Die Distanzen waren länger geworden, und mit ihnen die inneren Qualen. Die Möglichkeiten zu Reisen hatten sich erweitert, und mit ihnen war die Stimme schwächer geworden, die in früheren Zeiten noch für so etwas wie den äußeren Schein von Normalität aufrechterhalten half. Es war die verinnerlichte Stimme der mahnenden Erwachsenen, der Zeigefinger der Gesellschaft, der sich mahnend auf die klaffende Wunde legte, die immerfort und ohne Ende zu bluten vermochte, zu verletzen vermochte, ohne zu töten. Sei achtsam mit deiner Liebe, schien der Finger zu sagen, denn deine Fähigkeit zu lieben ist begrenzt. Aber ihr Herzen waren so unendlich weit gewesen…

Zerrissene aller Generationen hatten die Warnungen gehört, die Geschichten der Gescheiterten vor ihnen. Und doch fühlten sie tief in ihrem Herzen eine schreckliche Leere, eine Unersättlichkeit, die sie antrieb, die sie zu Getriebenen machte. Es waren die Frauen, die sich den fremden Männern in dunklen Gassen hingaben, wissend, dass die gemeinsamen Tage gezählt waren, und doch voller Verachtung aller Endlichkeit liebend. Es waren die Männer, die ihre Heimat verließen, um in die Fremde zu gehen, die ihre Lieben zurückließen, in der Hoffnung, in der Fremde die letzten Mosaiksteine zu finden, um ihr Herz aufzufüllen. Manch einen hielt nichts in seiner Heimat, und er zog aus, um erst Liebe zu finden.

Die meisten von ihnen aber waren Menschen, Frauen wie Männer, die einer Liebe fähig waren, die keiner Logik von Sicherheit und Versorgung mehr zu folgen schien. Einer Liebe zum Alten wie einer Liebe zum Neuen, einer Liebe, die kein einzelner Mensch jemals auf Dauer zu befriedigen vermochte. Und so würden sie wandern, in der verzweifelten Suche, das klaffende Loch in ihrem Herzen zu füllen, auf dass es eines Tages ruhig werde.

Aber das Herz war ein abenteuerlustiger Gefährte, und es schien sich um all die Narben, die es davontrug, und noch viel mehr jene, die es anderen Herzen schlug, kaum zu kümmern. Und so kämpften sich die Zerrissenen durch den Dschungel der gesellschaftlichen Normen und Sicherheiten, Regeln brechend und die Schläge ertragend. Manche von ihnen verstrickten sich in Abhängigkeiten und gaben den Kampf auf, nach Atem ringend. Andere sind bis heute auf dem Weg, suchen, kämpfen für eine Liebe, eine Sehnsucht, die sie in ihrem Herzen erahnen und doch nicht finden können. Scheitern. Hören, dass es unmöglich sei. Und kämpfen dennoch weiter.

Doch die Distanzen haben sich vervielfacht, in jener Welt der Eisenbahnen und Autos und Flugzeuge. Und die Zerrissenen, diese Sucher nach der Wahrheit, die sie Liebe nennen, stehen ratlos vor den Konsequenzen ihrer Suche – denn sie finden. Wohin auch immer sie sich wenden, wo auch immer sie leben, sie finden Liebe. Doch während ihre Herzen noch freudvoll schneller schlagen, drängen die Konsequenzen in ihr Bewusstsein. Meine Liebe verteilt sich über Kontinente. Liebe zu finden, kann plötzlich bedeuten, bereits gefundene Liebe wieder zu verlieren. Es ist nicht die Liebe, die sie zu Entscheidungen zwingt, sondern die Distanz, der Raum zwischen den Welten, in denen sie sich bewegen.

Sie nennen sich die Zerrissenen, weil ihr Herz für viele andere Herzen schlagen kann. Nun jedoch leben sie ihr Leben auch noch in vielen Welten, deren Türen anderen, sesshafteren verschlossen sind.
„Du freust dich gar nicht, mich wiederzusehen!“, beschwerte sich seine Geliebte.
„Doch, aber in einer anderen Welt.“, antwortete er, selbst überrascht über seine Antwort.
Eine andere Welt, in der er erst in einigen Wochen wieder leben würde, weil sie viel zu weit entfernt war, um in beiden gleichzeitig leben zu können. Doch das war ok. Generationen von Zerrissenen vor ihm hatten zwischen den Welten gelebt, und sein Herz war stark. Aber es machte ihn traurig, dass sie ihn nicht verstehen würde, nicht verstehen können würde, weil sie ihre eigene Welt nie verlassen hatte. Es hatte keinen Sinn, etwas zu erklären, wozu dem anderen die Erfahrung fehlte. Selbst sein „Ich hab dich lieb“, ernstgemeint, wie es war, klang für sie wohl seltsam distanziert. Wie aus einer anderen Welt.

Eine Träne rann über sein Gesicht, als er den Anruf beendete, rann weiter sein Herz herab, um zischend eine weitere Narbe zu hinterlassen. Und er wusste, dass auch ohne dass sie seine Liebe gerade erwidern konnte, sie sich doch längst einen ewigen Platz in seinem Herzen errungen hatte.

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