--> #67 Freie Liebe - Bunterrichten

#67 Freie Liebe

(Letztes Update von Niklas Baumg├Ąrtler am 26.5.2021)

Als Ausgleich f├╝r die lange Wartezeit gibts dieses Mal eine besonders lange, dreiseitige Geschichte. Ich hoffe, das ist in eurem Sinne ­čÖé

Sie war sch├Ân. Ihr schlafender K├Ârper, nicht ganz von dem wei├čen Laken verdeckt, wirkte friedlich. Einen Moment lang blieb er im T├╝rrahmen stehen und beobachtete sie z├Ąrtlich. Vor lauter Ersch├Âpfung hatte sie das Licht brennen lassen. Aus dem Off des Fernsehers rauschten belanglose Worte zu ihm, irgendetwas mit ÔÇ×Kaufen Sie jetzt!ÔÇť, das ├╝bliche Schnattern aufgeregter Fernseh-Verk├Ąufer. Hatte wohl auch vergessen, den Fernseher auszuschalten. Ob sie den Verk├Ąufer wohl auch in ihren Tr├Ąumen noch wahrnahm? Dann bewegte sie sich, und er konnte die Konturen ihres K├Ârpers unter dem Laken erahnen. Sie war wirklich sch├Ân.

Als er die T├╝r langsam schloss, um das Geplapper des Verk├Ąufers nicht mehr h├Âren zu m├╝ssen, wurde ihm erst bewusst, dass er gerade eine f├╝r ihn ungewohnte Entscheidung getroffen hatte. Etwas hatte sich ver├Ąndert. Lange noch stand er dort, sinnierend, woran es lag, dass er sich irgendwie seltsam f├╝hlte, freier, menschlicher. Bis er feststellte, dass er sie begehrt hatte. In dem kurzen Moment, als sie sich unter ihren Laken bewegt hatte, hatte er den Impuls gesp├╝rt, zu ihr zu gehen. Durch ihr Haar zu streicheln. Sich an sie zu kuscheln. Ihren K├Ârper an dem seinen zu sp├╝ren, sie zu liebkosen, sie sanft aus ihrem Schlaf zu wecken und ihr auf eine Weise zu begegnen, die ihnen bisher verschlossen gewesen war.

Auch die noch Schlafende h├Ątte es genossen. Er wusste, dass er seit langem z├Ąrtliche Gef├╝hle f├╝r sie hegte, und sie f├╝r ihn. Wusste, dass sie ihn seit langem erwartete, in ihren Tr├Ąumen von ihm tr├Ąumte, w├Ąhrend er, nur einige Meter entfernt und doch so fern, seinen verwirrten Gedanken nachjagte. Eine Entscheidung zu treffen versuchte, die seinem Geist zu viel abverlangte, ihn zu sehr verwirrte, zu viele Grunds├Ątze in Frage stellte, als dass er h├Ątte Ja sagen k├Ânnen. Und so waren sie sich nahe gekommen, aber nie zu nahe, so hatten sie sich geliebt und gehasst, nie so recht wissend, warum eigentlich. Nun wusste er es. Etwas hatte sich ver├Ąndert. Er begehrte sie. Hatte sie immer begehrt. Doch nun konnte er es ihr offen zeigen. Sagen. Nun konnte er handeln.

Fr├╝h schon, als Kind, hatte er die Lust in sich entdeckt. Ebenso fr├╝h hatte er gelernt, sie tief in sich zu vergraben zu m├╝ssen. Es war wider die Natur, so zu lieben, hatten sie ihm erkl├Ąrt. Aber sie war da, war nicht zu leugnen. Er hatte nur einen Platz f├╝r sie gefunden, der vor der Welt sicher gewesen war. Tief in seinem Inneren hatte er sie verwahrt, und jede kleinste Regung angstvoll ├╝berwacht. Da war sie nun wieder, diese furchterregende Macht, die ihn schon als kleiner Junge fasziniert hatte, dieser Hauch des G├Âttlichen, diese schaffende wie vernichtende Kraft. Sie hatten Angst vor ihr gehabt. Das wurde ihm nun, so viele Jahre sp├Ąter, schlagartig bewusst. Hatten Angst davor, was sie zu schaffen vermocht h├Ątten, was sie in ihrem blinden Schaffen zu zerst├Âren vermocht h├Ątten. Auch seine Eltern hatten diese Macht wohl einst in sich versp├╝rt, und auch sie hatten sich geh├╝tet, ihr in sich Raum zu geben.

Die Hand immer noch auf der T├╝rklinke, den schlafenden K├Ârper auf dem Bett z├Ąrtlich vor seinem geistigen Auge betrachtend, sp├╝rte er in sich nun diese alles erschaffende Macht aufwallen. Und er stellte fest, dass die Angst fort war. Sie schlief friedlich, und er lie├č sich durchstr├Âmen von dieser unb├Ąndigen Kraft, die die meisten seiner Mitmenschen wohl nur in dunklen Ahnungen wahrnehmen w├╝rden. Sein K├Ârper f├╝hlte sich seltsam durchl├Ąssig an, als w├Ąre er nur ein Gef├Ą├č, um etwas in sich zu halten, das den eigentlichen Wert darstellte. Und nun, w├Ąhrend er merkte, dass sein K├Ârper sich mehr und mehr entspannte und sich mehr und mehr seiner inneren Blockaden als unn├Âtige Illusionen eines ÔÇ×GutenÔÇť entbl├Â├čten, f├╝hlte er etwas in ihm, das er in Ermangelung besserer Worte als ÔÇ×SeeleÔÇť erkannte, obwohl Worte ebenso doch nur leere Gef├Ą├če f├╝r etwas sein konnten, das tats├Ąchlich so viel reicher war.

Er f├╝hlte, wie sein Innerstes in Richtung des schlafenden K├Ârpers zu flie├čen begann, der in seinem friedlichen Tr├Ąumen all den einengenden Illusionen des Tages entflohen war, f├╝hlte, dass es sch├Ân sein musste, so ineinander zu flie├čen, zu schaffen, zu sein. Aber etwas in ihm war diesem so urspr├╝nglichen, kindlichen Bed├╝rfnis nach Einheit bereits entwachsen. Etwas in ihm hatte gelernt, dass Macht immer auch Verantwortung bedeutete. Und sie war noch nicht bereit. Z├Ąrtlich verlie├čen seine Gedanken ihr Zimmer und er kehrte erfrischt zur├╝ck zu seinem Herzen.

Dort erwartete sie ihn bereits, sie, die seine Liebe mit der Offenheit eines Herzens, dem die Narben des Lebens eine seltene Tiefe geschenkt hatten, empfing. Tief in ihr Herz blickend, hatte er seine eigene Tiefe wiederentdeckt, und jenen l├Ąngst vergessenen Raum des Schaffens. Und, den Raum ├Âffnend, dass die vermeintlich unbez├Ąhmbare Bestie in seinem Herzen ihm ein Freund sein k├Ânnen w├╝rde. Vielleicht w├╝rde sie ihn einst noch zu anderen Herzen f├╝hren als dem ihren. Die Liebe, die ihm offenbarte, dass er mehr war als das Gef├Ą├č seines K├Ârpers, war eine wilde, unb├Ąndige Kraft, die in ihrem Schaffensdrang gerne die Sch├Ânheit der bisherigen Sch├Âpfung au├čer Acht lie├č. Aber je tiefer ihre Freundschaft werden w├╝rde, desto besser w├╝rden sie sich verstehen. Und immer besser w├╝rde es ihm gelingen, diese Macht in ihm so einzusetzen, dass sie mehr Nutzen als Schaden anrichtete. Daf├╝r waren Freunde schlie├člich da.

Er hatte in ihr Herz geblickt, und auch in ihrem Herzen eine wunderbare kleine Freundin erblickt, die ein wenig versch├╝chtert, und im Lichte des pl├Âtzlichen Tageslichts blinzelnd, in die Welt hinausstarrte. Die Lust war auch in ihr, und auch sie w├╝rde sich nach und nach ihren rechtm├Ą├čigen Platz in ihrem Herzen zur├╝ckerk├Ąmpfen. Z├Ąrtlich hatte ihre Lust dem Freund in ihm die Hand gereicht, noch ein wenig unsicher und verwirrt von dem langen Schlaf, aus dem sie erwacht war. Gemeinsam wanderten sie nun, und sie zeigte ihm das Herz, in dem sie wohnte, und er ihr das seine. Gemeinsam tr├Ąumten sie davon, wie es wohl w├Ąre, nicht mehr alleine zu sein und einen Freund zu haben, mit dem sie ihre Welt teilen konnten. Bis sie voller Freude feststellten, dass sie bereits wach waren, lebten, liebten.

L├Ąchelnd erwachte er aus seiner inneren Welt, an sie und ihre innere Freundin denkend, sich gl├╝cklich f├╝hlend, ihre starke Verbindung f├╝hlend. Leise t├Ânte sein Handy. Eine SMS von ihr. ÔÇ×Mein Herz ist gerade bei dir, f├╝hlt dein Herz schlagenÔÇť, hatte sie geschrieben. Wir sind eben doch alle verbunden, dachte er schmunzelnd, nur vergessen wir es viel zu oft. Wie gut, dass es tief in uns allen einen Freund gab, der uns daran erinnerte. Den die ├ťber-M├Ąchte dieser Welt zum Schweigen bringen, in die Tiefe verbannen, einen Bestie nennen, aber niemals ganz zu vernichten vermochten.

Er dachte noch einmal an den schlafenden K├Ârper im Nebenzimmer zur├╝ck. Da war Liebe f├╝r diese Seele in ihm, aber ihr Herz blieb ihm verschlossen, pflichtbewusst einen Bewohner bewachend, vor dessen Macht sie sich f├╝rchtete. Sie war sch├Ân. Aber sie war noch nicht bereit. Er w├╝rde da sein f├╝r diese zarte Seele, die noch der Illusion erlegen war, sie m├╝sste andere Seelen zurechtweisen, um die vermeintliche Bedrohung in ihr zu bek├Ąmpfen. Vielleicht w├╝rde auch sie irgendwann bereit sein, Liebe in Freiheit zu schenken und zu empfangen, erkennen, dass Freiheit Verantwortung nicht nur bedingte, sondern auch voraussetzte. Dass Liebe in Freiheit zu schenken nicht eine abgeschmackte, verantwortungslose Version einer ÔÇ×vern├╝nftigenÔÇť Beziehung war, sondern vielleicht die h├Âchste aller K├╝nste, die es zu erlernen galt.

Tief einatmend, begl├╝ckt ausatmend, f├╝hlte er ihren k├Âstlichen Duft, freute sich, sie in einigen Tagen wiederzusehen. Doch f├╝r Liebe, in Freiheit gegeben, war Distanz, auch zeitliche, nur eine weitere Illusion unter vielen. Und schon sp├╝rte er ihre N├Ąhe, ihr Herz im Rhythmus des seinen klopfend, und er wusste, dass sie ebenfalls gerade an ihn dachte, ihn in ihrem Herzen f├╝hlte. Waren sie bereit? Er wusste es nicht. Ein K├╝nstler konnte sich in den verschiedenen Techniken ├╝ben, aber die Erschaffung des Kunstwerks war am Ende immer ein Akt des Mutes, der hoffnungsvollen ├ťberforderung. Sich selbst vergessen, sich selbst aufgeben, sich selbst als verg├Ąngliches Gef├Ą├č wahrnehmen und zu reinen Flie├čen zu werden. Niemand f├╝hlte sich wohl jemals vollends bereit. Aber es f├╝hlte sich richtig an, an sie zu denken, ihr bedingungslos seine Liebe zu schenken und die ihre ebenso frei zu empfangen, auch wenn er es sich nicht erkl├Ąren konnte, warum, und auch wenn viele seiner Freunde ihm rieten, doch kein unn├Âtiges Risiko einzugehen.

Menschen m├╝ssen doch erst lernen, sich Liebe zu verdienen, meinten sie. Doch es f├╝hlte sich richtig an. Sein Einwand wirkte kl├Ąglich im Angesicht der Statistiken der Kritiker, die rieten, zu misstrauen, sich Respekt zu verschaffen, bevor man ├╝berhaupt an so etwas wie Liebe denken sollte. Aber es f├╝hlte sich eben richtig f├╝r ihn an, und als er seinen inneren Freund dazu befragte, klopfte ihm der aufmunternd auf die Schulter und zwinkerte ihm zu. Er w├╝rde tun, was sich richtig anf├╝hlte. Auf seine Verantwortung. Die Welt war unfrei genug. Es war unverantwortlich, auch noch die Freiheit der Liebe zu unterbinden. Sie w├╝rde es verstehen. W├╝rde mit ihm f├╝hlen, mit ihm Schritt f├╝r Schritt schaffen, leiden und manchmal, mit ein wenig Gl├╝ck und Demut, auch feiern k├Ânnen. Weil es richtig war. Weil es wichtig war. Weil er die Liebe zwischen ihnen flie├čen gesp├╝rt hatte und verstanden hatte, dass diese Macht, dieses Flie├čen st├Ąrker sein konnte als alle Illusionen des Unm├Âglichen.

ÔÇ×Wollen wir?ÔÇť, fragte er sie hoffnungsvoll in Gedanken, und die Antwort erklang nur einen Moment sp├Ąter in seinem Herzen, trug die Erinnerung an ihren herrlichen Duft mit sich, war alles was er sich erhofft hatte, alles, was er f├╝r den Augenblick von ihr brauchte, um weiter glauben, weiter hoffen zu k├Ânnen:
ÔÇ×Ja.ÔÇť

P.S.: Eine wunderbare junge Frau hat sich vor einigen Tagen von dieser Geschichte inspirieren lassen und selbst eine sehr empfehlenswerte Antwort-Geschichte aus weiblicher Sicht ver├Âffentlicht, die ich euch nicht vorenthalten will. Ihr findet sie hier.

Portrait Niklas Baumgärtler

Niklas Baumg├Ąrtler

Niklas Baumg├Ąrtler interessiert sich f├╝r die Kunst der Begeisterung und macht gerne Wechsel- und Hebelwirkungen in Sozialen Systemen sicht- und erlebbar. Mehr über Niklas Baumg├Ąrtler...

Über bunterrichten

bunterrichten ist ein Gegenkonzept zum sonst üblichen Unter-richten, das auf Anpassung und Unterordnung basiert. Stattdessen geht es darum, Menschen über Stimmigen Kontakt zur Entfaltung zu verhelfen - eben "Menschen helfen aufzublühen".

Niklas Baumgärtler ist Lehrer/Trainer und Werkzeugmacher für Webseiten und Soziale Systeme. Er ist seit Mai 2018 aus Überzeugung selbstständig, und vor allem in der Erwachsenen-Bildung tätig.