#70 Wert-Schätzung

War es genug? Würde es genug sein? Würde es reichen, was sie in all den Jahren an Erfahrung angesammelt hatte, an Sensibilität, die ihr eine seltene Zärtlichkeit verlieh? Und vor allem: für wie lange würde es reichen? Wie lange würde es dauern, bis er herausgefunden hatte, wie es in ihrem Inneren aussah, wie lange, bis er sie durchschaut hatte, ihr auf den Grund gegangen war, mit der Gründlichkeit seines ruhigen Blickes? Und was dann? Würde er nicht, erschrocken von dem, was er in ihr vorfinden würde, zurückschrecken, wie auch er es getan hatte, als die Tür, die sie noch getrennt hatte, sich langsam öffnete? Da war diese Angst in ihr, die ihr Herz zum Rasen bringen vermochte, und nur durch äußerste Anstrengungen war es ihr möglich, Ruhe zu bewahren. Es war nicht gut, wenn er ihre Anspannung bemerkte. Es war noch nicht Zeit. Noch ein wenig genießen. Die Wahrheit war ein hohes Gut. Aber im Krieg und in der Liebe war alles erlaubt. Hoffentlich.

Irgendwo an einem See hatten sie Rast gemacht. Hatten geplaudert. Über Sternschnuppen, Gott und die Welt im Allgemeinen. Weitergeredet, während sie ihr Nachtlager aufschlugen. Er wollte sie, ihre Leere, ihre Tiefe, suchte sie im Dunkel der Nacht. Aber was, wenn er fände, wenn er aufdeckte, was verborgen bleiben musste? Doch ihn abzuweisen hätte Fragen aufgeworfen, Fragen, deren Antworten sie schuldig bleiben musste. Ihm ihren Körper eröffnend, verschloss sie ihm ihr Innerstes. Sie fühlte sich seltsam fern, als würde es nicht ihr Körper sein, der sich auf den seinen senkte. Rasch war es vorbei. Es war zu dunkel, es genau zu erkennen, aber ihr war, als glitzerte eine Träne in seinen Augen. Hatte er nicht gefunden, was er in ihr suchte? Hatte sie nicht gegeben, was von einer Frau zu erwarten war? Was vermeinte er zu suchen, in ihr zu finden, als Leere?

Von ihm ablassend, starrte sie in den Nachthimmel. Wie lange noch würde sie ihm ausweichen können? Wie lange noch das Spiel weiterspielen, dass man „Liebe“ zu nennen pflegte? Wie lange noch, bis er tief genug in sie eingedrungen war, um zu sehen, was das Dunkel der Nacht gnädig verdeckte? Er hatte sich weggedreht, atmete langsam. Vielleicht schlief er bereits. Zärtlich streichelte sie seine Schulter. Wusste er, was sie zu geben vermochte? Wusste er, warum die Tür zu ihrem innersten Innern ihm verschlossen bleiben würde, verschlossen bleiben musste? Ein Zucken durchzog ihre Hand, ging durch ihren Oberarm und ihre Schulter, ihren ganzen Körper. Er war wach. Drehte sich zu ihr um, sah sie an. Und sah. Wusste wohl wenig von den Gründen, aber er erkannte ihre Ängste. War in ihr, tief in ihr, an dem Ort, der anderen zu ihrem eigenen Schutz verboten war. Und blieb. Floh nicht. Sah sich neugierig um, teils bewundernd, teils verwundert.

Es war überflüssig, etwas erklären zu wollen – und doch tat sie es. Erzählte ihm eine Geschichte. Vom Bau dieser heiligen Hallen, von den Blumen, mit denen sie sie geschmückt hatte, und von den Frevlern, die sie verwüstet hatten. Von der Entscheidung, die Ruinen vor den Grabräubern zu beschützen, indem sie von allen Landkarten gelöscht wurden. Und der Angst, ohne diesen Prachtbau nur noch wenig zu gelten.

„Was ist diese Ruine hier wohl noch wert?“, meinte sie zu ihm.
„Was würdest du schätzen?“, fragte er zurück.
„Schau dich mal um! Nur noch halb zerfallene Steine, alles längst überwachsen.“
„Aber was würdest du schätzen? Was ist es noch wert? Was bist du noch wert?“
Etwas an seinem Tonfall sagte ihr, dass er es nicht abwertend meinte. Trotzdem fühlte sie sich verletzt.
„Naja, die Landschaft ist ganz schön hier…“
„Und?“
„Man könnte aus den ganzen Steinen vielleicht etwas Schönes bauen.“
„Was würdest du also schätzen, dass das Ganze hier wert ist?“
„Naja, das kommt darauf an, was man eben daraus macht.“

Etwas ließ sie aus ihrer inneren Welt erwachen, und sie sah in seinen Augen, dass sie nicht geträumt hatte. Er war mit ihr an jenem Ort gewesen, der allen verboten war. Und hatte ihr einen Schlüssel geschenkt. Was war sie wohl wert? Was man eben daraus machte. Sinnlos, sich verstecken zu wollen. Die wunderschöne Landschaft in ihr selbst eröffnete ihr tausendfache Möglichkeiten. Würde jemand bei ihr bleiben wollen, wenn er erst in ihr Innerstes vorgedrungen war? Würde dieser Jemand bleiben wollen? Es, sie wertschätzen können? Am Ende würde es egal sein. Es war ihre Heimat, musste ihr gefallen und niemand anderem. Weder ihren Eltern noch ihren Freunden noch ihren Liebhabern. Derzeit sah es noch etwas heruntergekommen aus. Vernachlässigt. Aber das würde sich nun ändern.

Aber würde er nicht das Recht für sich beanspruchen, mitgestalten zu können, wie all die anderen Männer in ihrem Leben? Ich werde hier nur Gast sein, las sie beruhigt in seinem Blick. Ihr Leben lang hatten andere an ihren Heiligtümern gezerrt, gerüttelt, Tribut gefordert oder sonstwelche Forderungen gestellt. Bis alles in sich zusammengebrochen war. Das Heiligtum. Alles, was heilig, wertvoll erschien. Nun waren sie abgezogen, um an anderem Heiligen zu rütteln. Es werde heil, sprach sie, überrascht über die Autorität in ihrer Stimme. Hier war ihr wahres Zuhause, das es wiederaufzubauen galt. Wieder zu heilen. Wieder zu heiligen. Die Jahre der Verbannung waren vorbei. Dieses Mal würde sie die Grenzen zu wahren wissen.

Sei mir willkommen, lud sie ihn nun ein, erfreut über sein Dasein. Sei mein Gast.

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