Als Ausgleich für die lange Wartezeit gibts dieses Mal eine besonders lange, dreiseitige Geschichte. Ich hoffe, das ist in eurem Sinne 🙂

Sie war schön. Ihr schlafender Körper, nicht ganz von dem weißen Laken verdeckt, wirkte friedlich. Einen Moment lang blieb er im Türrahmen stehen und beobachtete sie zärtlich. Vor lauter Erschöpfung hatte sie das Licht brennen lassen. Aus dem Off des Fernsehers rauschten belanglose Worte zu ihm, irgendetwas mit „Kaufen Sie jetzt!“, das übliche Schnattern aufgeregter Fernseh-Verkäufer. Hatte wohl auch vergessen, den Fernseher auszuschalten. Ob sie den Verkäufer wohl auch in ihren Träumen noch wahrnahm? Dann bewegte sie sich, und er konnte die Konturen ihres Körpers unter dem Laken erahnen. Sie war wirklich schön.

Als er die Tür langsam schloss, um das Geplapper des Verkäufers nicht mehr hören zu müssen, wurde ihm erst bewusst, dass er gerade eine für ihn ungewohnte Entscheidung getroffen hatte. Etwas hatte sich verändert. Lange noch stand er dort, sinnierend, woran es lag, dass er sich irgendwie seltsam fühlte, freier, menschlicher. Bis er feststellte, dass er sie begehrt hatte. In dem kurzen Moment, als sie sich unter ihren Laken bewegt hatte, hatte er den Impuls gespürt, zu ihr zu gehen. Durch ihr Haar zu streicheln. Sich an sie zu kuscheln. Ihren Körper an dem seinen zu spüren, sie zu liebkosen, sie sanft aus ihrem Schlaf zu wecken und ihr auf eine Weise zu begegnen, die ihnen bisher verschlossen gewesen war.

Auch die noch Schlafende hätte es genossen. Er wusste, dass er seit langem zärtliche Gefühle für sie hegte, und sie für ihn. Wusste, dass sie ihn seit langem erwartete, in ihren Träumen von ihm träumte, während er, nur einige Meter entfernt und doch so fern, seinen verwirrten Gedanken nachjagte. Eine Entscheidung zu treffen versuchte, die seinem Geist zu viel abverlangte, ihn zu sehr verwirrte, zu viele Grundsätze in Frage stellte, als dass er hätte Ja sagen können. Und so waren sie sich nahe gekommen, aber nie zu nahe, so hatten sie sich geliebt und gehasst, nie so recht wissend, warum eigentlich. Nun wusste er es. Etwas hatte sich verändert. Er begehrte sie. Hatte sie immer begehrt. Doch nun konnte er es ihr offen zeigen. Sagen. Nun konnte er handeln.

Früh schon, als Kind, hatte er die Lust in sich entdeckt. Ebenso früh hatte er gelernt, sie tief in sich zu vergraben zu müssen. Es war wider die Natur, so zu lieben, hatten sie ihm erklärt. Aber sie war da, war nicht zu leugnen. Er hatte nur einen Platz für sie gefunden, der vor der Welt sicher gewesen war. Tief in seinem Inneren hatte er sie verwahrt, und jede kleinste Regung angstvoll überwacht. Da war sie nun wieder, diese furchterregende Macht, die ihn schon als kleiner Junge fasziniert hatte, dieser Hauch des Göttlichen, diese schaffende wie vernichtende Kraft. Sie hatten Angst vor ihr gehabt. Das wurde ihm nun, so viele Jahre später, schlagartig bewusst. Hatten Angst davor, was sie zu schaffen vermocht hätten, was sie in ihrem blinden Schaffen zu zerstören vermocht hätten. Auch seine Eltern hatten diese Macht wohl einst in sich verspürt, und auch sie hatten sich gehütet, ihr in sich Raum zu geben.

Die Hand immer noch auf der Türklinke, den schlafenden Körper auf dem Bett zärtlich vor seinem geistigen Auge betrachtend, spürte er in sich nun diese alles erschaffende Macht aufwallen. Und er stellte fest, dass die Angst fort war. Sie schlief friedlich, und er ließ sich durchströmen von dieser unbändigen Kraft, die die meisten seiner Mitmenschen wohl nur in dunklen Ahnungen wahrnehmen würden. Sein Körper fühlte sich seltsam durchlässig an, als wäre er nur ein Gefäß, um etwas in sich zu halten, das den eigentlichen Wert darstellte. Und nun, während er merkte, dass sein Körper sich mehr und mehr entspannte und sich mehr und mehr seiner inneren Blockaden als unnötige Illusionen eines „Guten“ entblößten, fühlte er etwas in ihm, das er in Ermangelung besserer Worte als „Seele“ erkannte, obwohl Worte ebenso doch nur leere Gefäße für etwas sein konnten, das tatsächlich so viel reicher war.

Er fühlte, wie sein Innerstes in Richtung des schlafenden Körpers zu fließen begann, der in seinem friedlichen Träumen all den einengenden Illusionen des Tages entflohen war, fühlte, dass es schön sein musste, so ineinander zu fließen, zu schaffen, zu sein. Aber etwas in ihm war diesem so ursprünglichen, kindlichen Bedürfnis nach Einheit bereits entwachsen. Etwas in ihm hatte gelernt, dass Macht immer auch Verantwortung bedeutete. Und sie war noch nicht bereit. Zärtlich verließen seine Gedanken ihr Zimmer und er kehrte erfrischt zurück zu seinem Herzen.

Dort erwartete sie ihn bereits, sie, die seine Liebe mit der Offenheit eines Herzens, dem die Narben des Lebens eine seltene Tiefe geschenkt hatten, empfing. Tief in ihr Herz blickend, hatte er seine eigene Tiefe wiederentdeckt, und jenen längst vergessenen Raum des Schaffens. Und, den Raum öffnend, dass die vermeintlich unbezähmbare Bestie in seinem Herzen ihm ein Freund sein können würde. Vielleicht würde sie ihn einst noch zu anderen Herzen führen als dem ihren. Die Liebe, die ihm offenbarte, dass er mehr war als das Gefäß seines Körpers, war eine wilde, unbändige Kraft, die in ihrem Schaffensdrang gerne die Schönheit der bisherigen Schöpfung außer Acht ließ. Aber je tiefer ihre Freundschaft werden würde, desto besser würden sie sich verstehen. Und immer besser würde es ihm gelingen, diese Macht in ihm so einzusetzen, dass sie mehr Nutzen als Schaden anrichtete. Dafür waren Freunde schließlich da.

Er hatte in ihr Herz geblickt, und auch in ihrem Herzen eine wunderbare kleine Freundin erblickt, die ein wenig verschüchtert, und im Lichte des plötzlichen Tageslichts blinzelnd, in die Welt hinausstarrte. Die Lust war auch in ihr, und auch sie würde sich nach und nach ihren rechtmäßigen Platz in ihrem Herzen zurückerkämpfen. Zärtlich hatte ihre Lust dem Freund in ihm die Hand gereicht, noch ein wenig unsicher und verwirrt von dem langen Schlaf, aus dem sie erwacht war. Gemeinsam wanderten sie nun, und sie zeigte ihm das Herz, in dem sie wohnte, und er ihr das seine. Gemeinsam träumten sie davon, wie es wohl wäre, nicht mehr alleine zu sein und einen Freund zu haben, mit dem sie ihre Welt teilen konnten. Bis sie voller Freude feststellten, dass sie bereits wach waren, lebten, liebten.

Lächelnd erwachte er aus seiner inneren Welt, an sie und ihre innere Freundin denkend, sich glücklich fühlend, ihre starke Verbindung fühlend. Leise tönte sein Handy. Eine SMS von ihr. „Mein Herz ist gerade bei dir, fühlt dein Herz schlagen“, hatte sie geschrieben. Wir sind eben doch alle verbunden, dachte er schmunzelnd, nur vergessen wir es viel zu oft. Wie gut, dass es tief in uns allen einen Freund gab, der uns daran erinnerte. Den die Über-Mächte dieser Welt zum Schweigen bringen, in die Tiefe verbannen, einen Bestie nennen, aber niemals ganz zu vernichten vermochten.

Er dachte noch einmal an den schlafenden Körper im Nebenzimmer zurück. Da war Liebe für diese Seele in ihm, aber ihr Herz blieb ihm verschlossen, pflichtbewusst einen Bewohner bewachend, vor dessen Macht sie sich fürchtete. Sie war schön. Aber sie war noch nicht bereit. Er würde da sein für diese zarte Seele, die noch der Illusion erlegen war, sie müsste andere Seelen zurechtweisen, um die vermeintliche Bedrohung in ihr zu bekämpfen. Vielleicht würde auch sie irgendwann bereit sein, Liebe in Freiheit zu schenken und zu empfangen, erkennen, dass Freiheit Verantwortung nicht nur bedingte, sondern auch voraussetzte. Dass Liebe in Freiheit zu schenken nicht eine abgeschmackte, verantwortungslose Version einer „vernünftigen“ Beziehung war, sondern vielleicht die höchste aller Künste, die es zu erlernen galt.

Tief einatmend, beglückt ausatmend, fühlte er ihren köstlichen Duft, freute sich, sie in einigen Tagen wiederzusehen. Doch für Liebe, in Freiheit gegeben, war Distanz, auch zeitliche, nur eine weitere Illusion unter vielen. Und schon spürte er ihre Nähe, ihr Herz im Rhythmus des seinen klopfend, und er wusste, dass sie ebenfalls gerade an ihn dachte, ihn in ihrem Herzen fühlte. Waren sie bereit? Er wusste es nicht. Ein Künstler konnte sich in den verschiedenen Techniken üben, aber die Erschaffung des Kunstwerks war am Ende immer ein Akt des Mutes, der hoffnungsvollen Überforderung. Sich selbst vergessen, sich selbst aufgeben, sich selbst als vergängliches Gefäß wahrnehmen und zu reinen Fließen zu werden. Niemand fühlte sich wohl jemals vollends bereit. Aber es fühlte sich richtig an, an sie zu denken, ihr bedingungslos seine Liebe zu schenken und die ihre ebenso frei zu empfangen, auch wenn er es sich nicht erklären konnte, warum, und auch wenn viele seiner Freunde ihm rieten, doch kein unnötiges Risiko einzugehen.

Menschen müssen doch erst lernen, sich Liebe zu verdienen, meinten sie. Doch es fühlte sich richtig an. Sein Einwand wirkte kläglich im Angesicht der Statistiken der Kritiker, die rieten, zu misstrauen, sich Respekt zu verschaffen, bevor man überhaupt an so etwas wie Liebe denken sollte. Aber es fühlte sich eben richtig für ihn an, und als er seinen inneren Freund dazu befragte, klopfte ihm der aufmunternd auf die Schulter und zwinkerte ihm zu. Er würde tun, was sich richtig anfühlte. Auf seine Verantwortung. Die Welt war unfrei genug. Es war unverantwortlich, auch noch die Freiheit der Liebe zu unterbinden. Sie würde es verstehen. Würde mit ihm fühlen, mit ihm Schritt für Schritt schaffen, leiden und manchmal, mit ein wenig Glück und Demut, auch feiern können. Weil es richtig war. Weil es wichtig war. Weil er die Liebe zwischen ihnen fließen gespürt hatte und verstanden hatte, dass diese Macht, dieses Fließen stärker sein konnte als alle Illusionen des Unmöglichen.

„Wollen wir?“, fragte er sie hoffnungsvoll in Gedanken, und die Antwort erklang nur einen Moment später in seinem Herzen, trug die Erinnerung an ihren herrlichen Duft mit sich, war alles was er sich erhofft hatte, alles, was er für den Augenblick von ihr brauchte, um weiter glauben, weiter hoffen zu können:
„Ja.“

P.S.: Eine wunderbare junge Frau hat sich vor einigen Tagen von dieser Geschichte inspirieren lassen und selbst eine sehr empfehlenswerte Antwort-Geschichte aus weiblicher Sicht veröffentlicht, die ich euch nicht vorenthalten will. Ihr findet sie hier.

One Reply to “#67 Freie Liebe”

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