an ihr dämliches Bio-Konzept klammerte und nicht einsehen wollte, dass es für diese Gurke, ja vielleicht sogar für viele Gurken, einfach zu wenig war. Vergeblich. Mit diesen Sturköpfen war einfach nicht zu reden.

Bald jedoch hatte er herausgefunden, dass er nicht der einzige unzufriedene Kunde der Gärtnerei war, und eine ansehliche Masse an Mitstreitern gefunden. Gemeinsam versuchten sie nun, die Mitarbeiter der Gärtnerei zum Einlenken zu bewegen. Doch einige hoffnungsvolle Träumer von Kunden hielten dagegen und verhinderten ein Machtwort zum Wohle aller. Daraufhin ersannen er und seine Mitstreiter eine neue Möglichkeit gewaltfreien Widerstands, die Gärtnerei zum Einlenken zu bewegen: sie würden einfach nicht mehr bezahlen, bis ihr guter Rat befolgt worden war. Dass der Gärtnerei damit auch die Grundlage entzogen wurde, in ihrem Sinne handeln zu können, kümmerte sie längst nicht mehr.

Und als die Gärtnerei irgendwann die Reißleine zog und ihnen mitteilte, dass sie die Zustände nicht mehr mittragen würde, weil immer mehr der eigentlich unbeteiligten Pflanzen unschuldigerweise unter dem Konflikt mitzuleiden begannen, sahen sie sich erst recht ungerecht behandelt. Es sei eine Frechheit, dass das junge Gemüse nicht fachgerecht mit dem Dünger behandelt werde, das es zum guten Wachstum benötige, argumentierten sie. Die Gärtnerei sei eine Bio-Gärtnerei und habe stets klargemacht, dass sie dies nicht tun würde, antworteten die Mitarbeiter. Im Übrigen stehe dies auch in den Verträgen, die mit der Gärtnerei abgeschlossen wurden. Wir scheißen auf eure Verträge, meinten die Unzufriedenen. Das ist auch der Grund für die Vertragsauflösung, die Mitarbeiter der Gärtnerei.
„Wann geht es hier eigentlich mal um mich?“, fragte der Sohn der Gurke die Konfliktparteien.
„Sei still, Sohn!“, antwortete der Vater, „Ein Vater weiß doch, was eine junge Gurke für sein Wachstum braucht.“
„Dein Gurken-Dünger hilft keinem Löwenzahn, Vater. Ich habe doch ganz andere Blätter als du! Bist du wirklich so blind?“
„Eine scheußliche Gurke bist du geworden, Sohn. Aber warte nur, das werden die bereuen!“
„Aber ich bin doch ein Löwenzahn, Vater!“
„Gar nichts bist du noch, Sohn. Aber mit dem richtigen Dünger wird das noch…“
Grub den Sohn aus und ließ die fassungslosen Mitarbeiter der Gärtnerei ratlos zurück.
„Schade um den schönen Löwenzahn“, meinte der eine, „so einen schönen hatten wir noch nie.“

#62 Gurken als .pdf downloaden

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.