#67 Freie Liebe

(Letztes Update von Niklas BaumgÀrtler am 9.2.2018)

Als Ausgleich fĂŒr die lange Wartezeit gibts dieses Mal eine besonders lange, dreiseitige Geschichte. Ich hoffe, das ist in eurem Sinne 🙂

Sie war schön. Ihr schlafender Körper, nicht ganz von dem weißen Laken verdeckt, wirkte friedlich. Einen Moment lang blieb er im TĂŒrrahmen stehen und beobachtete sie zĂ€rtlich. Vor lauter Erschöpfung hatte sie das Licht brennen lassen. Aus dem Off des Fernsehers rauschten belanglose Worte zu ihm, irgendetwas mit „Kaufen Sie jetzt!“, das ĂŒbliche Schnattern aufgeregter Fernseh-VerkĂ€ufer. Hatte wohl auch vergessen, den Fernseher auszuschalten. Ob sie den VerkĂ€ufer wohl auch in ihren TrĂ€umen noch wahrnahm? Dann bewegte sie sich, und er konnte die Konturen ihres Körpers unter dem Laken erahnen. Sie war wirklich schön.

Als er die TĂŒr langsam schloss, um das Geplapper des VerkĂ€ufers nicht mehr hören zu mĂŒssen, wurde ihm erst bewusst, dass er gerade eine fĂŒr ihn ungewohnte Entscheidung getroffen hatte. Etwas hatte sich verĂ€ndert. Lange noch stand er dort, sinnierend, woran es lag, dass er sich irgendwie seltsam fĂŒhlte, freier, menschlicher. Bis er feststellte, dass er sie begehrt hatte. In dem kurzen Moment, als sie sich unter ihren Laken bewegt hatte, hatte er den Impuls gespĂŒrt, zu ihr zu gehen. Durch ihr Haar zu streicheln. Sich an sie zu kuscheln. Ihren Körper an dem seinen zu spĂŒren, sie zu liebkosen, sie sanft aus ihrem Schlaf zu wecken und ihr auf eine Weise zu begegnen, die ihnen bisher verschlossen gewesen war.

Auch die noch Schlafende hĂ€tte es genossen. Er wusste, dass er seit langem zĂ€rtliche GefĂŒhle fĂŒr sie hegte, und sie fĂŒr ihn. Wusste, dass sie ihn seit langem erwartete, in ihren TrĂ€umen von ihm trĂ€umte, wĂ€hrend er, nur einige Meter entfernt und doch so fern, seinen verwirrten Gedanken nachjagte. Eine Entscheidung zu treffen versuchte, die seinem Geist zu viel abverlangte, ihn zu sehr verwirrte, zu viele GrundsĂ€tze in Frage stellte, als dass er hĂ€tte Ja sagen können. Und so waren sie sich nahe gekommen, aber nie zu nahe, so hatten sie sich geliebt und gehasst, nie so recht wissend, warum eigentlich. Nun wusste er es. Etwas hatte sich verĂ€ndert. Er begehrte sie. Hatte sie immer begehrt. Doch nun konnte er es ihr offen zeigen. Sagen. Nun konnte er handeln.

FrĂŒh schon, als Kind, hatte er die Lust in sich entdeckt. Ebenso frĂŒh hatte er gelernt, sie tief in sich zu vergraben zu mĂŒssen. Es war wider die Natur, so zu lieben, hatten sie ihm erklĂ€rt. Aber sie war da, war nicht zu leugnen. Er hatte nur einen Platz fĂŒr sie gefunden, der vor der Welt sicher gewesen war. Tief in seinem Inneren hatte er sie verwahrt, und jede kleinste Regung angstvoll ĂŒberwacht. Da war sie nun wieder, diese furchterregende Macht, die ihn schon als kleiner Junge fasziniert hatte, dieser Hauch des Göttlichen, diese schaffende wie vernichtende Kraft. Sie hatten Angst vor ihr gehabt. Das wurde ihm nun, so viele Jahre spĂ€ter, schlagartig bewusst. Hatten Angst davor, was sie zu schaffen vermocht hĂ€tten, was sie in ihrem blinden Schaffen zu zerstören vermocht hĂ€tten. Auch seine Eltern hatten diese Macht wohl einst in sich verspĂŒrt, und auch sie hatten sich gehĂŒtet, ihr in sich Raum zu geben.

Die Hand immer noch auf der TĂŒrklinke, den schlafenden Körper auf dem Bett zĂ€rtlich vor seinem geistigen Auge betrachtend, spĂŒrte er in sich nun diese alles erschaffende Macht aufwallen. Und er stellte fest, dass die Angst fort war. Sie schlief friedlich, und er ließ sich durchströmen von dieser unbĂ€ndigen Kraft, die die meisten seiner Mitmenschen wohl nur in dunklen Ahnungen wahrnehmen wĂŒrden. Sein Körper fĂŒhlte sich seltsam durchlĂ€ssig an, als wĂ€re er nur ein GefĂ€ĂŸ, um etwas in sich zu halten, das den eigentlichen Wert darstellte. Und nun, wĂ€hrend er merkte, dass sein Körper sich mehr und mehr entspannte und sich mehr und mehr seiner inneren Blockaden als unnötige Illusionen eines „Guten“ entblĂ¶ĂŸten, fĂŒhlte er etwas in ihm, das er in Ermangelung besserer Worte als „Seele“ erkannte, obwohl Worte ebenso doch nur leere GefĂ€ĂŸe fĂŒr etwas sein konnten, das tatsĂ€chlich so viel reicher war.

Er fĂŒhlte, wie sein Innerstes in Richtung des schlafenden Körpers zu fließen begann, der in seinem friedlichen TrĂ€umen all den einengenden Illusionen des Tages entflohen war, fĂŒhlte, dass es schön sein musste, so ineinander zu fließen, zu schaffen, zu sein. Aber etwas in ihm war diesem so ursprĂŒnglichen, kindlichen BedĂŒrfnis nach Einheit bereits entwachsen. Etwas in ihm hatte gelernt, dass Macht immer auch Verantwortung bedeutete. Und sie war noch nicht bereit. ZĂ€rtlich verließen seine Gedanken ihr Zimmer und er kehrte erfrischt zurĂŒck zu seinem Herzen.

Dort erwartete sie ihn bereits, sie, die seine Liebe mit der Offenheit eines Herzens, dem die Narben des Lebens eine seltene Tiefe geschenkt hatten, empfing. Tief in ihr Herz blickend, hatte er seine eigene Tiefe wiederentdeckt, und jenen lĂ€ngst vergessenen Raum des Schaffens. Und, den Raum öffnend, dass die vermeintlich unbezĂ€hmbare Bestie in seinem Herzen ihm ein Freund sein können wĂŒrde. Vielleicht wĂŒrde sie ihn einst noch zu anderen Herzen fĂŒhren als dem ihren. Die Liebe, die ihm offenbarte, dass er mehr war als das GefĂ€ĂŸ seines Körpers, war eine wilde, unbĂ€ndige Kraft, die in ihrem Schaffensdrang gerne die Schönheit der bisherigen Schöpfung außer Acht ließ. Aber je tiefer ihre Freundschaft werden wĂŒrde, desto besser wĂŒrden sie sich verstehen. Und immer besser wĂŒrde es ihm gelingen, diese Macht in ihm so einzusetzen, dass sie mehr Nutzen als Schaden anrichtete. DafĂŒr waren Freunde schließlich da.

Er hatte in ihr Herz geblickt, und auch in ihrem Herzen eine wunderbare kleine Freundin erblickt, die ein wenig verschĂŒchtert, und im Lichte des plötzlichen Tageslichts blinzelnd, in die Welt hinausstarrte. Die Lust war auch in ihr, und auch sie wĂŒrde sich nach und nach ihren rechtmĂ€ĂŸigen Platz in ihrem Herzen zurĂŒckerkĂ€mpfen. ZĂ€rtlich hatte ihre Lust dem Freund in ihm die Hand gereicht, noch ein wenig unsicher und verwirrt von dem langen Schlaf, aus dem sie erwacht war. Gemeinsam wanderten sie nun, und sie zeigte ihm das Herz, in dem sie wohnte, und er ihr das seine. Gemeinsam trĂ€umten sie davon, wie es wohl wĂ€re, nicht mehr alleine zu sein und einen Freund zu haben, mit dem sie ihre Welt teilen konnten. Bis sie voller Freude feststellten, dass sie bereits wach waren, lebten, liebten.

LĂ€chelnd erwachte er aus seiner inneren Welt, an sie und ihre innere Freundin denkend, sich glĂŒcklich fĂŒhlend, ihre starke Verbindung fĂŒhlend. Leise tönte sein Handy. Eine SMS von ihr. „Mein Herz ist gerade bei dir, fĂŒhlt dein Herz schlagen“, hatte sie geschrieben. Wir sind eben doch alle verbunden, dachte er schmunzelnd, nur vergessen wir es viel zu oft. Wie gut, dass es tief in uns allen einen Freund gab, der uns daran erinnerte. Den die Über-MĂ€chte dieser Welt zum Schweigen bringen, in die Tiefe verbannen, einen Bestie nennen, aber niemals ganz zu vernichten vermochten.

Er dachte noch einmal an den schlafenden Körper im Nebenzimmer zurĂŒck. Da war Liebe fĂŒr diese Seele in ihm, aber ihr Herz blieb ihm verschlossen, pflichtbewusst einen Bewohner bewachend, vor dessen Macht sie sich fĂŒrchtete. Sie war schön. Aber sie war noch nicht bereit. Er wĂŒrde da sein fĂŒr diese zarte Seele, die noch der Illusion erlegen war, sie mĂŒsste andere Seelen zurechtweisen, um die vermeintliche Bedrohung in ihr zu bekĂ€mpfen. Vielleicht wĂŒrde auch sie irgendwann bereit sein, Liebe in Freiheit zu schenken und zu empfangen, erkennen, dass Freiheit Verantwortung nicht nur bedingte, sondern auch voraussetzte. Dass Liebe in Freiheit zu schenken nicht eine abgeschmackte, verantwortungslose Version einer „vernĂŒnftigen“ Beziehung war, sondern vielleicht die höchste aller KĂŒnste, die es zu erlernen galt.

Tief einatmend, beglĂŒckt ausatmend, fĂŒhlte er ihren köstlichen Duft, freute sich, sie in einigen Tagen wiederzusehen. Doch fĂŒr Liebe, in Freiheit gegeben, war Distanz, auch zeitliche, nur eine weitere Illusion unter vielen. Und schon spĂŒrte er ihre NĂ€he, ihr Herz im Rhythmus des seinen klopfend, und er wusste, dass sie ebenfalls gerade an ihn dachte, ihn in ihrem Herzen fĂŒhlte. Waren sie bereit? Er wusste es nicht. Ein KĂŒnstler konnte sich in den verschiedenen Techniken ĂŒben, aber die Erschaffung des Kunstwerks war am Ende immer ein Akt des Mutes, der hoffnungsvollen Überforderung. Sich selbst vergessen, sich selbst aufgeben, sich selbst als vergĂ€ngliches GefĂ€ĂŸ wahrnehmen und zu reinen Fließen zu werden. Niemand fĂŒhlte sich wohl jemals vollends bereit. Aber es fĂŒhlte sich richtig an, an sie zu denken, ihr bedingungslos seine Liebe zu schenken und die ihre ebenso frei zu empfangen, auch wenn er es sich nicht erklĂ€ren konnte, warum, und auch wenn viele seiner Freunde ihm rieten, doch kein unnötiges Risiko einzugehen.

Menschen mĂŒssen doch erst lernen, sich Liebe zu verdienen, meinten sie. Doch es fĂŒhlte sich richtig an. Sein Einwand wirkte klĂ€glich im Angesicht der Statistiken der Kritiker, die rieten, zu misstrauen, sich Respekt zu verschaffen, bevor man ĂŒberhaupt an so etwas wie Liebe denken sollte. Aber es fĂŒhlte sich eben richtig fĂŒr ihn an, und als er seinen inneren Freund dazu befragte, klopfte ihm der aufmunternd auf die Schulter und zwinkerte ihm zu. Er wĂŒrde tun, was sich richtig anfĂŒhlte. Auf seine Verantwortung. Die Welt war unfrei genug. Es war unverantwortlich, auch noch die Freiheit der Liebe zu unterbinden. Sie wĂŒrde es verstehen. WĂŒrde mit ihm fĂŒhlen, mit ihm Schritt fĂŒr Schritt schaffen, leiden und manchmal, mit ein wenig GlĂŒck und Demut, auch feiern können. Weil es richtig war. Weil es wichtig war. Weil er die Liebe zwischen ihnen fließen gespĂŒrt hatte und verstanden hatte, dass diese Macht, dieses Fließen stĂ€rker sein konnte als alle Illusionen des Unmöglichen.

„Wollen wir?“, fragte er sie hoffnungsvoll in Gedanken, und die Antwort erklang nur einen Moment spĂ€ter in seinem Herzen, trug die Erinnerung an ihren herrlichen Duft mit sich, war alles was er sich erhofft hatte, alles, was er fĂŒr den Augenblick von ihr brauchte, um weiter glauben, weiter hoffen zu können:
„Ja.“

P.S.: Eine wunderbare junge Frau hat sich vor einigen Tagen von dieser Geschichte inspirieren lassen und selbst eine sehr empfehlenswerte Antwort-Geschichte aus weiblicher Sicht veröffentlicht, die ich euch nicht vorenthalten will. Ihr findet sie hier.

Portrait Niklas Baumgärtler

Niklas BaumgÀrtler

Niklas BaumgĂ€rtler interessiert sich fĂŒr die Kunst der Begeisterung und macht gerne Wechsel- und Hebelwirkungen in Sozialen Systemen sicht- und erlebbar. Mehr über Niklas BaumgĂ€rtler...

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Niklas Baumgärtler ist ehemaliger Volksschul-Lehrer und Lehrer an Freien Schulen. Heute ist er in der Erwachsenen-Fortbildung tätig, wie z.B. in der Lehrer-Fortbildungs-Reihe über der bunterrichten-Tage. Man kann sich von ihm Webseiten programmieren lassen, oder es hier einfach selbst lernen - entweder in der Online-LernWerkStatt oder auch über die Frauen-Programmier-Treffs.