Ein schöner Baum war es gewesen, der ihre Aufmerksamkeit erregt hatte. Die Farbe seiner Blätter war trotz oder gerade wegen der prallen Sonne der letzten Wochen bereits leicht in ein herbstliches Gelb übergegangen. Und die Rinde war auch faszinierend gewesen. Einige Schritte weiter stellte sie fest, dass sie gar nicht wusste, was sie gesehen hatte, nur wusste, was sie gerade nicht gesehen hatte. Den Mann mit dem leicht ergrauten Bart auf seiner alten, durchlöcherten Decke, den sie schon von einiger Entfernung bemerkt hatte und großräumig umgehen wollte. Aber er saß zu nahe am Eingang des Arztes, bei dem sie einen Termin hatte. Es wäre lächerlich gewesen, den Häuserblock zu umrunden, nur um ihm nicht in die Augen schauen zu müssen. Vielleicht würde er sie gar nicht bemerken.

Doch natürlich hatte er sie bemerkt, wohl ihre Unsicherheit gespürt, sie mit seinen unergründlichen Augen angeblickt. Als war er über die Jahre trainiert darin geworden, die innere Schwäche der Passanten aus ihren Bewegungen, ihren Blicken herauszulesen. Für einen Moment hatte sie sich schuldig gefühlt, als sie in diese Augen blickte, und dann den rettenden Baum entdeckt. Ein wahrlich schöner Anblick. Nein, sie war seinem Blick nicht ausgewichen. Sie hatte einen Baum bewundert. Aber nun musste sie zum Arzt. Schließlich hatte sie einen Termin. Und wer einen Termin hatte, konnte eben keine Zeit erübrigen. Das war verständlich. Weder für Bäume noch für Augen, die Fragen aufwarfen.

Der Arztbesuch verlief ohne große Überraschungen. Alles in Ordnung. Nur eine grenzwertige Untersensibilität der Haut war festgestellt worden. Aber das war wohl normal in ihrem Alter. „Eine typische Gesellschaftskrankheit“, hatte der Arzt gemeint, „Aber solange Sie noch was fühlen können, ist es noch in Ordnung.“ Dann hatte er ihr einen kleinen Stich mit einer Nadel versetzt, und es hatte wehgetan. Sogar ein kleines bisschen geblutet. Alles in Ordnung, alle Werte noch gut intakt.

Als sie sich ankleidete, hielt sie inne. Vielleicht war es schlau, noch eine der Zeitungen zu lesen, die im Wartezimmer lagen. Irgendwann würde es dem Mann vor der Tür wohl zu blöd werden, vor einer Arztpraxis zu sitzen und Menschen zu verwirren. Wenn er Geld haben wollte, war das nicht der intelligenteste Ort, es zu bekommen. Am Bahnhof vielleicht, vor einem Supermarkt, oder einem Marktplatz. Aber vor einer Arztpraxis? Irgendetwas war doch nicht ganz normal mit dem Typen. Nachdem sie zwei weitere Magazine gelesen hatte, warf sie einen Blick aus dem Fenster. Er war immer noch da.

„Sie sind ja immer noch da!“, rief der Arzt erstaunt aus, als er die Tür zu seiner Praxis öffnete, „Ich muss Sie nun leider rauswerfen, ich habe Feierabend“. Nervös warf sie einen Blick aus dem Fenster. Der Mann saß immer noch da. Selbstzufrieden. Schien auf sie zu warten. Niemand sprach er an, niemand schien von ihm Notiz zu nehmen. Warum hatte er ausgerechnet sie angeblickt? „Wollen Sie etwa hier übernachten?“, scherzte der Arzt, sie prüfend ansehend. „Nein, natürlich nicht, ich habe nur…“, stammelte sie, sich mühsam zusammenreißend. „Kommen Sie doch noch einmal in meinen Praxis“, meinte der Arzt.

„Was ich Ihnen vorher erklärt habe, war eine Metapher. Verstehen Sie?“
„Eine Metapher?“
„Das mit der grenzwertigen Untersensibilität. Ihre Haut ist völlig normal. Psychologisch aber versuchen Sie, sich eine „dicke Haut“ zuzulegen. Die entsprechend unsensibel ist.“
„Sind Sie nun auch noch Psychologe oder was?“
„Nein, aber ich bin nicht blind.“
„Warum sollte ich das tun? Mir ihre „dicke Haut“ zulegen, wie Sie meinen?“
„Sie haben Angst vor ihm, oder?“
„Angst vor wem?“
„Dem Mann vor der Tür. Sie warten seit drei Stunden in meinem Wartezimmer. Nach der Behandlung. Nach dem Termin.
„Sie haben interessante Zeitschriften.“
„So interessant, dass Sie sie gleich zwei Mal lesen wollen?“
„Was wollen Sie von mir?“
„Ich will die Wahrheit herausfinden.“
„Welche Wahrheit?“
„Warum Sie Angst haben vor einem Mann, der nichts tut, als Sie anzusehen.“
„Weil er etwas von mir will. Geld wahrscheinlich.“
„Hat er Sie um etwas gebeten?“
„Nein, aber ich habe ihm ja auch die Chance dazu nicht gegeben. Sonst hätte er es sicher getan.“
„Und wenn ich Ihnen sage, dass der Mann ein Freund von mir ist, den ich gebeten habe, für ein soziales Experiment vor meiner Praxis zu sitzen und nichts zu tun, als Menschen liebevoll anzublicken?“
„Was hätten Sie davon?“
„Ich wollte wissen, was es mit Menschen macht, wenn Sie unerwartet bedingungsloser Liebe begegnen. Offensichtlich macht es Angst. Ihre ‚Untersensibilität‘, die ich ihnen diagnostiziert habe, ist Ihre meiner Ansicht nach nur wenig ausgeprägte Fähigkeit, diese Liebe wahrzunehmen. Und ihre ‚intakten Werte‘, die ich ihnen bescheinigt habt, die Festigkeit der Strukturen, die sie daran hindern, etwas daran zu verändern.“
„Sie sprachen so, als sei ich im Grunde genommen gesund.“
„Aus unserer gesellschaftlichen Ebene betrachtet sind Sie das auch. Aber fühlen Sie sich auch tatsächlich wohl?“
„Meistens, ja. Wenn ich nicht ständig solchen Menschen wie dem Mann da draußen ausgesetzt bin, die einen so komisch ansehen, als wollten sie etwas von mir. Da gibt es ja gefühlt immer mehr davon.“
„Sie würden von denen gerne in Ruhe gelassen werden?“
„Ja, die machen mir Angst.“
„Es sind stets die Unberührbaren einer Gesellschaft, die uns zeigen, wie unberührbar ihre Mitglieder selbst geworden sind. Nicht sie, die noch Kontakt mit uns aufnehmen wollen, sind die Unberührbaren, sondern wir.“
„Warum habe ich Angst vor denen?“
„Weil es Menschen sind, die verstehen. Die Ihnen einen Teil von Ihnen wiederspiegeln, den Sie gerne vergessen würden. Vielleicht eine Erinnerung aus ihrer Kindheit. Vielleicht eine unterdrückte und längst überdeckte Angst. Vielleicht das, was man gemeinhin ‚Mitgefühl‘ nennt.“
„Jetzt habe ich Angst vor mir selbst.“
„Vor dem, was in ihnen stecken könnte, ja. Dem in Ihnen, was sie selbst berühren, in Bewegung bringen, verändern könnte, ja. Deswegen hilft Ihnen ihre „dicke Haut“ auch nicht wirklich weiter, verlagert das Problem nur scheinbar nach außen. Sie umschließt nur das, was Ihnen wirklich Angst macht, macht es unzugänglicher, aber es ist immer noch da.“
„Ich muss jetzt wirklich gehen.“
„Natürlich“, lächelte der Arzt, mit diesem Blick, der sie nervös machte, „dann gehen Sie. Auf Wiedersehen!“
Eiligen Schrittes verließ sie die Arztpraxis. Der Mann war fort. Hatte er je existiert? Das Gespräch mit dem Arzt kam ihr nun seltsam irreal vor. Was hatte er gesagt? Dass die Angst, die man vor anderen fühlte, nur die Angst vor dem eigenen Inneren sein sollte? Das klang irgendwie seltsam, unlogisch. War sie im Wartesaal eingeschlafen, hatte alles nur geträumt, inspiriert von den weisen Gedanken in den Magazinen?

Doch dann sah sie eine junge Frau, die mitten auf der Straße tanzte, während ein junger Mann ihr mit einer Holzkiste den Rhythmus vorgab. Eine kleine Menge Schaulustiger hatte sich gebildet, und auch sie fühlte sich von der Musik angezogen, bewegt. Straßenkünstler. Sie würden Geld von ihr wollen. Aber aus unerfindlichen Gründen war es ihr gerade egal. Sie wollte tanzen, ihre Hüften schwingen. Aber mitten auf der Straße? Vor so vielen Leuten? Mit einem Mal, machtvoll, kehrte die Angst zurück. Sie konnte doch nicht einfach dort hingehen und mittanzen. Das war ja lächerlich! Und sie war ja auch gar keine so gute Tänzerin. Die Leute würden lachen. Oder die Künstler von ihr genervt sein. Eine machtvolle Woge der Unsicherheit überschwemmte sie, ließ sie innehalten, den Sog der Musik in ihr unterbinden, sie zur stillen Beobachterin werden. Diese Menschen waren anders. Waren frei. Das war nicht ihr Leben. Konnte nicht ihr Leben sein. Die tanzende Frau schien ihre Unsicherheit zu spüren, lächelte sie an, tanzte auf sie zu, streckte die Hand in einer einladenden Geste zu ihr aus. Es erschien plötzlich so möglich. Es erschien unlogisch, undenkbar – aber doch möglich.

Doch schon einen Augenblick später hatte sie sich wieder unter Kontrolle, wusste um ihren Platz im Leben, jene Rollen, die ihr zugewiesen waren und jene, die ihr verwehrt bleiben würden. Sie würde nicht tanzen. Das passte auch gar nicht zu ihr. Würde die Musik und ihre Macht in sich verstummen lassen, dem Pärchen einen Blick zuwerfen, der eine adäquate Mischung aus Respekt und Herablassung vermuten ließ, und dann geruhsam die Straße entlangschlendern, wie alle anderen auch. Alles gut. Nur weitergehen.

Nur dieser letzte, wissende Blick der Tänzerin, den sie noch aufgefangen hatte, verwirrte sie. Da war etwas von Freude in ihrem Blick, von Verbundenheit mit der Musik. Aber auch von Mitgefühl. Dieses Pärchen, abseits ihrer Show mit Sicherheit total unglücklich mit ihrem verkorksten Leben und ihrer Situation, durfte kein Mitgefühl für sie empfinden. Das war nicht richtig so. War irgendwie verkehrt. Sich noch einmal umdrehend, bemerkte sie, dass die Tänzerin ihr immer noch nachblickte, mit diesem scheußlich zärtlichen Blick, der ihr den Magen umdrehte. Es sind stets die Unberührbaren einer Gesellschaft, die uns zeigen, wie unberührbar ihre Mitglieder selbst geworden sind, hatte der Arzt gesagt. Und für einen Moment wurde ihr bewusst, wie unwohl sie sich in ihrem Körper fühlte, den sie in all den Jahrzehnten doch noch nie wahrhaft kennengelernt hatte. Wie gern sie sich im Takt der Musik bewegt hätte, aber einfach nicht wusste, wie. Die Erkenntnis schmerzte. Berührte. Musste aufhören. Und hörte einen Augenblick später auch auf, als ihre inneren Mechanismen sich um den Rest kümmerten.

Und in der Illusion der Zufriedenheit, in der sie sich am wohlsten fühlte, eine Melodie pfeifend, schlenderte die Unberührbare weiter die Straße entlang. Alles gut. Die Werte waren noch im Rahmen.

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